Kinoland Frankreich Ziemlich beste Komödien

"Ziemlich beste Freunde" war der Kinohit des Winters. Für den Sommer liefert Frankreich jetzt weitere Komödien. Ob Julie Delpy, Frédéric Beigbeder oder Jacques Gamblin: Große Namen bieten sie alle, doch nur zwei lohnen wirklich das Eintrittsgeld.

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"2 Tage New York" - ab 5. Juli im Kino

Worum geht's? Die Beziehung von Marion (Julie Delpy) und Mingus (Chris Rock) wird auf eine harte Probe gestellt, als Marions frisch verwitweter Vater, ihre Schwester sowie deren seltsamer Freund aus Paris zu Besuch kommen. Dabei haben die beiden schon genug damit zu tun, ihre multikulturelle Patchwork-Familie zusammenzuhalten: Beide haben ein Kind aus einer früheren Beziehung, außerdem ist Marion weiße Französin und Mingus schwarzer US-Amerikaner.

Moment, ist das nicht die Fortsetzung von Julie Delpys Regiedebüt "2 Tage Paris"? Wo ist der tolle Adam Goldberg aus dem ersten Teil hin? Den hat Delpy, die wieder Buch und Regie verantwortet, rausgestrichen. Goldbergs Figur ist der Vater von Marions Sohn, taucht im Film aber nicht mehr auf. Chris Rock funktioniert als ruhiger Gegenpol zu Delpys überdrehter Marion aber auch nicht schlecht. Eigentlich ist er sogar die einzige glaubhafte Figur in dem Film.

Oh, das klingt nicht gut... Tja. In "2 Tage Paris" gelang Delpy noch eine ziemlich perfekte Mischung aus pointierten Dialogen, ironischen Paris-Klischees und bittersüßen Wahrheiten über die Liebe. Hier versucht sie sich nun an einer Art ausgedehnter Sitcom. Doch das Timing stimmt nicht, der überzogene clash of culture nervt, und die Pointen sind entweder zu absurd oder zu absehbar.

Gib mal ein Beispiel. Albert Delpy, der wieder Marions Vater spielt, klebt sich französische Würste und Käse an den Körper, um genießbares Essen nach New York zu schmuggeln. Alexia Landeau als zickige Schwester läuft vor den Augen der vermeintlich prüden Amerikaner ständig nackt durch die Wohnung. Gemeinsam beglückwünschen sie Mingus dauernd dazu, dass mit Obama ein Schwarzer Präsident geworden ist...

Okay, okay, das reicht. Also nicht ansehen? Eher nicht. Wer den ersten Teil mochte, wird schon sehr enttäuscht sein. Außerdem laufen gleichzeitig bessere Filme an - zum Beispiel der nächste.


Buch und Regie: Julie Delpy. Mit: Julie Delpy, Chris Rock, Alexia Landeau, Alexandre Nahon

"Holidays by the Sea" - ab 5. Juli im Kino
Worum geht's? In einem kargen Küstenstädtchen verbringt eine wilde Truppe an Charakteren - vom schwangeren Punkerinnen-Pärchen über eine Trauergemeinde bis zu einer Familie von peniblen Campern - einen Tag und eine Nacht am Meer. Nach und nach kommt es zu überraschenden Treffen zwischen den verschiedenen Figuren - aber nicht zum Gespräch. Das Besondere des Films ist nämlich: Es gibt keinerlei Dialoge.

Wie? Kaum ein Jahr nach "The Artist" hauen die Franzosen schon den nächsten Stummfilm raus? Mais non, mit "The Artist" hat das gar nichts zu tun, "Holidays at the Sea" spielt in der Gegenwart und ist zudem in Farbe. Hier hat vielmehr Jacques Tatis stummer Held Monsieur Hulot Pate gestanden.

Tati? Ein ziemlich großes Erbe. Kann der Film da mithalten? Das Zeug zum Klassiker hat er vielleicht nicht, aber Filmemacher Pascal Rabaté stellt sein Talent für Bildaufbau und physical comedy schon deutlich unter Beweis - kein Wunder, er hat ja auch als Comic-Zeichner begonnen. Ganz entspannt beginnt Rabaté den Film mit einigen bildlichen und erzählerischen Klischees, um an die Charaktere heranzuführen. Dann zieht er das Tempo an und lässt die Bilder immer poetischer und die Geschichten immer rasanter werden.

