Komiker Otto Waalkes "Schmerz und Humor gehören zusammen"

Otto Waalkes ist Deutschlands erfolgreichster Komiker. Dass es so weit kommen konnte, dabei half auch Bernd Eilert, sein langjähriger Kollege und Autor. Beide kamen zum SPIEGEL-ONLINE-Gespräch - und klärten das Verhältnis von Schmerz, Humor und Politik.


SPIEGEL ONLINE: In ihrem aktuellen Film "Sieben Zwerge - Der Wald ist nicht genug", der Ende Oktober in die Kinos kommt, wird der Begriff Brettspiel neu definiert: Man haut sich Bretter auf den Kopf. Warum passen Schmerz und Komik so gut zusammen?

Waalkes: Ich bin kein Humorkritiker. Damit habe ich mich nicht beschäftigt.

Komiker Waalkes: "Drömmeldrömmel"
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Komiker Waalkes: "Drömmeldrömmel"

Eilert: Dann denk doch mal drüber nach.

Waalkes: Ok, ich denk nach. Drömmeldrömmel.

SPIEGEL ONLINE: Anders gefragt: Sie spielen ja den Klein Doofi…

Waalkes: Nein, das ist eine tragische Rolle.

Eilert: Eine Art Anti-Lohengrin: Lohengrin wird ständig gefragt und darf nicht antworten. Bubi will ständig antworten, wird aber nie gefragt.

SPIEGEL ONLINE: Aber doof ist er schon.

Waalkes: Er hat ein Problembewusstsein und wird von seiner Umwelt unterdrückt. Das hat stark autobiografische Züge.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind die Doofen in Wirklichkeit doof, im Film oder auf der Bühne aber lustig?

Eilert: Das spricht für den Film, für die Bühne: Dass man unter der Blödheit der anderen nicht leidet. Schmerz und Komiker gehören zusammen, weil der Komiker Sachen erträgt, die jedem anderen wehtun würden.

Waalkes: Das kann leicht zu einer Verherrlichung der Brutalität führen.

Eilert: Nein, zu einer Entlastung, bezogen auf den Schmerz, den das tägliche Leben mit sich bringt. Dem Komiker passiert ja nichts.

SPIEGEL ONLINE: Amerikanische Komiker werden regelmäßig gefragt: Was finden Sie lustiger: Torte ins Gesicht oder mit heruntergelassener Hose die Treppe runterstolpern?

Waalkes: Torte ins Gesicht gefällt mir gut. Stolpern ist auch gut, kommt aber darauf an, wer runterfällt.

SPIEGEL ONLINE: Humor ist kontextabhängig.

Eilert: Natürlich. An sich ist gar nichts komisch.

SPIEGEL ONLINE: Behinderungen sind manchmal komisch. In "Ice Age" sprechen Sie, Herr Waalkes, ein Faultier, das lispelt.

Waalkes: Das ist keine Behinderung, sondern eine Bereicherung, wer so sprechen kann.

Eilert: Du hast dich ja richtig hineinversetzt in dieses Tier.

Waalkes: Ja, das war schon stark sympathetisch.

SPIEGEL ONLINE: 1980 haben Sie in einem Interview gesagt, manchmal wünschten Sie sich älter zu sein, damit man Ihnen den Erwachsenen abnimmt. Wären Sie jetzt gern wieder jünger, um den Zwerg zu spielen?

Waalkes: Nein, ich kann jetzt auch in Erwachsenenrollen schlüpfen. Die Fallhöhe wird größer. Wenn ich jetzt einen Politiker spiele, ist das noch lustiger.

SPIEGEL ONLINE: Dabei gibt es wenig politische Witze von Ihnen.

Eilert: Als wir anfingen, in den Siebzigern, war das Stichwort Anarchie. Damals wurden die bestehenden komischen Formen aufgesprengt. Witze mussten nicht mehr zwangsläufig eine Pointe haben. Es ging nicht mehr um die zu Ende erzählte Geschichte, die durchgeführte Nummer, sondern um Ansätze, die ganz schnell wechselten. Das empfand man als anarchisch. Heute wird das verklärt, und es heißt: Früher waren Sie politischer.

SPIEGEL ONLINE: "25 Böllerschüsse zum Geburtstag, und keiner hat getroffen", haben Sie für Franz Josef Strauß gedichtet. Wer müsste heute mit Pointen beschossen werden?

Waalkes: Instanzen gibt es genug. Andererseits: Auf Merkel herumzureiten ist zu einfach.

Eilert: Das verliert mit dem Alter auch an Reiz. Früher hatte das etwas Lausbubenhaftes.

Waalkes: Stimmt, als Student musste man diese Leute abschießen. "Das Wasser trüb, die Luft ist rein, Franz-Josef muss ertrunken sein." Oder der Englischkurs: "Hello, Mr. Filbinger - Heil Hitler, Herr Filbinger."

