"Kleinruppin forever" Der Osten leuchtet

Achtziger-Revival trifft DDR-Nostalgie: Die Teenager-Komödie "Kleinruppin forever" erzählt die Geschichte eines deutsch-deutschen Flirts vor der Wende. Mit charmanten Jung-Darstellern und beherztem Witz gelang dem Regie-Newcomer Carsten Fiebeler eine wahrhaft märchenhafte Romanze.

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Szene aus "Kleinruppin forever" (mit Anna Brüggemann, Tobias Schenke): Situationskomische Erlebnisse im Osten
Senator Film

Szene aus "Kleinruppin forever" (mit Anna Brüggemann, Tobias Schenke): Situationskomische Erlebnisse im Osten

Tim ist 19 Jahre alt und lebt in Bremen. Er trägt sein Haar so, wie wir es früher gehasst haben: Auf der einen Seite kurz, auf der anderen lang, so dass es ihm ständig ins Gesicht fällt und er es mit einer furchtbar arroganten Geste nach hinten schütteln muss. Tim ist ein Popper, der in einer großen Villa lebt und im Swimming Pool mit spröden Möchtegern-Models schäkert. Er liebt Alphavilles Schmusehit "Forever Young", trägt weiße Pullover und hat als angehender Tennis-Star soeben ein Stipendium in Florida gewonnen. Sein Vater, ein wohlhabender Architekt, behandelt ihn zwar wie ein lästiges Insekt, aber dafür fährt er Porsche und finanziert seinem Sohn den obligatorischen Vespa-Roller. Man merkt, dies sind die achtziger Jahre in ihrer übelsten Phase.

Regisseur Carsten Fiebeler, ehemals Werbefilmer, inszeniert das Bremen von 1985 wie einen Videoclip: Schnelle Schnitte und pralle Farben unterstreichen Bilder von Lebenskraft, Geld und unbegrenzten Möglichkeiten. Der Westen ist reich, aber kalt wie eine Neonreklame. Die Szenerie ändert sich, als Tim mit seiner Schulklasse einen Tagesausflug in die DDR macht: graue Fassaden, protzige Plakate zum 1. Mai, Armut, schikanöse Grenzbeamten an der Transitstrecke.

Szene mit Tim (Tobias Schenke) und Jana (Anna Brüggemann): Knutschen in Kleinruppin
Senator Film

Szene mit Tim (Tobias Schenke) und Jana (Anna Brüggemann): Knutschen in Kleinruppin

Warum Tims Lehrer ausgerechnet die DDR-Provinz für ihre Exkursion in den Osten wählten, bleibt - wie so vieles andere in Fiebelers Ostalgiekomödie "Kleinruppin forever" - ein Geheimnis. Aber natürlich muss es Kleinruppin sein, denn das fiktive Kaff im Brandenburgischen ist Tims Geburtsort, dem er bereits als Kleinkind per Adoption entrann. Was Tim nicht weiß: Er hat einen Zwillingsbruder, der noch immer dort lebt. Ronnie ist ein langhaariger Hippie, der in einer heruntergekommenen Fabrik arbeitet, bei seinem einsiedlerischen Ziehvater Erwin lebt und am liebsten mit seinen Kumpels schrammeligen Bluesrock spielt. Wie es das Schicksal will, treffen Tim und sein östliches Ebenbild in Kleinruppin zusammen. Die Begegnung der Brüder endet mit einem handfesten Streit, der darin gipfelt, dass Ronnie den Bus nach Bremen besteigt - und Tim allein und ohne Pass im wilden Osten zurückbleibt.

Natürlich hat er seine liebe Mühe, sich in der DDR zurecht zu finden: Telefonate in den Westen muss er anmelden, die Leute benutzen Begriffe, die er nicht versteht, sie tragen merkwürdige Klamotten - und schon bald interessiert sich auch der örtliche Stasi-Beauftragte für den Außenseiter. "Was ist das Schlimmste, das einem Wessi passieren kann", lautete das Motto der beiden - westdeutschen - Drehbuchautoren Peer Klehmet und Sebastian Wehlings. Die Antwort: in der DDR zu stranden.

Erzählte der Film nun über 100 Minuten Tims situationskomische Erlebnisse in der fremden Welt der späten Ost-Diktatur nach, wäre "Kleinruppin forever" eine jener mäßig witzigen Komödien, die nicht nur in den Achtzigern spielt, sondern auch aus ihnen stammt. Doch die Aussöhnung mit der DDR und die Verklärung des Lebens in der Ostzone haben Konjunktur, seit "Sonnenallee" und "Good Bye, Lenin!" zu Kassenschlagern wurden.

