Komödie "Mein liebster Alptraum" Prekarier hilft Feingeist

Wenn Schauspieler Filme retten: Die französische Komödie "Mein liebster Alptraum" wäre ein eher biederer Boulevardschwank, würden nicht Isabelle Huppert, Benoît Poelvoorde und André Dussollier fabelhaft auftrumpfen.

Concorde

Von Andreas Banaski


Die Geschichte ist so mäßig originell, dass sie auch einem deutschen Drehbuchautoren für einen Privatsender-Fernsehfilm hätte einfallen können: Agathe (Isabelle Huppert) ist eine Schreckschraube. Als zickige Galeristin für moderne Kunst knechtet sie ihre Befehlsempfänger. Als zugeknöpfte Lebensgefährtin gestattet sie ihrem Mann François (André Dussollier), einem soften Buchverleger, schon lange keinen Beischlaf mehr. Ihr Sohn, offenbar auch von der Mutter entfremdet, entwickelt sich zum Taugenichts.

Als der Proll Patrick (Benoît Poelvoorde) ihren Weg kreuzt, weil dessen erstaunlich intelligenter Junior sich mit Agathes Nachwuchs anfreundet, diagnostiziert er sofort: ein Eiszapfen. Er dagegen: ein Temperamentsbolzen, den selbst sein ständiges Taumeln am sozialen Abgrund nicht verdrießt.

Auch mit seinem großen Manko hat er sich arrangiert: Sein Charme verfängt nur bei Frauen mit einem IQ von unter 80. Solche Frauen sind hier ordinär, hässlich und drall. Nicht landen kann er deshalb bei seiner aparten Sozialhelferin Julie (Virginie Efira), die verhindern soll, dass das Jugendamt dem trinkfreudigen Gelegenheitsarbeiter mit krimineller Vergangenheit den Stammhalter wegnimmt.

Am Rande des Moral-Muffs

Weil der feinsinnige François nun aber am ungehobelten Patrick Gefallen findet und ihn zur Renovierung seiner vornehmen Wohnung engagiert, ergeben sich neue Konstellationen. Durch die halb so alte Julie blüht François sexuell wieder auf, obwohl ihn ihr Fitness-Wahn ermattet und ihr Öko-Fimmel irritiert. Und auch die Klassenkampf-Komik zwischen der versnobten Agathe und dem rüpeligen Patrick löst sich, etwas vorhersehbar, in eine amouröse Sozialpartnerschaft von Leistungsträgerin und Prekarier auf.

Dabei schlingert Regisseurin Anne Fontaine am Rande des Moral-Muffs: Durch Karriere und Intellekt vertrocknet die Frau, da muss sie ein hemdsärmliger Anpacker neu bewässern. Und der angegraute Feingeist kriegt die sexy Gespielin rum, die seine Tochter sein könnte, weil die zwar ambitioniert, im Grunde aber eher schlichten Gemüts ist.

Fontaine begann in den Achtzigern als Schauspielerin (unter anderem textilfrei in David Hamiltons "Zärtliche Cousinen") und inszeniert seit zwei Jahrzehnten meist geschmäcklerische Beziehungskonfektion, die gerne etwas höher hinaus will, etwa "Nathalie" von 2003 oder "Coco Chanel" von 2009. Passend zu dieser Ambition sinniert Fontaine im PR-Material, dass sich ihr gegensätzliches "Alptraum"-Paar "einander dann jedoch ganz bedächtig öffnet" und "ihr altes Dasein transzendiert".

Glücklicherweise sorgen die Darsteller dafür, dass einem nicht durch zu viel Bedacht und Transzendenz die Laune verhagelt wird. Vor allem Poelvoorde, der als Mischung aus Louis de Funès, Gérard Depardieu und Jean-Paul Belmondo poltert und pöbelt, glänzt mit angemessenem Klamauk. Huppert hat anfangs nicht viel mehr zu tun, als verkniffen zu gucken, darauf hat sie ja ein Patent. Um ihre vom Buch verordnete zunehmende Enthemmung glaubhaft rüberzubringen, ist schon größere Anstrengung nötig. Wie Huppert dann alle Reserviertheit aufgibt, wirkt sympathisch und reizvoll. Dussollier wird dagegen von seiner Rolle nicht übermäßig gefordert, spielt aber mal wieder mit leichter Hand wunderbar.


Mein liebster Alptraum. Start: 19.1. Regie: Anne Fontaine. Mit Isabelle Huppert, Benoît Poelvoorde, André Dussollier.



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