Komödie "Giulias Verschwinden" Geschwafelt, aber nicht berührt

Brustoperationen, Bluthochdruck und Impotenz: In "Giulias Verschwinden" lässt Drehbuchautor Martin Suter eine Gruppe verzweifelter Mittfünfziger gegen das Altern anlabern. Das ist durchaus entlarvend. Manchmal aber geht der Komödie im verbalen Getöse der Atem aus.

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Giulias Verschwinden: Die Bürden des Alters weglabern
50, das ist kein gutes Alter. Im Bett verrenkt man sich andauernd etwas, am Tisch meldet sich regelmäßig der empfindlich gewordene Magen, und fast jeder Wein hat neuerdings viel zu viel Säure. Wenn der Sex, das Essen und das Saufen aber keine Kicks mehr bereithalten, dann bleibt einem als Ersatzbefriedigung nur noch das Gespräch. So verhält es sich jedenfalls im Schweizer Konversationskomödchen "Giulias Verschwinden", bei dem sich eine Clique von Fiftysomethings in einem Restaurant versammelt, um den runden Geburtstag ihrer Freundin zu feiern.

Weil die Jubilarin sich verspätet, beginnt man schon mal mit dem, was einem geblieben ist: dem Reden. Unnötige Höflichkeiten werden nicht ausgetauscht, dazu kennt man sich zu lange. Hier ist jeder Satz ein Sieg oder eine Kapitulation. Die Auslassungen zum Thema Altern, die jedes Geburtstagsdinner bestimmen, werden da schon mal zum Angriff auf den eigenen Partner. Sagt zum Beispiel ein männlicher Gast, während er wohlwollend auf die Lebensgefährtin guckt: "Das Gute ist, dass sich im Alter die ästhetischen Maßstäbe verschieben - heute finde ich Frauen schön, die ich früher nur alt fand."

Gepiercte Greisinnen

So geht es den ganz lieben langen Film. Man sinniert über Brust-OPs und Bluthochdruck, über Jugendwahn und Altersimpotenz, über die Sünden der Vergangenheit und die Wohnformen der Zukunft, sprich: das Seniorenheim. "Ich stelle mir vor", so einer am Tisch, "wie das so in 50 Jahren ist, all die tätowierten und gepiercten Greisinnen." Manchmal wirkt das manische Reden in diesem Film als arbeiteten die Charaktere gegen den Lauf der Zeit; als fabulierten sie gegen ihr Verschwinden an. Ich laber', also bin ich.

Nur eine schweigt. Geburtstagskind Giulia (Corinna Harfouch) ist in der Straßenbahn auf dem Weg ins Restaurant und lauscht der Welt: Zwei Teenies unterhalten sich darüber, dass man sich spätestens mit 30 umbringen sollte, danach sei ja nun wirklich nichts mehr vom Leben zu erwarten. Ihre greise Sitznachbarin stöhnt indes, dass man als alter Mensch vom Rest der Gesellschaft nicht mehr wahrgenommen wird.

Und als Giulia aussteigen will, stellt sie fest: Es macht ihr keiner Platz, auch sie ist offenbar schon aus der Wahrnehmung der anderen verschwunden. Wie gut, dass sie da in einem Laden einen Galan (Bruno Ganz) trifft, der sie zu einem Drink einlädt und dem ewigen Verblassen allen Seins das Glück des Augenblicks entgegensetzt. Einmalig soll ihr Zusammentreffen sein, jede Enttäuschung werde auf diese Weise ausgeschlossen: "Wir haben uns nie jünger gesehen. Und werden uns auch nie älter sehen." Ein Satz über die Vergänglichkeit, gesprochen für die Ewigkeit.

Das Drehbuch zu "Giulias Verschwinden" (Regie: Christoph Schaub) stammt vom schweizerischen Starautor Martin Suter. Der Mann ist ein guter, aber kein gnadenloser Beobachter. Wenn seinen Charakteren schon nichts anderes bleibt, als sich über das Reden gegen die Bürden ihres fortgeschrittenen Alters hinwegzuhelfen, dann sollen sie schon einen wirklich tollen Satz nach dem anderen sagen dürfen.

Das Leben ist keine Aphorismensammlung

Das ist die Stärke dieser Komödie - und zugleich ihre Schwäche. Denn das Leben ist nun mal keine Aphorismensammlung. Der Duktus und die Dramaturgie dieses kleinen Lebenskrisenszenarios wirken manchmal etwas gedrängt, bei all dem verbalen Getöse vergisst der Film manchmal das Atmen. Man nehme zum Vergleich nur mal die Konversationskomödien des französischen Schauspieler- und Autorenpaares Agnès Jaoui und Jean-Pierre Bacri ("Erzähl mir was vom Regen"). In denen ist meist eine ähnlich eloquente Entourage um ähnlich alte Hauptfiguren versammelt, die verbalen Pointen aber werden eher beiläufig gezündet - und verbreiten ihre böse Wirkung dafür umso nachhaltiger.

Trotzdem sieht man den Filmemachern die eine oder andere rhetorische Effekthascherei nach für manche wirklich gelungene Szene. Die tragikomische Studie übers Älterwerden führt zum Beispiel auch ins Seniorenheim, wo einer Jubilarin ein Ständchen gesungen werden soll. Doch die Greisin explodiert und skandiert: "Ich hasse alle Arten von Chören. Auch Kinderchöre und Gospelchöre!"

Danach flieht sie mit einer Truppe renitenter Oldies in das Restaurant, wo Giulias ausharrende Freunde sich ihre Redeschlachten liefern. Irgendwann wird gemeinsam Torte gespachtelt und Schnauze gehalten. Was für ein wahrhaft glücklicher Moment.



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