Von Christoph Dallach
Ein Redakteur hatte Reinhard Münchenhagen vor Klaus Kinski gewarnt. Der Moderator wollte den Schauspieler in seine Talkshow "Je später der Abend" einladen und rief ihn trotz aller Vorbehalte seiner Redaktion an. Am Telefon war Klaus Kinski freundlich und stimmte nach anfänglichem Zögern einem Besuch bei Müchenhagens Plauderrunde zu.
Der Auftritt, den Kinski, der wilde Kerl des deutschen Kinos, dann beim WDR hinlegte, ist längst TV-Geschichte und nun endlich jenseits von YouTube zu genießen. Schlicht und international "Kinski Talks" heißt die DVD, die zwei bemerkenswerte Fernsehinterviews mit dem 1992 verstorbenen Wüterich Kinski enthält: Sein Besuch bei "Je später der Abend" (1977), sowie ein nie in voller Länge gesendeter Gesprächsversuch in der RTL-Sendung "Wer bin ich" (1985). Als Bonus-Draufgaben erinnern sich die Interviewer an ihre Begegnungen mit dem unberechenbaren deutschen Weltstar, der mindestens so berühmt für seine Ausfälle war wie für seine Schauspielkunst.
Wie ein hungriges Raubtier
Die eindrucksvollsten Auftritte hatte Klaus Kinski wohl in Filmen von Werner Herzog ("Fitzcarraldo"), und dass der Regisseur später die oft angespannte Zusammenarbeit mit seinem Star in seinem Dokumentarfilm "Mein liebster Feind" nachlegte, passt.
Der ehemalige WDR-Mann Münchenhagen ahnte auch, dass ihm turbulente Minuten bevorstehen, als Klaus Kinski hereinkam. Kein Wunder, mit wilder Mähne und noch viel wilderem Blick betrat Kinski das Studio wie ein hungriges Raubtier, das Blut wittert. Kaum hatte er Platz genommen, setzte er auch schon zur ersten Attacke an. Ob er denn überhaupt zur Vorbereitung seine Memoiren gelesen habe, blaffte Kinski den braven Fragesteller Münchenhagen zur Begrüßung an, der daraufhin wie ein Schüler brav den Titel herunter betete. Erst als Kinski nachsetzte und auch noch den Verlag seines Buches von ihm hören wollte, verweigerte sich der Gastgeber, aber da hatte er schon die Gesprächsführung an Kinski verloren.
Wie ein Kugelblitz rauschte Klaus Kinski dann in die betuliche Plauder-Runde, nannte Münchenhagen höhnisch immer wieder "Münchhausen", brabbelte wild und toll drauflos, drohte einem Mann aus dem Publikum indirekt Schläge an - und beantwortete letztlich keine einzige der zaghaft gestellten, teils bizarren Fragen: "Sie haben so viel Liebe gegeben, Herr Kinski, haben Sie genug zurückbekommen?"
Wie lange dieses aberwitzige Spektakel zurückliegt, merkt man auch daran, dass sich Müchenhagen, Kinski und der andere Talk-Gast Manfred Krug eine Zigarette nach der nächsten anstecken.
Dreiste Zumutung oder tolle Erfrischung?
Auch der Gesprächsversuch der RTL-Frau Helga Guitton mit einem herrlich desinteressierten Kinski ist ein Erlebnis der besonderen Art. Eigentlich isst er da nur die ganze Zeit und scheint sich zu wundern, warum ihn diese lästige Frau mit Fragen behelligt. Darüber, ob solche Auftritte von Klaus Kinski eine dreiste Zumutung oder eine tolle Erfrischung waren, kann man lange zanken. Der Musiker Lou Reed, ein ähnlich launischer Gesprächspartner, hat mal auf die Frage, warum er immer so unwirsch auf Journalisten reagiere, geantwortet: "Talk is fight" ("Gespräch ist Kampf"), was wohl sein deutscher Künstler-Kollege nicht anders sah.
Aber wer sich in diesem Jahrtausend der Qual einer deutschen TV-Talkrunde aussetzt, wird sich nach Entertainern wie Klaus Kinski sehnen. Denn all die austauschbaren, beherrschten, moderaten, gesitteten, vernünftigen Gäste, die stets unverbindlich über Gott und die Welt palavern, narkotisieren letztendlich nur ihr Publikum, und jeder ihrer Auftritte ist im nächsten Augenblick wieder vergessen. Wer das nächste Mal bei Anne Will und Co. wegdämmert, sollte zum Munterwerden schnell die DVD mit den Kinski-Auftritten einlegen.
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