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Kleist-Verfilmung "Michael Kohlhaas": Der erste Wutbürger

Von Daniel Sander

Anklage an einen Terroristen oder Ode an einen aufgeklärten Freiheitskämpfer? Der französische Regisseur Arnaud des Pallières fragt sich in seiner Verfilmung der Kleist-Novelle "Michael Kohlhaas", wann der Kampf der Gerechten ungerecht wird.

Keine Frage, dem ehrenwerten Pferdehändler Michael Kohlhaas widerfährt großes Unrecht: Zwei seiner edelsten Rappen muss er einem jungen Baron als Pfand hinterlassen, weil er auf dem Weg zum Markt nicht genug Geld für den ohnehin illegalen Wegezoll dabei hat. Als er die Pferde später wieder abholen will, sind sie zerschunden und abgemagert, auf Kohlhaas' treuen Knecht haben die Schergen des Barons die Hunde losgelassen, nachdem er sich darüber beschwert hatte. Kohlhaas verlangt, seine Pferde in ihrem vorigen, tadellosen Zustand zurückzubekommen, aber der Baron weigert sich. Als Kohlhaas vor Gericht ziehen will, lässt der Adlige seine Beziehungen am Hofe spielen, um die Klage abzuweisen.

Kohlhaas (Mads Mikkelsen) ist ein ruhiger, gelassener Mann, der schon einiges erlebt hat. Aber nichts hasst er so sehr wie Ungerechtigkeit. Und er ist nicht bereit, sich damit abzufinden, wenn Ungerechte über die Gerechten siegen. Ein Wutbürger des 16. Jahrhunderts.

Seine Frau ahnt, dass es schlimm ausgehen könnte, wenn sich Kohlhaas erst mal in die Sache hineingesteigert hat und versucht, selbst bei der Prinzessin vorgelassen zu werden, um die Sache zu bereinigen. Aber sie kommt schwer verletzt vom Palastbesuch zurück und ist wenig später tot. Für Kohlhaas ist es nun endgültig klar. Er wird seine beiden Pferde zurückbekommen. Und wenn dafür Blut fließen muss. Viel, viel Blut.

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Kleist-Verfilmung "Michael Kohlhaas": Gerechtigkeit für den Ungerechten
Vom Pferdehändler zum blutrünstigen Krieger

So kennt man die Geschichte aus der berühmten Novelle von Heinrich von Kleist aus dem Jahr 1810, und so geht sie auch in der mittlerweile vierten Verfilmung des Stoffes aus dem Jahr 2013. Ein Mann kämpft kompromisslos für sein Recht und wird dabei zum blutrünstigen Krieger, dem sich nach und nach eine wachsende Schar gewaltbereiter Mitstreiter anschließt. Und zurück bleibt die Frage: frühzeitlicher Terrorist oder aufgeklärter Kämpfer für die Freiheit?

Konsequent zwiespältig

Mangelnde Werktreue kann man dem französischen Regisseur Arnaud des Pallières nicht vorwerfen, und das, obwohl er die Handlung von Sachsen und Brandenburg in ein karges südfranzösisches Mittelgebirge gepflanzt, die Sprache leicht modernisiert und die Hauptrolle mit einem Dänen besetzt hat.

Alles gute Entscheidungen: Die raue Landschaft inspiriert die Kamerafrau Jeanne Lapoire zu majestätischen, western-ähnlichen Bildern einer schwer zu bändigenden Natur, die Sprache lenkt nicht vom Gesagten ab, und für den stoischen Gerechtigkeitsfanatiker Kohlhaas gibt es wahrscheinlich kaum eine passendere Entsprechung als die kühle, aber zu allem entschlossene Miene von Mads Mikkelsen.

Bei so viel Respekt vor der Vorlage gelingen des Pallières allerdings auch keine Erkenntnisse, die nicht Kleist schon selbst gehabt hätte, der Kohlhaas schon im ersten Satz der Novelle als einen "der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit" zusammenfasst. Der Regisseur zeigt Kohlhaas als konsequent zwiespältige Figur - was zwar eleganter ist, als den Weg der Heldenverklärung zu nehmen, aber eben auch zu keinen Überraschungen führt. Dazu spart sich der Filmemacher auch jeden Versuch, die düstere Geschichte mit etwas Action aufzuladen, obwohl es dafür reichlich Gelegenheit gäbe.

Dieser Film bleibt betont zurückhaltend. Er zeigt nicht, was mit Kohlhaas' Frau im Palast geschieht, was die Hunde mit seinem Knecht anstellen, wie so viele Menschen den Tod finden.

Nichts gegen geschickt eingebaute Ellipsen, aber hier wirken die ständigen Auslassungen eher feige als mutig. Alles wird besprochen, nichts wird gezeigt. Die Bilder sind zwar wunderschön, aber sie sagen nicht viel. Nicht einmal Kohlhaas selbst zeigt Leidenschaft für seine Sache, nur wohlüberlegte Überzeugung. Das macht "Michael Kohlhaas" zu einem seltsam starren, unbeweglichen Film, der entschlossen ist, seine traurige Geschichte so deprimierend und finster wie möglich zu erzählen. Etwas mehr Feuer hätte da gutgetan.


"Michael Kohlhaas", Start: 12.9. Regie: Arnaud des Pallières. Mit Mads Mikkelsen, David Kross, Bruno Ganz.

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Der historische Kohlhaas
wernerwenzel 12.09.2013
wurde gerädert, soviel ich weiß. Rädern ist eine der abscheulichsten Hinrichtungsformen und passt zum ekelhaften Feudalismus.
2.
Stäffelesrutscher 12.09.2013
Zitat von sysopPolybandAnklage an einen Terroristen oder Ode an einen aufgeklärten Freiheitskämpfer? Der französische Regisseur Arnaud des Pallières fragt sich in seiner Verfilmung der Kleist-Novelle "Michael Kohlhaas", wann der Kampf der Gerechten ungerecht wird. http://www.spiegel.de/kultur/kino/kleist-verfilmung-michael-kohlhaas-mit-mads-mikkelsen-a-921686.html
»Wutbürger« und »Terrorist« auf eine Ebene zu stellen, zeugt erstens von der Verachtung der Bourgeosie für eine Bevölkerung, die sich nicht mit der absolutistischen Machtausübung zufriedengibt, und zweitens von der Angst derselben Bourgeoisie und ihrer Schreiberlinge, dass ihre Macht nicht ewig währt, trotz Robocops mit Pfefferspray, trotz Hartz IV mit Entzug des Existenzminimums, trotz Bundeswehr-Trainingscamps in Sachsen-Anhalt für den Bürgerkrieg. Es fällt auf, dass die Filmkritik mit keinem Wort darauf eingeht, wie die Vertreter der Staatsmacht dargestellt werden. Gibt es da vielleicht aktuelle Bezüge?
3. Mal wieder lesen
herkurius 12.09.2013
(Sorry, der Beitrag geht nicht über den Film und seine Aussage) ... hab' die Novelle als legal kostenloses E-Book in zehn Sekunden gefunden und heruntergeladen :-)
4.
LukasE 12.09.2013
Ich empfehle stattdessen ganz dringend "Kohlhaas oder die verhältnismäßigkeit der Mittel". Einfach herlich.
5.
aprz 12.09.2013
Der Begriff "Wutbürger" mit dem gerade hier auf Spon jegliche Form legalen und gerechtfertigten Protests auf (blinde) Wut reduziert wird nervt einfach nur noch. Und dann noch im selben Artikel mehr Leidenschaft fordern...
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