Wenn schon keiner redet - kenn ich denn wenigstens den einen oder anderen Schauspieler vom Sehen? Bestimmt: Dominique Pinon ist das herrliche Knautschgesicht aus "Delicatessen" und "Die fabelhafte Welt der Amélie". Den wunderbaren Jacques Gamblin, in seiner Heimat ein großer Star, kennt man in Deutschland vor allem aus "Der Name der Leute". Seine Geschichte, die er zusammen mit Maria de Medeiros ("Huhn mit Pflaume") bestreitet, ist übrigens die schönste des ganzen Films.

Mit anderen Worten: reingehen? Mais oui.


Buch und Regie: Pascal Rabaté. Mit: Jacques Gamblin, Maria de Medeiros, Dominique Pinon


"Das verflixte 3. Jahr" - ab 19. Juli im Kino

"Das verflixte 3. Jahr" Louise Bourgoin und Gaspard Proust als frisch verliebtes Paar
Prokino

"Das verflixte 3. Jahr" Louise Bourgoin und Gaspard Proust als frisch verliebtes Paar

Worum geht's? Marc Maronnier (Gaspard Proust) ist ein glamouröser Gesellschaftskolumnist, der keine Party auslässt. Als seine Ehe scheitert, verzweifelt der Lebemann jedoch fast. Erst als er sich den Frust über die Liebe mit der bitterbösen Kampfschrift "Die Liebe währt drei Jahre" vom Leib schreibt, geht es ihm langsam besser. Unter Pseudonym geschrieben, wird das Pamphlet sogar zum ungeahnten Bestseller. Doof nur, dass sich Marc genau in diesem Moment in die wunderschöne Alice (Louise Bourgoin) verliebt - und diese kaum etwas so hasst wie sein Buch.

Die Geschichte kommt mir irgendwie bekannt vor... Dann kennen Sie sich aber sehr gut mit dem Frühwerk von Frédéric Beigbeder aus! Den Roman "Die Liebe währt drei Jahre" hat er drei Jahre vor seinem weltweiten Durchbruch mit der Werber-Farce "39,90" geschrieben. Jetzt hat er nach seiner eigenen Vorlage das Drehbuch geschrieben und zum ersten Mal auch Regie geführt.

Hm, die Verfilmung von "39,90" war ja nicht so toll. Ist das hier jetzt besser? Im Gegenteil - schlechter. "39,90" hatte wenigstens noch ein paar psychedelisch-bunte Bilder zu bieten. Hier versucht sich Beigbeder daran, das Genre der Liebeskomödie neu zu erfinden, kombiniert dabei aber Gimmicks, die Woody Allen schon vor 35 Jahren brachte, mit Zoten. Seine Mittagspausen verbringt Marc zum Beispiel damit, sich mit Freunden auf öffentlichen Plätzen zu treffen und über die Schamhaarfrisuren der Passantinnen zu spekulieren. Überhaupt sind die Frauenfiguren so sehr auf ihr Äußeres reduziert, dass man nicht versteht, warum Marcs Ex-Frau so furchtbar und seine neue Liebe so toll sein soll. Attraktiv sind sie schließlich beide.

Herrje, gibt's denn gar nichts Gutes über den Film zu sagen? Lass mich überlegen... Also, Beigbeder hat schon ein Händchen dafür, seine Film-Alter-Egos von wirklich interessanten Männern spielen zu lassen. In "39,90" war es der tolle Jean Dujardin ("The Artist"), in "Das verflixte 3. Jahr" schlägt sich der Comedian Gaspard Proust in seiner ersten Hauptrolle ziemlich gut.

Aber eigentlich doch nicht ansehen, oder? Gott bewahre.


Buch und Regie: Frédéric Beigbeder. Mit: Gaspard Proust, Louise Bourgoin, Joey Starr

"Familientreffen mit Hindernissen" - ab 9. August im Kino

"Familientreffen mit Hindernissen": Lou Alvarez als kindliches Alter Ego von Julie Delpy
ddp images/ NFP

"Familientreffen mit Hindernissen": Lou Alvarez als kindliches Alter Ego von Julie Delpy

Worum geht's? Am 10. Juli 1979 trifft sich die Großfamilie um Mamie (Bernadette Lafont) in der Bretagne, um den Geburtstag der Matriarchin zu feiern. Sechs Kinder hat sie aufgezogen, und alle reisen mit ihren Partnern, Kindern, Beziehungsproblemen und politischen Idealen an. Die Freude am Wiedersehen ist ebenso programmiert wie das Aufbrechen alter Wunden. Und dann ist da noch die US-Weltraumstation Skylab, die just an diesem Tag möglicherweise über Nordfrankreich und damit dem Familientreffen abstürzt. Der Film basiert übrigens auf den Kindheitserinnerungen von Julie Delpy, die hier wieder das Buch geschrieben und Regie geführt hat.

