Regisseur Brüggemann über "Kreuzweg" Glaube um Glaube

"Dem System Katholizismus bei der Arbeit zusehen": So beschreibt Dietrich Brüggemann seinen Film "Kreuzweg", in dem sich ein Mädchen für ihren Glauben opfert. Bei der Berlinale gewann das Drama einen Silbernen Bären - und rückte einen Regisseur in den Mittelpunkt, der keine Provokationen scheut.

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Manchmal geht Dietrich Brüggemanns Ego in Vorleistung. Zum Beispiel bei der Berlinale 2013. "Gekünstelte Dialoge. Reglose Gesichter. Ausführliche Rückenansichten von Leuten. Zäh zerdehnte Zeit. Willkommen in der Welt des künstlerisch hochwertigen Kinos, willkommen in einer Welt aus quälender Langeweile und bohrender Pein", zeterte er auf seinem Blog, nachdem er den deutschen Wettbewerbsbeitrag "Gold" von Thomas Arslan gesehen hatte. Der Titel des Blogeintrags: "Fahr zur Hölle, Berliner Schule".

Sturmgeheul gegen die renommierteste Strömung im deutschen Gegenwartskino, gegen Regiestars wie Christian Petzold? Das irritierte die Branche - nicht zuletzt, weil es von einem 36 Jahre alten Regisseur kam, der bis dahin vor allem mit charmanten, aber überschaubar erfolgreichen Beziehungskomödien ("Renn, wenn du kannst", "3 Zimmer/Küche/Bad") in Erscheinung getreten war. "Ich hätte den Text nicht geschrieben, hätte ich nicht gewusst, was mein nächster Film wird", sagt Dietrich Brüggemann ein Jahr später auf der Berlinale 2014. "Der Film ist gewissermaßen der zweite Teil meiner Aussage."

Sein nächster Film ist "Kreuzweg" geworden, ein todernster, formal rigider Film über eine junge Katholikin, die sich ihrem Glauben wortwörtlich opfert - mit ihm hat es Brüggemann erstmalig in den prestigereichen Wettbewerb geschafft. Das Werk kam nicht nur bei der Kritik größtenteils gut an, am Schluss gab es sogar den Silbernen Bären für Dietrich und seine Co-Autorin und jüngere Schwester Anna Brüggemann für das beste Drehbuch.

"Der Film ist selbst katholisch"

Aber ein Film, der entsprechend dem Leidensweg Jesu aus 14 Szenen besteht, größtenteils mit nur einer Kameraeinstellung gefilmt, eröffnet von einem 14-minütigen Monolog eines Paters - wie soll das ein Gegenmittel gegen das gescholtene "künstlerisch hochwertige Kino sein"? "Ich habe nicht gefordert, das Avantgarde-Kino, das seine Daseinsberechtigung nicht aus Zuschauermassen, sondern aus künstlerischer Wahrhaftigkeit zieht, abzuschaffen", sagt Brüggemann, "ich möchte, dass es besser wird, dass es aufhört, in Floskeln zu erstarren."

Ob "Kreuzweg" nun eine bessere Variante des deutschen Avantgarde-Kinos darstellt, darüber lässt sich gut streiten. In jedem Fall ist er eine ambitioniertere Variante, eine, die nach großen Vorbildern wie Michael Haneke oder Roy Andersson strebt und dabei auch noch in Dialog mit den "Golden Heart"-Filmen von Lars von Trier ("Dancer in the Dark") tritt. "Der Film ist selbst katholisch - also orthodox streng in seiner Bildkomposition und Sprache", sagt Brüggemann. Er will das als Überaffirmation verstanden wissen. "In der Überaffirmation sehe ich ein sehr wirksames Instrument der Kritik."

In der Theorie überzeugt dieser Ansatz, in der Umsetzung nicht immer: Ausgerechnet die Regie ist ein Schwachpunkt von "Kreuzweg". Während Lea van Acken in der Hauptrolle der 14-jährigen Maria überzeugt, wirkt Franziska Weisz als ihre fanatische Mutter, die überall Sünde sieht, grotesk überzogen. So gerät der Film immer wieder aus der Balance zwischen Wahrhaftigkeitsanspruch und ästhetischer Verdichtung.

