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Regie-Desaster von Werner Herzog: Der Schimmel über der Wüste

Von Oliver Kaever

Schon bei der Berlinale-Premiere rieben sich die Zuschauer die Augen: Das soll der neue Film von Regie-Altmeister Werner Herzog sein? Tatsächlich ist "Königin der Wüste" so miserabel, dass man aus dem Staunen kaum herauskommt.

Der Guru der US-Filmkritik, Roger Ebert, schrieb über das Werk von Werner Herzog: "Er hat nie einen einzigen Film gemacht, der eine Kompromisslösung, ohne Wert, aus rein pragmatischen Gründen entstanden oder uninteressant gewesen wäre. Sogar sein Scheitern ist spektakulär."

Das war im Jahr 2006, Ebert ist mittlerweile verstorben. Er hat Herzogs neuen Film "Königin der Wüste" nicht sehen müssen und kann sein Urteil nicht mehr revidieren. Es sei an dieser Stelle aber sehr deutlich gesagt: Das Weltkino ist unvorstellbar ohne Werner Herzogs Gesamtwerk, das zu den aufregendsten künstlerischen Leistungen des 20. und jungen 21. Jahrhunderts zählt. Der monumentale Fehlschlag "Königin der Wüste" kann diese Tatsache nicht auslöschen.

Tatsache ist aber auch, das "Königin der Wüste" all das ist, was Herzogs restliches Werk laut Ebert nicht ist. Vor allem eines: uninteressant. Spektakulär ist Herzogs Scheitern hier höchstens, weil man den Film einfach nicht als seinen erkennt. Würde statt Nicole Kidman zum Beispiel Veronica Ferres die Hauptrolle spielen... Man möchte sich das lieber nicht ausmalen, aber dann liefe er prima als "Eventmovie" am Sonntagabend im ZDF.

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"Königin der Wüste": Beduinen-Poesie, wo ist sie nur?
Dabei passen Sujet und Handlungsort auf den ersten Blick perfekt zu Herzogs Oeuvre. Es geht um das Leben der Gertrude Bell (Nicole Kidman), einer weiblichen "Lawrence von Arabien", und ein Großteil der Geschichte trägt sich in der Wüste zu. Die majestätische und grausame Wildnis spielt bei Herzog schon immer eine herausragende Rolle, er hat das Verhältnis des Menschen zur Natur wieder und wieder untersucht und schilderte vor allem mit "Aguirre, der Zorn Gottes" und "Fitzcarraldo" so intensiv wie kein Regisseur zuvor und seitdem das Aufeinanderprallen natürlicher Erhabenheit mit menschlicher Hybris. Und das in einer Filmsprache, die jenseits des klassischen Erzählkinos funktionierte und dabei ganz und gar seine eigene war.

Die Geschichte von "Königin der Wüste" folgt der jungen Gertrude vom englischen Landgut ihrer Familie, wo sie sich furchtbar langweilt und eingesperrt fühlt, nach Persien, wo ihr Onkel als Botschafter arbeitet. Sie verliebt sich nicht nur in das exotische Land und seine Menschen. Auch der Botschaftssekretär Henry Cadogan (James Franco) entfacht in ihr, wie man im Metier der Schnulze so sagt, das Feuer der Leidenschaft. Die beiden wollen heiraten, aber dann stellt sich heraus, dass Henry ein Spieler und hochverschuldet ist. Seinen Selbstmord verwindet Gertrude nie.

In den folgenden Jahren bricht sie immer wieder zu gewagten Expeditionen in die Wüste auf. Reisen, die ihr bei den Arabern Respekt und den Ehrentitel "Khatun - Königin der Wüste" einbringen. Niemand kennt die Wüstenvölker wie sie, von keinem anderen Europäer fühlen die sich so verstanden wie von ihr. Unerwartet verliebt sich Gertrude noch einmal, diesmal in den britischen Major Douhty-Wylie (Damian Lewis), aber auch dieser Beziehung ist kein Glück beschieden.

Aufgebrezelte Seifenoper

Die echte Gertrude Bell, über Jahre vergessen, gehört zu den schillerndsten Figuren des frühen 20. Jahrhunderts. Sie machte zwei Weltreisen, bestieg die Rocky Mountains, war Bestsellerautorin und trotz ihrer Eigenständigkeit strikte Gegnerin der Gleichberechtigung. Nicht zuletzt spielte sie bei der Aufteilung des Nahen Ostens zwischen Frankreich und Großbritannien eine gewichtige und widersprüchliche Rolle. Aber nichts von dem findet sich in Herzogs Film. In seiner Version ihrer Lebensgeschichte ist eigentlich schon gleich am Anfang die Luft raus.

