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Klage gegen Sacha Baron Cohen: "Brüno"-Opfer verlangt 110 Millionen Dollar

Vergeht Sacha Baron Cohen bald das Lachen? Könnte sein. Denn ein Palästinenser, den der Komiker in seinem Film "Brüno" als Terrorist dargestellt hat, fordert sagenhafte 110 Millionen Dollar.

Fällt selten aus seiner Rolle: Der britische Radikalhumorist Sacha Baron Cohen Zur Großansicht
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Fällt selten aus seiner Rolle: Der britische Radikalhumorist Sacha Baron Cohen

Hamburg - Er schlich sich auf den Catwalk bei der Mailänder Modewoche, erschien in albernen Verkleidungen zu Premierefeiern und enthüllte seinen Allerwertesten bei mehr als einer Gelegenheit. Am Ende half dem Radikalkomiker Sacha Baron Cohen all seine Ganzkörper-PR jedoch nicht - seine Fake-Doku "Brüno" floppte an der Kinokasse. Eins hat der Film um die Figur des schwulen österreichischen Modejournalisten aber doch mit seinem Hit-Vorgänger "Borat" gemein: juristischen Ärger.

Dem "Law Blog" des "Wallstreet Journal" ist zu entnehmen, dass ein Mann aus Betlehem im Westjordanland gegen Cohen, den Filmverleih Universal und US-Talker David Letterman klagt. Ebenfalls Gegenstand der Klage: "Brüno"-Regisseur Larry Charles sowie Lettermans Produktionsfirma Worldwide Pants, der ausstrahlende Sender CBS und der Medienkonzern Gannett Company.

Der Vorwurf Ayman Abu Aitas: Seit dem Kinostart habe er Morddrohungen erhalten, sein Ruf als Geschäftsmann habe enorm gelitten, und er lebe seither in steter Angst um sich und das Leben seiner Familie - kurz: Cohens Film habe sein Leben ruiniert. Seine Forderung: "Brüno" darf nicht weiter verkauft oder gezeigt werden, und die Beklagten sollen insgesamt 110 Millionen Dollar zahlen - weit mehr als die Hälfte des internationalen Kinoeinspiels, eine ungewöhnlich hohe Summe, auch gemessen an vergleichbaren Klagen aus der Vergangenheit.

Abu Aita, der ein Lebensmittelgeschäft nahe Betlehem führt, wird im Film als Anführer der radikalen palästinensischen Al-Aksa-Brigaden vorgestellt. Cohens Hauptfigur Brüno will seine eigene Entführung arrangieren, um berühmt zu werden. Er sagt zu Abu Aita: "Ich will berühmt werden. Ich will, dass die Besten mich kidnappen. Al-Qaida ist sooo 2001."

Die Szene spielt angeblich in einem Flüchtlingslager im Libanon. Als aber der britische "Guardian" den vermeintlichen Terroristen im August für ein Interview ausfindig machte, sagte Abu Aita, dass sie tatsächlich in einem bekannten Hotel in unmittelbarer Nähe einer israelischen Militärbasis gedreht worden sei.

"Wer spielt den Terroristen?"

Was Talkshow-Größe Letterman damit zu tun hat? In dessen Sendung erzählte Komiker Cohen, dass er mehrere Monate gebraucht und die Hilfe eines CIA-Kontakts in Anspruch genommen habe, um den vermeintlichen Terroristen ausfindig zu machen. "Wer spielt den Terroristen?", soll sein Filmteam gefragt haben, als Cohen die Idee das erste Mal präsentierte. "Nein, wir finden einen echten", habe er daraufhin gesagt. In der Letterman-Show bezeichnete der Brite Abu Aita durchgängig als "den Terroristen", einmal gar als "meinen Terroristen", und scherzte, er bete zu Gott, dass der Mann den Film niemals sehen werde.

Abu Aita beharrt darauf, dass Cohen ein "Lügner" sei und ihn ausgetrickst habe - ein Vorwurf, der dem zahlreicher Statisten aus dem vorherigen Film des Komikers, "Borat", ähnelt. Cohen habe behauptet, er sei ein deutscher Produzent, der einen Film über die Palästinenser macht, rechtfertigte Abu Aita, warum er sich überhaupt auf den Dreh eingelassen habe. Er sei lediglich ein Vertreter der politischen Fatah, ein Christ zudem und lehne Gewalt ab, sagte er dem "Guardian". Der Kontakt sei zudem nicht über die CIA, sondern einen palästinensischen Journalisten zustandegekommen.

Auf Cohen Entführungsanfrage habe er gesagt: "Erstens bin ich kein Terrorist und zweitens sind Sie ein Gast hier, also muss ich auf sie achtgeben, bis Sie mein Land wieder verlassen." Diese Szene sei kurzerhand herausgeschnitten worden, beklagte er.

Ayman Abu Aita hat schon mal für 18 Monate im Gefängnis gesessen. Wie sein Rechtsanwalt Joseph Peter Drennan dem "Law Blog" sagte, sei er aber nie verurteilt worden. Dass er ungehindert in die USA reisen kann wie in der vergangenen Woche, als er kam, um die Klage einzureichen, spricht für Abu Aitas Darstellung.

Kritik, Anfeindungen - und Morddrohungen auch gegen Cohen

Schon Sacha Baron Cohens Kinohit "Borat" (2006), in dem er einen antisemitischen kasachischen Fernsehreporter gibt, hatte zahlreiche Klagen nach sich gezogen, darunter die von drei College-Studenten, die sich nicht als Schnapsdrosseln auf DVD verewigt sehen wollten, oder eine andere, in der Bewohner eines rumänischen Dorfs die angeblich verzerrende Darstellung der Realität verbieten lassen wollten. Auch der Staat Kasachstan empörte sich, zudem zahlreiche Statisten. Wie jetzt auch Ayman Abu Aita sind sie der Auffassung, Sacha Baron Cohen habe sie mit falschen Informationen zu ihren Auftritten vor der Kamera überredet.

"Brüno" traf es im Mai zum ersten Mal: Die Kalifornierin Richelle Olson verklagte Cohen, weil sie bei seinen Dreharbeiten verletzt worden und seither auf einen Rollstuhl angewiesen sei.Cohen habe als Moderator eines Benefiz-Bingospiels für Senioren das Publikum mit vulgären Aussagen so sehr beleidigt, dass sie versucht habe, ihm das Mikrofon wegzunehmen. Dabei sei sie gestürzt, machte die Frau geltend - und verklagte ihn auf Schadensersatz.

In den meisten Fällen dürfte der juristische Ärger Cohen ganz recht gekommen sein, da er kostenlose PR bedeutet; zumal wenn einstweilige Verfügungen - wie im Fall der trinkseligen College-Jungs - scheitern.

Während den Briten die übliche Kritik also kaum aus der Fassung bringen dürfte, brachte ihm "Brüno" eine neue, unangenehmere Erfahrung: Nicht nur Abu Aita, sondern Cohen selbst soll wegen der Terroristenszene Morddrohungen erhalten haben. Im August ließ die Palästinenserorganisation verbreiten: "Wir behalten uns vor, auf den Mann so zu reagieren, wie wir es für richtig halten. Der Film ist Teil einer Verschwörung gegen die Aksa-Märtyrer-Brigaden." Mit so einer Äußerung scherzt nicht einmal Sacha Baron Cohen: Er ließ seine Sicherheitsvorkehrungen verschärfen.

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Sacha Baron Cohen: Aus Borat mach Brüno


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