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Kostümfilm reloaded: Was Frauen weiß gemacht wird

Von Daniel Haas

Was trägt man als Filmheldin in dieser Kino-Saison? Am besten Weiß, geht man nach "Die Schwester der Königin" und "27 Dresses". Es passt zur Büßerinnenrolle ebenso wie zum Part der glücklichen Ehefrau. Farbe bekennen sieht allerdings anders aus.

Kleider machen nicht nur Leute, sondern auch Filme. Und wenn der Film selbst eine Klamotte ist, schlecht inszeniert und lieblos fotografiert, dann lohnt es sich, das Kostümbild anzuschauen. Nicht selten verrät die Leinwand-Garderobe nämlich, von welchem Zuschnitt die Rollenbilder sind, die in einer Branche kursieren.



"Die Schwester der Königin" ist so ein filmischer Fummel, der trotz opulenter Ausstattung, großer Stars und einer erfolgreichen Buchvorlage wirkt wie aus der Mottenkiste Hollywoods. Wenn man ihn aber betrachtend kombiniert mit "27 Dresses", einer romantischen, ebenfalls schlecht zusammengeschneiderten Gegenwartskomödie, dann ergibt sich das ideologische Outfit des Kinofrühjahrs.

Frau trägt schlicht, auch, ja gerade, was die Gesinnung angeht – das spielen diese beiden Filme in komplementärer Weise durch. Am Ende stehen sowohl im Geschichtsdrama als auch in der Großstadt-Romanze Heldinnen in Weiß: die eine auf dem Schafott, die andere vor dem Altar, beide aber ihrer wesensmäßigen Bestimmung zugeführt.

Die ist im Fall von "Die Schwester der Königin" (ab morgen im Kino) zu büßen: Anne Boleyn (Natalie Portman) ist die vielleicht konsequenteste Aufsteigerin der Welthistorie. Im Jahr 1533 mobbt sie die erste Frau von Heinrich VIII. ins Exil, verführt den Herrscher zum Bruch mit dem Papst und wird schließlich Königin von England.

Dass Anne am Ende, von korrupten Hofschranzen des Verrats bezichtigt, den Kopf verliert, ist Geschichte. Und, aus Perspektive des Films, auch irgendwie gerecht: Man trickst nicht die eigene Schwester (auch eine ehemalige Mätresse des Königs) aus und drängt den eigenen Bruder zu Inzest, selbst wenn eine rigide Erbfolgepolitik einen dazu nötigt.

Wenn Anne schließlich im bleichen Büßerhemd dem Henker entgegentritt, dann hat die machthungrige, sexuell selbstbewusste, intellektuell dominante Frau ausgespielt. Man könnte auch sagen: die Frau als Subjekt ihrer Geschichte. Zurück bleibt das Schwesterchen (Scarlett Johansson), das fortan auf dem Land ein naturtrübes Dasein fristet.

Sag ja zur Einfalt

In "27 Dresses" (seit 14. Februar im Kino) spielt Katherine Heigl eine Heiratsplanerin. Auf den Hochzeiten, die die New Yorkerin organisiert, tritt sie auch selber als Brautjungfer in Erscheinung. Je nach Motto der Zeremonie zum Beispiel als Cowgirl, Flamenco-Tänzerin oder bayerische Dirndl-Queen.

Satte eineinhalb Filmstunden schmachtet sie dem Falschen hinterher, bis sie am Ende Mr. Richtig das Ja-Wort gibt. In dieser Szene trägt sie das umgeschneiderte Brautkleid der Mutter, ein Erbstück, das für Tradition und wahre Werte steht. Auch die 27 Hochzeits-Outfits treten noch einmal auf: getragen von einer Riege Brautjungfern sollen sie die Heldin an ihre Odyssee durch die Rollen und Jobs erinnern, die im Hafen der Ehe ihr glückliches Ende fand.

Es ist aber ein trauriges Finale, wenn man die Kostüme als Ausdruck von Lebensvielfalt nimmt, als Chiffren für die diversen Identitätsmodelle, die moderne Frauen (und Männer) heute ausprobieren dürfen. Dieser Dialektik - sich selber im anderen, in der Verkleidung zu entdecken - wird so beiläufig wie effizient der Prozess gemacht. In der Uniform der Eheschließung erst kommt Frau zu sich selbst; im weißen Dress findet sich nur noch eine kulturelle Markierung: rein und tugendhaft zu sein.

Auch in "Die Schwester der Königin" endet die Koketterie mit verschiedenen Rollen und Roben in der Schmucklosigkeit. Sandy Powells Kostümbild begleitet eindrucksvoll den Aufstieg Anne Boleyns zur mächtigsten Frau im Staat: vom kühlen, noch distanzierten Blau bei ihrer ersten Begegnung mit dem König über das gediegene Beige beim Antritt bei Hof bis zum starken, selbstbewusst leuchtenden Grün, das die dunklen Haare der Schönen herrlich kontrastiert.

Im Finale, gehüllt in ihr eigenes weißes Leichentuch, ist sie dann das farblose Opfer, das für die Karriere zahlen muss. (Sofia Coppolas "Marie Antoinette" fädelte eine ähnliche Geschichte ein, nur mit umgekehrter Kostümdramaturgie: Da verschwand die Heldin als Person allmählich in der bonbonfarbenen Heiterkeit ihrer Luxusroben.)

Zur Weißglut gebracht

"27 Dresses" und "Die Schwester der Königin" sind, wie gesagt, holperig inszeniert, erschöpfen sich in Klischees, verlieren ihre Konflikte aus dem Blick. Aber ihre Kostümbilder erzählen, über die Jahrhunderte hinweg, von der Schwierigkeit für Frauen, aus vorgegebenen Rollenmustern auszubrechen, gesellschaftlich mobil zu werden und männliche Positionen zu besetzen.

Anne Boleyns Tochter wurde schließlich später zur legendären Elizabeth I., die ebenfalls Welt- und Kinogeschichte schrieb. Cate Blanchett spielte sie zum ersten Mal 1998, und auch in diesem Film ist das Kostümbild entscheidend.

Wie Elizabeth sich für die Rolle der kriegerischen Monarchin mit Schminke und Kleidern selbst zurichtet, das ist bestürzend schön - und zugleich atemberaubend tragisch.

Majestätisches Weiß macht auch ihr Gewand zur Rüstung, die ihre Trägerin auf eine Funktion beschränkt. Anders als "Die Schwester der Königin" und "27 Dresses" gestattet der Film seiner Heldin jedoch das Kalkül mit den Wirkungen dieser Kleiderwahl.

Sie brauche keinen Mann, sagt Elizabeth stolz, das Gesicht zu einer Maske der Souveränität geschminkt. Sie sei mit England vermählt. Diese Frau verblasst nicht, sie bekennt Farbe. Von der aktuellen Anne Boleyn kann man das nur bedingt behaupten. Von der Heiratsplanerin keinesfalls.

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