Klaus-Lemke-Film "Berlin für Helden": Viel Sex, wenig Handlung

Von Peter Luley

Mit seinem neuen Film "Berlin für Helden" schickt sich Regie-Legende Klaus Lemke an, die Hauptstadt zu erobern - nach vielen Jahren hat er sich mal wieder einen kleinen Kinostart erkämpft. Leider ist es nicht das stärkste Stück des alten Straßenräubers.

Lemke-Film "Berlin für Helden": Eine Bombe, die nicht zündet Fotos
deutschfilm

Der Filmemacher Klaus Lemke, drahtige 71, ist ein Mann mit bewegter Vergangenheit, ein großer Geschichtenerzähler und auch einfach ein gut gelaunter cooler Hund. Weil der Regisseur des Kultwerks "Rocker" (1971) nach längerer Schaffenskrise die Vorzüge der digitalen Handkamera für sich entdeckte und damit inspirierte kleine Hamburg-Fresken schuf ("3 Minuten Heroes", "Finale"), hat er in den vergangenen sechs, sieben Jahren eine verdiente Renaissance erfahren. Legionen von Journalisten haben ihn als kühnsten Cowboy des deutschen Films besungen, sein halbimprovisiertes Arbeiten mit Laiendarstellern begleitet und die fördergeldlose Finanzierung seiner 70-80.000-Euro-Filme bestaunt.

Wenn diese Woche sein jüngstes, im Sommer 2011 gedrehtes Straßenstück "Berlin für Helden" einen kleinen Kinostart feiert, ist das aber doch noch mal ein besonderer Anlass. Zum einen, weil neue Lemke-Filme zuletzt meist unter der Woche um Mitternacht im ZDF versendet wurden; zum anderen, weil der in München lebende Rebell die Hauptstadt lange als "subventionierten Unsinn für verspannte Töchter und Söhne" verspottet und als Filmschauplatz für sich kategorisch abgelehnt hat. Nun verkündet er: "Berlin ist Bombe", fühlt sich an "Barcelona vor 20 Jahren" erinnert und findet die Stimmung "berauschend und erschreckend zugleich". Weil seine Arbeit nicht zur Berlinale zugelassen wurde, ließ er im Februar am Roten Teppich aus Protest die Hose runter. Aber jetzt kann ja über den Film gesprochen werden.

"Denn in dieser Stadt kriegst du nur, was du dir nimmst", informiert eine Einblendung zu Beginn, dann hält Henning (Henning Gronkowski) den Tankstutzen in seinen beigefarbenen Mercedes. Mit Anna (Anna Anderegg) fährt er vom Lande nach Berlin, offenbar haben sie den Trip zu zweit geplant, aber dann lässt sie ihn stehen: "Amüsier dich doch mal, mach doch mal was!"

In allen Lebenslagen wird gevögelt

Es ist der Startschuss zu einem lustvollen Bäumchen-wechsel-dich-Spiel, in dem bald ein dauerfluchender italienischer Musiker (Marco Barotti), eine Diva in Dessous (Saralisa Volm) und ein blasierter Schauspieler im Seidenanzug (Andreas Bichler) mitmischen. Ein munterer Auftakt: Die disparaten Szenen sind flott geschnitten, es gibt ein paar hübsche Oneliner, und man kann sich eine Weile lang daran erfreuen, dass in Lemke-Filmen so wenig gesprochen wird. Recht bald allerdings erscheint selbst das Wenige noch als zu viel - und das hohe Tempo läuft sich tot: Wenn man zum ersten Mal das Gefühl hat, es sei nun so viel Quatsch passiert, dass es allmählich auf die Zielgerade gehen könnte, sind gerade mal 30 Minuten um, und jemand hält ein fröhlich bemaltes Pappschild mit der Aufschrift "Zwei Wochen später" in die Kamera.

Die Story-Fragmente sind von wirklich herzzerreißender Naivität. Ein Rasta-Hüne, der als "Menschenfresser" tituliert wird, will ein beim Italiener bestelltes Musikvideo abholen, das dieser nicht parat hat - woraufhin Saralisa die Frage "Wie drehe ich ein Video auf MTV?" bei Google eingibt. Henning wiederum, der Pizza mampfende Slacker, versucht sich wie im Vorgängerfilm "Schmutziger Süden" als Kleinunternehmer und gründet einen Kurierdienst namens "Cash und keine Fragen".

Schon klar, nicht auf die Handlung, auf die Haltung kommt es an: Lemke-Helden leben wild und gefährlich, brauchen kein Geld, schnorren Zigaretten, schlafen im Auto und sind natürlich - nicht zuletzt - promiskuitiv. In allen Lebenslagen wird gevögelt. Es ist nur so, dass die Plot-Einsprengsel so trashig-lachhaft sind, dass sie einem den liebenswerten Outcast-Spirit fast verleiden.