Szene mit Tobias Schenke und Michael Gwisdek: Liebevoller Ziehvater
Senator Film

Szene mit Tobias Schenke und Michael Gwisdek: Liebevoller Ziehvater

Folglich fängt der Osten allmählich an zu leuchten, als Tim sich in die ebenso hübsche wie resolute Krankenschwester Jana verliebt. Die bis hierhin triste Darstellung des Ost-Alltags wird in immer sattere Farben getaucht, die Bilder werden episch bis zuweilen schmalzig, das Erzähltempo gerät zum gleichmäßigen Fluss - ein krasser und gewollter Gegensatz zur aggressiven Hektik des Westens.

Der gestrandete Teenager gewöhnt sich nach und nach an sein Leben als Ronnie und lernt die Vorzüge des DDR-Lebens zu schätzen: Zusammenhalt, Freizügigkeit und ein Leben jenseits der glitzernden Oberfläche. Am Ende erhält er die Chance, mit dem örtlichen Schwimmkader zurück in den Westen zu gelangen, und muss sich zwischen dem lockenden Leben in Saus und Braus und seiner großen Liebe entscheiden.

Fiebelers Film wirkt in seiner ganz offen zur Schau gestellten Märchenhaftigkeit fast ein bisschen einfältig, und doch gelingt es dem Regisseur, eine letztlich stimmige Romanze zu entwerfen, über die sich die auch nach 15 Jahren noch geteilte Republik in der Realität trefflich versöhnen könnte, würde sie sich nicht gerade im Streit um die Arbeitsmarktreform entzweien.

Grenzkontrolle an der Transitstrecke: "Was ist das Schlimmste, das einem Wessi passieren kann"
Senator Film

Grenzkontrolle an der Transitstrecke: "Was ist das Schlimmste, das einem Wessi passieren kann"

Dass "Kleinruppin forever" nicht im Orkus der peinlich-dümmlichen Teenie-Komödien versinkt, liegt nicht zuletzt auch am beherzten und angenehm unaufgesetzt wirkenden Spiel der Jungdarsteller. Tobias Schenke ("Knallharte Jungs"), der seine Kindheit im Osten verlebte, überzeugt erst als draufgängerisches "Westpaket", dann als verliebter Ostzonen-Romeo. Die Newcomerin Anna Brüggemann (Jana) bezaubert indes mit kleinen Gesten und sinnlichen Lippen, vor allem aber mit ihrer Fähigkeit, trotz hoffnungslos altmodischer DDR-Frisur aufregend zu wirken.

Charakterkopf Michael Gwisdek, der auch schon in "Good Bye, Lenin!" brillierte, verleiht dem jugendlichen Ensemble die nötige Schwere. Als Ronnies liebevoller Ziehvater Erwin, einem vom Leben (und der Staatsmacht) gebrochenen Einsiedler, spiegelt sich zudem die Schattenseite des Lebens in der DDR wider.

Doch natürlich bleibt die Grundaussage des Films reaktionär: Früher war alles besser und Liebe macht frei - trotz Stasi-Überwachung und Blockwart-Schikane. Diese Botschaft liest man aus den romantischen Bildern von Tim und Jana, wenn sie am Badesee turteln oder mit ihren Freunden nachts am Lagerfeuer singen.

In seiner Verklärung und Verzuckerung realer Probleme und Konflikte geht "Kleinruppin forever" sogar noch weiter als "Good Bye, Lenin!", und doch mag man es der kleinen, charmanten Nostalgie-Komödie nicht übel nehmen. Denn mit den achtziger Jahren verschwand auch die DDR für immer in den Geschichtsbüchern. Im brandenburgischen Wittenberge, wo große Teile des Films gedreht wurden, sieht es immer noch ein bisschen so aus wie damals, abgesehen vielleicht vom nagelneuen, chromglänzenden ICE-Bahnhof, der wie ein Fremdkörper inmitten der verfallenen Ostbauten wirkt. Die Plattenbausiedlung aber, in der Jana im Film wohnt, gibt es nicht mehr. Der Abriss wurde extra für die Dreharbeiten hinausgezögert.


Kleinruppin forever


Deutschland 2004. Regie: Carsten Fiebeler. Drehbuch: Peer Klehmet, Sebastian Wehlings. Darsteller: Tobias Schenke, Anna Brüggemann, Michael Gwisdek, Uwe Kockisch, Timo Mewes. Produktion: Akkord Film Produktion, SevenPictures. Verleih: Senator. Länge: 103 Minuten. Start: 9. September 2004



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