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Komödie "Finnischer Tango": Lieber behindert als arbeitslos

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In "Finnischer Tango" klaut sich ein mieser Typ mit Geldproblemen einen Behindertenausweis, um an Arbeit und Bleibe zu kommen. Nett ist das nicht. Aber verdammt lustig.

Alex weiß, wo seine Prioritäten liegen, auch wenn er nach einem Autounfall gerade erst wieder zu Bewusstsein kommt. Aus einem Kleintransporter war er auf die Straße geschleudert worden. Jetzt steht er auf und geht vorbei an seinem Bandkollegen Tommy, der regungslos da liegt, mit dem Kopf in einer Pfütze. Er geht weiter zum Wagen, in dem noch der Gitarrist feststeckt und um Hilfe fleht. Alex schaut hinein, nimmt sich die Reste seines Akkordeons und geht weg.

Szene aus "Finnischer Tango": Leidenschaftlich boshafte Komödie
Neue Visionen

Szene aus "Finnischer Tango": Leidenschaftlich boshafte Komödie

Jemandem wie Alex (Christoph Bach) wünscht man schnell alles Schlechte, und immerhin passiert ihm das dann auch: keine Wohnung mehr, kein Geld und kein Job - das überlebende Mitglied seiner Tangokapelle ist nicht mehr so gut auf ihn zu sprechen, seit Alex ihn im Unfallauto zurückgelassen hat, was der gar nicht versteht, der Wagen habe doch nicht mal gebrannt.

Dann ist noch diese Rockertruppe hinter ihm her, denen er das Auto samt Instrumenten überhaupt erst geklaut hat, und die jetzt entweder Entschädigung will oder ihm die Arme brechen werde.

Jobs gibt es auch keine für ihn. Als Fliesenleger könne er sofort vermittelt werden, erzählt ihm der Sachbearbeiter auf dem Arbeitsamt, oder als Behinderter.

Fliesenleger ist zu anstrengend, und so klaut Alex dem nächsten Rollstuhlfahrer an der Bushaltestelle den Behindertenausweis, landet als angeblicher Epileptiker in einem Theaterprojekt und in einer komfortabel eingerichteten Behinderten-WG. Hier müsste jetzt eigentlich die Wandlung zum besseren Menschen einsetzen, Alex verkauft aber lieber erst mal den frischgelieferten Rollstuhl seines Mitbewohners Clark.

Am Ende lernt er natürlich doch noch ein paar wichtige Lektionen fürs Leben, doch selbst da hält sich "Finnischer Tango" von der hochbegabten Regisseurin Buket Alakus ("Eine andere Liga") zurück mit der großen Moralkeule und schafft - abgesehen von einer überkitschten Szene um einen Fast-Selbstmord - einen relativ fließenden Übergang von der leidenschaftlich boshaften Komödie zum melancholischen Feel-Good-Film.

Die teilweise auch im echten Leben behinderten Darsteller dürfen echte Menschen sein und nicht nur goldherzige Opfer der Gesellschaft. Irgendwo versteckt sich eine Botschaft, doch Alakus geht es vor allem um Spaß, um eine gute Geschichte, und die erzählt sie mit Tempo, Witz und in bunten Farben statt in lähmender grauer Sozialtristesse.

Dass dabei womöglich die eine oder andere Anregung für den Zuschauer herausspringt, nimmt man da gerne hin.

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