Schon wieder Julie Delpy? Fandest du ihren neuesten Film nicht eben noch eher mau? Ja, aber der hier ist ganz anders - und viel besser. Hier stimmen Figurenzeichnung, Tonfall und Tempo. Ganz behutsam und humorvoll arrangiert Delpy das chaotische Familientreffen und entwickelt die Konflikte, ohne auf dramatische Effekte zu setzen.

Moment, soll denen nicht eine Raumstation auf den Kopf fallen? Das Skylab ist eher ein symbolisches Damoklesschwert. Die elfjährige Albertine (Lou Alvarez als Julie Delpys kindliches Alter Ego) steht vor dem Beginn der Pubertät, Frankreich ist nur noch zwei Jahre von der Wahl Mitterands zum ersten sozialistischen Präsidenten der fünften Republik entfernt. Sowohl für das Mädchen als auch für das Land ist es an der Zeit zu resümieren, welche Vergangenheit es hatte und welche Zukunft es sich wünscht. Das Erbe des französischen Kolonialismus wird im Film zum Beispiel mehrfach thematisiert.

Muss ich mich denn für französische Politik interessieren, um den Film zu mögen? Überhaupt nicht. Allein die Geschichte, wie Albertine sich das erste Mal verliebt, spielt Lou Alvarez so toll und inszeniert Delpy so liebevoll, dass es den gesamten Film sehenswert macht.

Den empfiehlst du mir also? Absolut. Noch Fragen?

Ja, was ist denn aus dem Skylab geworden? Das ist am 11. Juli ganz woanders abgestürzt - im Westen von Australien.

Buch und Regie: Julie Delpy. Mit: Lou Alvarez, Eric Elmosnino, Aure Atika, Emmanuelle Riva

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
FBaccount 02.07.2012
1.
guter stil, bravo!
cybernic 02.07.2012
2. Guter Stil …
in der Tat. Für alle Leser, deren Konzentrationsfähigkeit nicht über 5 Rezensionszeilen hinausgeht – also auch für mich kleines Superhirn nach einem arbeitsreichen Tag. Weiter so!
papene 02.07.2012
3. arte
Die kommen hoffentlich bald mal auf arte ;) Und: Gab's das in dieser hübschen Form schon öfter hier? Ruhig noch öfter. Dann vielleicht mit Original-Titeln, die wohl möglich nicht so dumm-dreist wie " ...verflixte 3. Jahr ..." oder banal wie " ...irgendwas mit Hindernissen..." sind.
warpspace 02.07.2012
4. Noch ein Filmtipp
ein weiterer absolut sehenswerter Film, allerdings aus Spanien der zur Zeit in einigen Programmkinos läuft: "Amador und Marcelas Rosen" Ein stilles Drama, bei dem auch der Humor trotzdem nicht zu kurz kommt. Überragend: die schauspielerische Leistung der eher unbekannten Magaly Solier, absolut sehenswert: Infos und Trailer auf amadorlapelicula.es/
Jeronimo2000 02.07.2012
5. Oui, ich schließe mich an.
Schön geschrieben, was zunehmend zu einer Seltenheit auf SPON wird. "2 Tage New York" habe ich vorgestern auf dem Filmfest München gesehen, Julie Delpy war live dabei und hat Fragen zum Film beantwortet. Wirkt in echt noch neurotischer und fahriger als im Film, jeder Satz endet entweder auf "you know" oder "whatever", beides wird auch gerne inmitten eines Satzes eingestreut. Eben jener Film, "2 Tage New York", war meiner Meinung nach nicht sooo übel wie hier dargestellt, aber auch kein Knaller. Etwas schade, dass Julie Delpy es für nötig hielt, alle Franzosen-Klischees der Amis zu bedienen (= Frenchies duschen sich ungern, stinken deshalb und sind im Prinzip nichts als sexbesessene Tiere). @ papene: wie wahr! Die deutschen Titel sind mal wieder an Debilität nicht zu überbieten. Wieviele Filmtitel, die auf "... mit Hindernissen" enden, müssen wir noch ertragen? Ist das nicht seit den 90ern out? Ein Wunder, dass der deutsche Verleih aus "Holidays by the Sea" nicht "Holidays - Jetzt erst recht!" oder "Crazy Holidays - Voll die Schnauze gehalten" gemacht hat.
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