Krebstod Trauer um Schauspieler Ulrich Mühe

Der Schauspieler Ulrich Mühe ist tot. Der 54-Jährige starb schon am Sonntag in Sachsen-Anhalt an Magenkrebs - sein letzter großer Erfolg war die Hauptrolle im Oscar-prämierten Stasi-Drama "Das Leben der Anderen".


Hamburg - Der Schauspieler Ulrich Mühe hatte erst am vergangenen Wochenende seine Magenkrebs-Erkrankung publik gemacht und angekündigt, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. "Ich verbringe sehr viel Zeit mit meinen Kindern und meiner Frau", berichtete der 54-Jährige der "Berliner Morgenpost". Doch es blieb ihm keine Zeit mehr, denn wie erst jetzt bekannt wurde, starb Mühe bereits am Sonntag in Walbeck in Sachsen-Anhalt. Dies bestätigte inzwischen auch die Familie des Schauspielers. Sie übermittelte der dpa folgende Mitteilung: "Wir bestätigen, dass unser Vater am Sonntag, den 22. Juli, gestorben ist, und er heute auf eigenen Wunsch im engsten Kreis der Familie beigesetzt wurde. Wir bitten Freunde und Kollegen um Verständnis." Nähere Angaben machte die Familie nicht.

Mühes größter und zugleich letzter Erfolg war die Hauptrolle in dem Oscar-prämierten Film "Das Leben der Anderen" von Florian Henckel von Donnersmarck. Darin spielte er einen Stasi-Offizier, der damit beauftragt wird, einen bekannten DDR-Theaterschriftsteller zu bespitzeln, aber mit der Zeit an dem Spitzelstaat zu zweifeln beginnt. Kurz nach seiner Rückkehr von der Oscar-Verleihung in Los Angeles unterzog Mühe sich einer schweren Magen-Operation.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit reagierte mit großer Betroffenheit auf die Todesnachricht. "Die Kulturstadt Berlin trauert um einen großen Künstler", erklärte Wowereit und sprach den Angehörigen und Freunden Mühes seine Anteilnahme aus. "Er war ein Könner, der vor allem durch seine Vielseitigkeit immer wieder überraschte", sagte der Regierungschef und Kultursenator. Sein eindringlicher Auftritt in der Rolle des Stasi-Mannes in dem Oscar-prämierten Streifen "Das Leben der Anderen" werde unvergesslich bleiben. Das Thema hat den Mit-Initiator der Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz vom 4. November 1989 auch sehr persönlich immer wieder tief berührt, erklärte Wowereit.

Die Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde betonten, Mühe habe einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der SED-Diktatur geleistet. Mit seiner Rolle als Hauptmann der Staatssicherheit in "Das Leben der Anderen" habe er unzähligen Menschen aufgezeigt, welche katastrophalen Auswirkungen die SED-Diktatur auf das Leben in der DDR gehabt habe, sagte Behördensprecher Andreas Schulze. Die Mitarbeiter der Behörde hätten mit Trauer und Betroffenheit auf den Tod des 54-Jährigen reagiert.

Mit Mühe ist "einer der größten und eindringlichsten Schauspieler Deutschlands" gestorben, sagte ZDF- Intendant Markus Schächter. Mühes besondere menschliche Ausstrahlung und seine Sensibilität hätten die Rollen, die er gespielt habe, immer in etwas Unverwechselbares verwandelt. Ganz besonders habe Mühes Herz an der Rolle des Dr. Kolmaar in der ZDF-Krimiserie "Der letzte Zeuge" gehangen. "Mit hintergründigem, fast melancholischem Humor und warmherziger Philosophie hat Ulrich Mühe in dieser Figur Millionen Menschen fasziniert", sagte Schächter.

Der Bayerische Rundfunk (BR) würdigte Mühe als "einzigartigen Schauspieler". Mit seiner Darstellung des Stasi-Mannes in "Das Leben der Anderen" habe er seine optimale darstellerische Fähigkeit geboten, die diesem Film ganz wesentlich zur Oscar-Prämierung verholfen habe, sagte Gerhard Fuchs, BR- Fernsehdirektor und Präsident der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Mühe sei ein Schauspieler gewesen, "der sich mit seinen Rollen vollkommen identifizieren konnte und auch seine persönliche Lebenserfahrung auf eine Weise durchscheinen ließ, die sein Publikum absolut vereinnahmt hat".

Das Markenzeichen des Schauspielers war seine enorme Wandlungsfähigkeit. Im Kino, im Fernsehen und auch auf der Bühne verkörperte er die unterschiedlichsten Charaktere. So mimte er in der Satire "Mein Führer" mit Helge Schneider Hitlers jüdischen Schauspiellehrer. In der hochgelobten TV-Tragikkomödie "Goebbels und Geduldig" verkörperte Mühe in einer Doppelrolle sowohl einen in der NS-Zeit internierten Juden als auch NS-Propagandaminister Joseph Goebbels.

Im Fernsehen ist Mühe derzeit in "Der letzte Zeuge" zu sehen. An der Seite von Gesine Cukrowski spielte er in der preisgekrönten Serie den ironisch-melancholischen Gerichtsmediziner Robert Kolmaar.

Mühe wurde am 20. Juni 1953 als Sohn eines Kürschnermeisters in Grimma in Sachsen geboren. Nach einer Ausbildung als Baufacharbeiter und dem anschließenden Wehrdienst an der Berliner Mauer absolvierte er ab 1975 ein Schauspielstudium an der Leipziger Theaterhochschule "Hans Otto". In der DDR-Zeit war er an der Berliner Volksbühne und am Deutschen Theater engagiert. Dort avancierte er schnell zum gefeierten Bühnenstar. Über diese Zeit sagte er einmal: "Das Theater war der einzige Ort in der DDR, an dem die Leute nicht belogen wurden. Für uns Schauspieler war's wie eine Insel. Wir konnten uns Kritik leisten, die in einem volkseigenen Betrieb harte Konsequenzen gehabt hätte." Zudem arbeitete er für Film und Fernsehen. 2005 erhielt er den Deutschen Fernsehpreis.

Der Schauspieler war mit seiner Kollegin Susanne Lothar verheiratet, mit der er zwei Kinder hatte. Eine Tochter hatte er außerdem aus seiner ersten Ehe mit der Schauspielerin Jenny Gröllmann, der er 2006 vorwarf, mit der Stasi zusammengearbeitet zu haben. Gröllmann war gegen diese Äußerungen vor Gericht gezogen und hatte recht bekommen. Mühes Widerspruch wurde abgewiesen. In der öffentlich ausgetragenen Schlammschlacht stellten sich Kollegen wie Henry Hübchen gegen Mühe. Von dieser persönlichen Tragödie hat Mühe sich nicht mehr erholt.

hoc/dpa/AP



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.