SPIEGEL ONLINE: Humor kann gefährlich werden. Die Mohammed-Karikaturen sind nur ein Beispiel. Schon mal eine ethnische oder religiöse Gruppe verballhornt?

Waalkes: Gruppen verballhorne ich nicht, aber bestimmte Vortragsformen. Das "Wort zum Montag" zum Beispiel. Da war meine Mutter entsetzt.

Eilert: Aber es ging ja nicht um Inhalte, sondern um das Ritual. Wenn ein Ritual bekannt ist, ist es parodiefähig.

SPIEGEL ONLINE: Wer lässt sich besser veräppeln: Nikolaus, Papst oder Christkind?

Eilert: Alle drei: Weihnachten lässt sich immer machen.

Waalkes: Wunderschön.

Eilert: Starke Rituale: Lichterbaum, gemeinsames Singen. Eines der wenigen Refugien, wo sich Bürgerlichkeit selbst in Familien einnistet, die sonst überhaupt kein bürgerliches Leben mehr führen. Da lassen sich Widersprüche offenlegen. In diesen Raum stößt der Komiker vor. Er will diese Formen aber nicht zerstören.

SPIEGEL ONLINE: Dem bürgerlichen Erzählritual des Märchens setzen Sie in "Sieben Zwerge" dennoch kräftig zu.

Waalkes: Das Märchen ist eine schlanke Form, die viel Freiraum bietet und die man mit eigenen Scherzen auffüllen kann.

SPIEGEL ONLINE: Bürgerliche Kulturstandards sind aber längst nicht mehr selbstverständlich. Sie, Herr Eilert, haben einmal bedauert, dass man früher noch das Hohe Lied Salomons karikieren konnte, heute fehlten die bildungsbürgerlichen Voraussetzungen für solche Witze.

Eilert: Ja, das ist schade. Ein bestimmter Tonfall ist heute schwer vermittelbar. Wir haben früher regelmäßig bei Shows eine Faust-Parodie gebracht, weil das Stück eben im Unterricht gelesen wurde.

Waalkes: Oder Latein-Gags. Aber das war noch in der Zeit, als ich vor studentischen Minderheiten aufgetreten bin.

SPIEGEL ONLINE: Wie weit darf Komik gehen? Bis zur Humorisierung des Holocaust wie in Benignis Film "Das Leben ist schön"?

Waalkes: Ich fand den Film gelungen. Dinge komisch zu sehen, kann sehr hilfreich sein und erleichternd - trotz der enormen Tragik.

SPIEGEL ONLINE: Dany Levy dreht gerade eine Komödie über Hitler. Ist der Führer komisch?

Waalkes: Sehr komisch.

Eilert: Dass der Führer komisch ist, haben wir schon als Schüler gesehen. Letztlich hängt die Behandlung von Themen aber immer vom Stilgefühl dessen ab, der sie präsentiert.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Tabus für Sie als Komiker?

Waalkes: Fäkalnummern vielleicht. Obwohl: Gegen eine gepflegte Sauerei habe ich nichts einzuwenden.

Eilert: Betonung auf gepflegt. Aber wenn es nur um den Austausch von Körpersäften geht …

Waalkes: Es gibt doch diesen tollen Film mit Ringo Starr. Da füllt er einen Swimming-Pool mit Kacke auf, schmeißt Dollarscheine hinein, und die Leute gehen rein, um an das Geld zu kommen.

Eilert: Das hat ja schon was Pädagogisches. Aber was ich ablehne, ist, normale Menschen vorzuführen, als Objekte der Demütigung und Belustigung. Den Leuten ein Mikro ins Gesicht halten und warten, bis sie irgendwann etwas Blödes sagen, das beweist nur, dass einem selbst nichts mehr einfällt.

SPIEGEL ONLINE: "Titanic"-Chef Oliver Maria Schmitt nannte Otto Waalkes den größten Modernisierer des deutschen Bühnenhumors neben Heinz Erhardt. Wer wird Sie ablösen?

Waalkes: Ist die Zeit schon gekommen? Ich fange doch gerade erst an.

SPIEGEL ONLINE: Und in welche Phase treten Sie jetzt ein?

Waalkes: In einen gewissen Reifeprozess. Ich bin ja laut Medien gerade erst zum Mann geworden.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen Ihre angebliche erste Liebe, die sich unlängst in der "Bild"-Zeitung zu Wort gemeldet hat? Wir dachten, die Komik sei Ihre große Liebe.

Eilert: Die Komik macht einen aber nicht zum Mann, sondern zum Narren.

SPIEGEL ONLINE: Aber ein richtiger Mann muss sich auch mal zum Narren machen, oder?

Eilert: Das lieben Frauen!

Waalkes: Aber was ist denn überhaupt in den deutschen Medien los? Bei n-tv läuft der Ticker: "Bomben in Beirut, Putsch in Thailand, Otto entjungfert." Wen interessiert denn das? Putsch in Thailand!

Das Gespräch führte Daniel Haas



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