I make you monster

Nervig ist auf Dauer auch der exzessive Einsatz der immergleichen Musik - der Film zeigt geradezu beispielhaft, wie man ein Motiv totreitet. Ganz davon zu schweigen, dass das grundsätzlich gelungene Stück "Overnight Slavery" von Telonius mit Lemkes Lieblingszeile "You make me woman, I make you monster" bereits im vorangegangenen München-Film sehr prominent zum Einsatz kam.

A propos: Was ist denn nun mit dem Berlin-Sittengemälde, wird ein Milieu, ein spezielles Lebensgefühl spürbar? Manchmal. Erfrischend kommt eine exzentrische Gesangseinlage vorm obligatorischen Café St. Oberholz daher ("Ich war noch nie ein Genie", krakeelt da ein beseelt-verstrahlter Straßenkünstler), und wohlwollend könnte man feststellen: Allein die Tatsache, dass Lemke auch in Berlin sein Ding drehen konnte, wo er bislang nicht über eine gewachsene Street Credibility verfügte, zeugt von hauptstädtischem Laissez-faire. Es stört hier eben keinen, ob um die Ecke einer irgendwas performt. Ansonsten aber behält "Berlin für Helden" die Besucher-Perspektive seiner Protagonisten bei und könnte auch in jeder anderen Großstadt spielen.

Nach 77 Minuten, die wegen exzessiven Kokain-Konsums des Schauspielers ein tragisch angehauchtes Ende finden, drängt sich der Eindruck auf, dass sich ausgerechnet der alte Partisan Klaus Lemke allmählich ein bisschen zu bequem eingerichtet hat in seinem Status. Bestach noch sein 2007 gedrehter Hamburg-Film "Dancing with Devils" als schlüssige, genau beobachtete Milieustudie, so sind seine Arbeiten seither nicht origineller geworden - quasi umgekehrt proportional zu seiner zunehmend brachialen Eigen-PR und Anti-Filmförderungs-Polemik. Gerade wer Lemke-Filme liebt, möchte ihm da ein beherztes "Obacht, Cowboy!" zurufen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. "Obacht, Cowboy!"
haltetdendieb 05.04.2012
Zitat von sysopMit seinem neuen Film "Berlin für Helden" schickt sich Regie-Legende Klaus Lemke an, die Hauptstadt zu erobern - nach vielen Jahren hat er sich mal wieder einen kleinen Kinostart erkämpft. Leider ist es nicht das stärkste Stück des alten Straßenräubers. Klaus-Lemke-Film "Berlin für Helden": Viel Sex, wenig Handlung - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,825536,00.html)
Dann wage ich es als Erster und rufe Klaus Lemke ein beherztes: "Obacht, Cowboy!" zu.
2. Moderne Kunst
spongie2000 05.04.2012
Hoffentlich wir der Film nicht den Weg der Kunst gehen und modern werden. Die Menschen möchten Herzblut sehen, sie möchten nicht sehen, wie ein ach so toller Maler/Filmemacher sich keine Mühe gibt, weil er bekannt ist. (Ausgenommen Snobs, die sich für Kunstversteher halten). Filme müssen durchdacht sein oder tolle Effekte bieten. Wir auf beides Verzichtet, entsteht an die Wochenshow ein typischer "boring German Kraut Movie".
3. hm
angst+money 05.04.2012
Zitat von sysopMit seinem neuen Film "Berlin für Helden" schickt sich Regie-Legende Klaus Lemke an, die Hauptstadt zu erobern - nach vielen Jahren hat er sich mal wieder einen kleinen Kinostart erkämpft. Leider ist es nicht das stärkste Stück des alten Straßenräubers. Klaus-Lemke-Film "Berlin für Helden": Viel Sex, wenig Handlung - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,825536,00.html)
Alleine schon die Kombination der Begriffe "Berlin" und "Helden" lässt Totgerittenes befürchten.
4. uiiii...
Bruno Calabrese 05.04.2012
Klausi, völlig wurscht, ob der Film gelungen ist oder nicht - Du bist der Held. Typen, wie Du, sind Mangelware. Wünsche Dir von Herzen ein langes Leben mit noch vielen geilen Filmen.
5. Passt eher ...
Einweckglas 05.04.2012
Zitat von angst+moneyAlleine schon die Kombination der Begriffe "Berlin" und "Helden" lässt Totgerittenes befürchten.
Das finde ich auch. Passt eher in das Berlin der 80er und vor allem der frühen 90er Jahre .... Man muss sich aber nachsichtig zeigen, denn Kokain hat mittlerweile auch in der Hauptstadt Einzug erhalten und verdrängt seitdem zunehmens das alte Speed-Pille-Alkohol-Mix. Vielleicht war er nur ´ne Spur zu gut drauf, der gute Klaus, und dann fehlte in Selbstüberschätzung einfach nur der feine Sinn. Man mag es ihm verzeihen, denn Held bleibt Held! ;-)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Kino
RSS
alles zum Thema Kino
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 5 Kommentare
  • Zur Startseite