Erotisches Kino in Cannes Das Ende vom Porno?

Vanessa Paradis als lesbische Sexfilmproduzentin und explosive Flirtversuche: Die Filme "Knife + Heart" und "Climax" fahnden nach Erotik in Zeiten des Internetpornos.

Vanessa Paradis in "Knife + Hand"
CANNES FILM FESTIVAL/ HANDOUT/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Vanessa Paradis in "Knife + Hand"

Aus Cannes berichtet


Ein Stromausfall am Porno-Set - ein Schauspieler erstochen. Yann Gonzalez' Wettbewerbsbeitrag "Knife + Heart" trägt die Lust an einfachen Gleichungen schon im Titel. Dabei ist der Film über die schwule Pornoindustrie der Siebzigerjahre vor allem ein Spiel mit Oberflächen und dem queeren Verlangen, zumindest visuell die Wirklichkeit umzustülpen.

Im Mittelpunkt steht eine lesbische Frau, die von Vanessa Paradis als melancholisch alternde Erotikfilmproduzentin gespielt wird. Inmitten des männlichen Begehrens entwickelt Anne den lustvollen Willen, wahre Vorkommnisse pornografisch nutzbar zu machen.

Als einer ihrer Darsteller in den Anus erstochen aufgefunden wird und sie von der Polizei argwöhnisch befragt wird, erkennt sie sofort, welch erotische Kraft in dieser Situation liegt. Kurz darauf inszeniert sie eine Szene, in der die Ordnungshüter die Befragung als Auftakt einer Verführung verstehen.

Wo gerade noch der junge, neugierig guckende Polizist zum Tippen auf der Schreibmaschine verdonnert wurde, hämmert nun ein als Polizist verkleideter Schauspieler mit einer Erektion auf die Tastatur ein. Der Clou: Nackt ist er dabei nicht. Wir sehen lediglich eine große Beule in seiner Hose.

Zwar arbeitet Yann Gonzalez auch mit Darstellern, die bereits Erfahrung mit expliziter Darstellung von Sex haben, doch ganz in der Tradition des italienischen Meta-Genres Giallo, der Thriller-Elemente mit großer Stilisierung verbindet, geht es eher um Plakatives als um Explizites. Die Bilder und Töne rufen erotisch überhöht Eindrücke in Erinnerung, weswegen gar nicht so viel direkt im Bild gezeigt werden muss.

Verführung und Verheißung

Stattdessen also Farben und Flächen, Verführung und Verheißung und märchenhafte Bezüge für eine empathische Selbstdarstellung schwuler Geschichte. Die Gefahren eines offen homosexuellen Lebens überführt "Knife + Heart" in den Thrillerplot; die große Liebesgeschichte, die er gleichzeitig erzählt, ist aber die zwischen zwei Frauen. Durch dieses Überlagern nicht-heterosexuellen Begehrens, öffnet Gonzalez seinen auch unter der Frage nach Repräsentation von Minderheiten sehr interessanten Film für eine feministische Lesart.

Das traditionell eher komplizierte Verhältnis von schwuler und lesbischer Subkultur weicht in dem romantischen Entwurf eines Pornografie-Abgesangs ziemlich glücklicher Harmonie zwischen den Geschlechtern. Vielleicht gerade weil von Beginn an die Montage und die schöne Synthiemusik der Elektroband M83 klarmachen, dass nichts von alledem von Dauer sein wird. Das analoge Filmmaterial, auf dem die damaligen Erotikstreifen noch gedreht wurden, steht sinnbildlich für eine Zeit, in der Homosexuelle noch einen ganz anderen Aufwand betreiben mussten, um Sichtbarkeit für ihre Sehnsüchte herzustellen.

Auf ganz andere Weise fahndet Gaspar Noé in seinem neuen Film nach Erotik im Zeitalter des Internetpornos: Der geübte Provokateur (man erinnere sich an die Vergewaltigungsszene aus "Irreversibel") und regelmäßige Gast des Festivals von Cannes, kehrt nach seinem explizit pornografischen Spielfilm "Love" in diesem Jahr mit einem übersexualisierten Tanzfilm zurück an die Croisette. "Climax", der das Versprechen nach Exzess schon im Titel trägt, hat in der Nebenreihe "Quinzaine des Réalisateurs" einen der Hauptpreise gewonnen.

Die Auszeichnung ist vielleicht ein Indiz dafür, dass seine Hommage an die Elektrotanzkultur der Neunzigerjahre durchaus konsensueller ist als frühere, stark spaltende Werke. Das nimmt "Climax" aber nichts seiner Eigenwilligkeit - wie immer bei Noé stehen Sex, Gewalt und Trance im Mittelpunkt einer verstörenden Zuspitzung plakativer Momente.

Zwei Dutzend Tänzerinnen und Tänzer verbringen eine lange Partynacht gemeinsam in einem abgeschiedenen Haus, einer Art Tanzschule. Sie feiern das Ende ihrer Probenzeit und entsprechend erzählen die Dynamiken zwischen den jungen Leuten längst von lauter unterschiedlichen Beziehungen, gescheitertem Anbandeln und losen Freundschaften. Je länger die Nacht andauert, und der Film zeigt fast nur das, desto aufdringlicher werden vor allem die Männer, die dringend eine oder einen rumkriegen wollen. Gemischt mit einem für die meisten ungewohnten Drogencocktail werden Tanz und Flirtversuche immer explosiver.

Noé ist visuell besessen von den Körpern, die er aus allen Richtungen und in sehr langen Einstellungen zeigt. Dass er dabei überraschend zurückhaltend bleibt, oft auch ganz klar auf Distanz, provoziert geradezu die Erwartung einer pornografischen Auflösung der angestauten Frustrationen.

Der klassische Erotikfilm mag im Kino längst gestorben sein, die Faszination von Sex hingegen ist ungebrochen. Worin der erst verbal und tänzerisch ausgedrückte Sexualdrang mündet, ist der mit viel Selbstbewusstsein ausgebreitete Witz des Films. Nur soviel sei verraten: Bei Noé stirbt die Hoffnung aufs Explizite zuletzt.

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