Dass es ihnen mit "Kreuzweg" um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit religiösem Fundamentalismus geht und Glaube nicht nur ein dramaturgisches Eskalationsmittel darstellt, haben die Brüggemanns immer wieder betont. "Ich würde mir wünschen", sagt Dietrich, "dass der Film wie eine Art Lackmustest funktioniert: Wer davon seinen Glauben beleidigt sieht, der muss sich fragen, ob er nicht selber Fundamentalist ist."

"Auch Sozialismus kann fürs Leben schädigen"

Die katholische Variante des extremen Glaubens haben die in Regensburg aufgewachsenen Geschwister selbst erlebt: Von der modernisierten Messe nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil enttäuscht, nahm ihr Vater sie einige Mal zu den traditionalistischen Piusbrüdern mit, einer Glaubensgemeinschaft, die im Film wenig verschleiert als Paulusbrüderschaft auftaucht. Verzicht und Weltabgewandtheit bestimmen ihren Glauben - zwei Prinzipien, die die unsichere Maria bedingungslos zu leben versucht. Erst verzichtet sie bei kaltem Wind nur auf eine Jacke, weil es ein Opfer für Jesus ist, dann weigert sie sich, am Sportunterricht teilzunehmen, weil beim Warmlaufen "satanische Musik" gespielt würde. Als sie schließlich aufhört zu essen, wird es lebensbedrohlich, doch selbst dann schreiten ihre Eltern nicht ein.

"Ich will mit dem Film nicht sagen, dass es in jeder streng religiösen Familie so zugeht. Auch bei den Piusbrüdern gibt es ganz normale, nette Familien", sagt Brüggemann. "Aber in Familien gibt es immer Machtverhältnisse. Die Weisheit der Eltern liegt darin, die Macht über ihre Kinder nur zum Guten auszuüben. In dem Moment, in dem Eltern nicht mehr ihrem Gewissen oder dem durchschnittlichen gesunden Menschenverstand folgen, sondern einem System wie Religion, kann es sein, dass sie ihre Kinder deformieren."

Als Alleinstellungsmerkmal von Religion will er das aber nicht verstanden wissen: "Ich wollte mit diesem Film dem System Katholizismus bei der Arbeit zusehen. Aber man kann seine Kinder auch mit Sozialismus fürs Leben schädigen."

Diese erweiterte Gültigkeit der Geschichte von "Kreuzweg" ist es womöglich auch, die dafür gesorgt hat, dass es bislang keine laute Kritik von religiöser Seite gegeben hat. Ein paar empörte Mails von Menschen, die den Film noch gar nicht gesehen hatten, seien zwar gekommen. "Aber die Grenze, mit wem man eine sinnvolle Diskussion führen kann, verläuft nicht zwischen Gläubigen und Atheisten, sondern zwischen Verständigen und Unverständigen", sagt Brüggemann.

Als nächstes will er eine Komödie über Neonazis drehen - oder besser gesagt über die Unfähigkeit Deutschlands, mit eben diesen umzugehen. Ob das Thema bei Brüggemann in den richtigen Händen ist? So recht weiß man es nach "Kreuzweg" nicht, in gewisser Weise verspricht auch dieser Film - ähnlich wie seine Tirade auf die Berliner Schule - mehr, als er einlösen kann.

Dennoch kann man sich darauf freuen, wohin seine Ambitionen Brüggemann noch treiben werden - denn ein Getriebener ist er in jedem Fall, und das kann man weder vom "Schweiger-Schweighöfer-Schrott" (Brüggemann) noch vom "Berliner-Schule-Berlinale-Wettbewerbs-Kino" (Brüggemann) sagen.

Kreuzweg

D 2014

Regie: Dietrich Brüggemann

Drehbuch: Anna Brüggemann, Dietrich Brüggemann

Darsteller: Lea van Acken, Franziska Weisz, Lucie Aron, Florian Stetter, Moritz Knapp, Michael Kamp

Produktion: UFA Fiction

Verleih: Camino Filmverleih

Länge: 107 Minuten

Start: 20. März 2014

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