Kostümdrama "Angel" Geschmacklos geht die Welt zugrunde

Mit "Angel" überrascht Regisseur François Ozon sein Publikum mit einer Kostümorgie über Leben und Sterben einer überspannten Kitschromanschriftstellerin. Ein virtuos geschmackloser Film.

Von Jenny Hoch


Lieblingsbücher? Die hoffnungsvolle Jungautorin zieht erstaunt eine Augenbraue hoch. Sie lese nicht, sie schreibe lieber, antwortet sie. Aber literarische Vorbilder müsse sie doch haben, fragt der Verleger verwirrt. "Nun ja", sagt das Mädchen und schürzt die Lippen, "vielleicht Shakespeare. Aber nicht, wenn er versucht, lustig zu sein." Im Übrigen, fügt sie hinzu, werde sie an ihrem eigenen mehrbändigen Werk kein einziges Wort ändern.

Das sitzt. Der britische Gentleman Théo (Sam Neill) ist vollends perplex von so viel Ignoranz und so wenig Selbstzweifel – und publiziert die Bücher der egozentrischen Debütantin dann doch. Es sind Kompendien schwülstigster Adelsprosa, die das Schulmädchen Angel Deverell in der ärmlichen Kammer über dem Lebensmittelladen ihrer Mutter da zusammengedichtet hat.

Extatisch wispernd träumt sie sich auch später, als sie es längst zur umschwärmten, wohlhabenden Auflagenkönigin gebracht hat, in melodramatische Herz-Schmerz-Geschichten vor hochherrschaftlicher Kulisse. Mit Erfolg, die Storys treffen exakt den Geschmack des Publikums zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die Leserinnen reißen sich um die Deverell-Bändchen, die Titel wie "Hearts in Venice" oder "Diana in Delphi" tragen.

Kurz "Angel" heißt der neue Film des französischen Regie-Tausendsassas François Ozon, mit dem er bereits auf der Berlinale das Publikum eher ratlos zurück lies. Denn Ozon ist zwar bekannt dafür, seine Zuschauer mit jedem seiner Werke aufs Neue zu überraschen, aber mit der Adaption des gleichnamigen Romans der englischen Gesellschaftsromancieuse Elizabeth Taylor überrumpelt er seine Fans dann doch gewaltig. Denn nach Experimenten wie einem Musical ("8 Frauen") oder einer rückwärts erzählten Liebesgeschichte ("Fünf mal Zwei") liefert Ozon diesmal eine hemmungslos schwülstige Kostümorgie über das Leben und Sterben einer Trivialromanschriftstellerin.

Tragödin mit Wirkung

Ein wenig wirkt "Angel" wie der persönliche "Waiting to exhale"-Moment des 39-jährigen Regisseurs. Denn nun, als etablierter Filmemacher, hat er sich endlich all die Übertreibungen und Exaltiertheiten genehmigt, die er sich in seinen zuletzt immer minimalistischer komponierten Filmen offenbar verkniffen hat. Zuckersüß ergießt sich Streichermusik über fast jede Szene (Original Musik: Philippe Rombi), die Ausstatter schwelgten in aufwendigen Samt- und Seide-Kostümen (Design: Pascaline Chavanne) und das Landgut, das für Angel als Kind unerreichbar schien und in dem sie sich als Erwachsene ihre persönliche, mit Nippes überladene Traumwelt einrichtet, heißt nicht umsonst "Paradise".

Anders als in der Romanvorlage, die Angel eher als hässliche, groteske Erscheinung darstellt, spielt die britische Newcomerin Romola Garai die Hauptfigur als ebenso maßlose wie attraktive Tragödin, die ihre Wirkung gezielt einzusetzen weiß. Auch wenn Garai gelegentlich an die Grenzen ihres Ausdruckvermögens stößt, gelingt es ihr doch, ein überzeugendes - weil überzogenes - Porträt dieser Hardcore-Romantikerin zu gestalten.

In gewisser Weise ist diese Angel - trotz Realitätsferne und plüschigen Lebensstils - eine moderne Frau.

Sie tritt vehement für ihre Wünsche ein und erkämpft sich zu einer Zeit, in der Frauen kaum Rechte hatten, alles, wovon sie immer geträumt hat: Rampenlicht, Reichtum und sogar den Ehemann ihrer Wahl, den erfolglosen Maler Esmé, den Michael Fassbender als finster-verzweifelten Hallodri spielt.

Esel in Athen

So viel Kompromisslosigkeit nötigt am Ende, als Angels rosarote Traumkulisse längst lebensbedrohliche Risse bekommen hat, sogar der intellektuellen Ehefrau ihres Verlegers Respekt ab. Charlotte Rampling spielt diese kleine, aber feine Rolle als Alter Ego François Ozons: Zwar lehnt sie die überspannte Göre als Schriftstellerin ab, aber sie bewundert deren Durchsetzungskraft.

Das dürfte ziemlich genau der Haltung Ozons seinem Film gegenüber entsprechen: Es geht ihm nicht darum, die Figur zu denunzieren. Ganz ernsthaft versucht er, diese Frau, ihre Motive und ihren schlechten Geschmack zu verstehen – mit einem gewissen Quäntchen Ironie.

So lassen Scarlett O'Hara und das Landgut Tara aus "Vom Winde verweht" grüßen, wenn Angel in ihrem überdimensionierten "Paradise" Hof hält. Und auch der Geist von Douglas Sirks Melodramen weht den Zuschauer an. Die Flitterwochen etwa, in die Angel mit ihrem geliebten Esmé reist, inszeniert Ozon mit Hilfe von Fototapeten und Rückprojektionen als Postkarten-Klischee: Gondeln in Venedig, Esel in Athen, Kamele vor den Pyramiden von Gizeh.

In Angels marzipanzartem Universum ist die Wirklichkeit höchstens dazu da, um verschönert, optimiert, und letztlich überwunden zu werden. Diese Frau bringt es sogar fertig, selbst den Ersten Weltkrieg als persönliche Kränkung zu nehmen, weil er sie von ihrem Ehemann trennt und auch sonst allerlei Unbill mit sich bringt. Ihre Mutter, eine gestandene Gemischtwarenladen-Besitzerin, stilisiert sie posthum zur sensiblen Pianistin. Und Esmé, den Ehebrecher, hält sie zwar für einen miserablen Maler, aber in ihrer Fantasie wird er zum stolzen Kriegshelden. Dass er in Wirklichkeit ein begnadeter Künstler ist, der das Geheimnis seiner Frau längst durchschaut hat, übersieht sie.

In "Angel" erhebt François Ozon das Lebensprinzip seiner Figur zum Stilprinzip des Films. Das ist ein riskantes Unterfangen, weil der Regisseur vom doppelten Boden der erzählerischen Distanz nur selten Gebrauch macht. Gelungen ist es trotzdem, denn "Angel" ist trotz seiner Kulissenschiebereien auf der Höhe der Zeit. Denn heute, wo vor allem der kommerzielle Erfolg, und nicht die inhaltliche Auseinandersetzung die Qualität eines Künstlers bestimmt, kommt eine intelligente Reflexion über das komplizierte Verhältnis von Kitsch und Kunst gerade recht.



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