In länglichen Sequenzen hängt die Bell auf Bällen herum, erst zu Hause, dann in Bagdad, und der Zuschauer langweilt sich dabei mindestens so wie die Hauptfigur. Überhaupt setzt dieser Beginn, der mit Kostümen und Ausstattung allerlei Aufwand betreibt, den Ton für den Rest des Films: "Königin der Wüste" ist eine aufgebrezelte Seifenoper, eine Schnulze eben, aber eine von durchschlagender Tristesse. Man reibt sich die Augen, aber Herzog meint es ernst mit der romantisierenden Verbrämung, der immer nur behaupteten Leidenschaft.

Exemplarisch dafür steht die Schilderung der Beziehung zwischen Gertrude und Henry. Selten hat einem Leinwandpaar so sehr das Feuer gefehlt wie hier. Kidman und Franco können sichtlich überhaupt nichts miteinander anfangen, und es ist unmöglich, sich nicht die Frage zu stellen, ob James Franco, dieser Möchtegern-Künstler/Kunstfilmer/Dichter/Autor, ob dieser James Franco nicht recht eigentlich ein sehr, sehr limitierter Schauspieler ist. Als Gertrudes love interest jedenfalls verströmt er das Charisma eines biederen Buchhalters.

Kulturelle Überlegenheitspose

Die im Film immer wieder beschworene "Poesie der Beduinen" - wo ist sie nur? In diesem Film jedenfalls steckt sie nicht. Stattdessen: einfallslose, lieblos kadrierte Wüsten-Panoramen, juchzende Geigen und widerlich eingehegte Weltmusik in einem Score, der jede noch so banale Szene kommentiert, grauenhaft gestelzte Dialoge, denen kein Leben innewohnt. Schon im Februar, bei der mit Spannung erwarteten Weltpremiere, sorgte das für Irritation im Feuilleton.

Am schwersten wiegt, dass Herzog, der auch noch selbst das Drehbuch schrieb, die politische Dimension dieses eigentlich so spannenden Stoffes sträflich vernachlässigt. Die Wurzel vieler Probleme der heutigen, kriselnden Welt Arabiens liegen in dieser Zeit, die noch so stark geprägt war vom kolonialen Selbstverständnis der europäischen Staaten. In "Königin der Wüste" macht Herzog sich diesen Blick auf die Araber zu eigen.

Kein einziger von ihnen spielt eine größere Rolle. Am häufigsten ist noch Bells serviler Diener zu sehen, der ihr jeden Wunsch von den Augen abliest. Sogar untereinander sprechen sie Englisch, arabische Dialekte sind kaum zu hören. Überheblichkeit und kulturelle Überlegenheitsposen - sie finden ungefiltert Eingang in diese so sentimentale, so einfallslose Erbauungsgeschichte.

Beim Abspann reibt man sich noch einmal ungläubig die Augen. Steht da wirklich: Regie - Werner Herzog?

Trailer zu "Königin der Wüste":

Königin der Wüste

USA 2015

Originaltitel: Queen of the Desert

Regie und Drehbuch: Werner Herzog

Darsteller: James Franco, Nicole Kidman, Robert Pattinson

Verleih: Prokino Filmverleih

Länge: 129 Minuten

FSK: ohne

Start: 3. September 2015

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insgesamt 78 Beiträge
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1.
Bias 02.09.2015
Kann bitte jemand den Artikel nochmal korrekturlesen? In den ersten drei Absätzen bereits mindestens zwei Grammatikfehler. Habe da aufgehört zu lesen.
2. Ich weiß, dass ich mir damit Feinde mache, aber ...
Tom Joad 02.09.2015
Ich habe noch keinen Film mit Nicole Kidman gesehen (einer "sehr, sehr limitierten" Schauspielerin), der nicht langweilig gewesen wäre. Vielleicht hätte Werner Herzog doch Veronica Ferres eine Chance geben sollen?
3.
secret77 02.09.2015
Obwohl Herzog Film Fan, kann ich mir nicht einmal den Trailer ganz antun. Kaevers Kidman-Ferres Vergleich sagt alles. Ich finde, die Kidman hat nur in einem enzigen Film eine gute Leistung abgeliefert: in "Eyes Wide Shut". Da konnte sie einfach sie selbst sein und musste nicht schauspielern (...ebenso wie Tom Cruise).
4. Zeitnah
Lontrax 02.09.2015
Mag alles sein. Trotzdem sollte Filmkritik (vor allem wen sie ein derartiger Verriß ist) nicht 6 Monate vor der Weltpremiere erscheinen, sondern zeitgleich dazu, um dem Zuschauer zu erlauben sich selber eine Meinung zum Film zu bilden. Hier wird dem Zuschauer jetzt schon der ganze Film erzählt, dazu noch mit einer Belehrung ihn sich nicht anzusehen, weil er ja so schlecht ist. Das ist keine Kritik, das ist billigste Stimmungsmache.
5. Eigentlich...
eryx 02.09.2015
habe ich mir wirklich vorgenommen, jeden Film, der vom Spiegel eine so schlechte Kritik bekommt, zu schauen. In der Regel entpuppen sie sich dann doch als zumindest einigermaßen sehenswert.
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