Kriegsfilm "Jarhead" Die Stille vor dem Schuss

Kriegsfilm wie gewohnt und doch ganz anders: In seiner Verfilmung des US-Bestsellers "Jarhead" zeigt der britische Regisseur Sam Mendes die Ambivalenz des Rekrutenlebens im Irak-Feldzug von 1990.

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Francois Truffaut sagte einmal, dass es unmöglich ist, einen Anti-Kriegsfilm zu drehen, denn das ganze Abenteurertum und die Spannung, die dabei entsteht, lasse jede Kampfhandlung wie eine Riesensause erscheinen. Ein anderes Bonmot sagt, dass jeder Anti-Kriegsfilm erst einmal ein guter Kriegsfilm sein muss.

Szene aus "Jarhead": Surrealer Wüstenkrieg
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Szene aus "Jarhead": Surrealer Wüstenkrieg

"Jarhead" ist beides: ein guter Kriegsfilm und ein guter Anti-Kriegsfilm, und vielleicht schafft Sam Mendes dieses Kunststück, indem er einfach keine Kampfhandlungen, keine combat action zeigt. Jedenfalls nicht in den ersten beiden Dritteln seines Films. "Jarhead" erzählt die Geschichte des 20-jährigen Rekruten Anthony Swofford, der im Sommer 1990 in den Irak geschickt wird und fünf Monate lang in sengender Wüstenhitze auf seinen Einsatz als Scharfschütze warten muss.

Warten, Wasser trinken, wahnwitzige Drill-Übungen absolvieren - und wieder warten - davon handelt dieser ungewöhnliche Film, der zunächst als Hommage an Stanley Kubricks "Full Metal Jacket" beginnt: Jämmerliche, kahl geschorene Rekruten werden von einem krakeelenden Staff-Sergeant zu Marines gedrillt. Antreten, angebrüllt werden, wegtreten, Liegestütze machen, "Sir, jawohl, Sir" zurückbrüllen - Alltag der zukünftigen "Jarheads", deren Köpfe mit dem Corps-Geist der härtesten Armee-Einheit Amerikas gefüllt werden - wie leere Einmachgläser, "jars" eben.

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Jarhead: Warten in der Wüste
Die Gehirnwäsche funktioniert: In einer späteren Szene sind die Rekruten im Kino zu sehen. Es läuft "Apocalypse Now", die berühmte Hubschrauber-Sequenz kurz vor dem Angriff auf ein vietnamesisches Dorf, die Francis Ford Coppola dramatisch-ironisch mit Wagners "Walkürenritt" unterlegte. Die Soldaten im Mannschaftskino jubeln und geifern angesichts der gleich folgenden Schlachtszene, doch bevor es so weit ist, geht plötzlich das Licht im Saal an: Ausrücken, Abmarsch, Abflug in den echten Krieg.

Kaum ein Hollywood-Film hat sich bisher richtig an den Irak-Feldzug von 1990 herangetraut: Edward Zwick nutzte die Operationen "Desert Shield" und "Desert Storm" in "Courage Under Fire" als Kulisse für einen Gerichtsprozess, dem Remake von "Der Manchurian Kandidat" diente der kleine Irak-Krieg ebenfalls nur als Ausgangspunkt für einen Psycho-Thriller. Lediglich David O. Russell schickte 1999 für "Three Kings" George Clooney, Mark Wahlberg und Ice Cube in den heißen Wüstensand - um eine action- und pointenreiche Satire zu drehen.

Auch Sam Mendes, der zuvor mit Amerikas Vorstadtidyll abrechnete ("American Beauty") und dafür einen Oscar bekam, zeigt den Kriegsschauplatz, den TV-Zuschauer in aller Welt nur aus der Vogelperspektive oder als Science-Fiction-Spektakel im grünen Nachtsichtlicht kennen, aus dem Blickwinkel der Soldaten am Boden. Doch sein Thema ist nicht nur die Schilderung des harten Rekrutendrills und der sinnlosen Schindereien für eine zweifelhafte Mission.

"Jarhead" sei kein Film über Krieg, sondern über Soldaten, sagt Mendes, und tatsächlich scheint sich der ehemalige Theaterregisseur vor allem dafür zu interessieren, wie junge US-Soldaten der so genannten dritten Generation, unbeleckt von Weltkrieg und Vietnam, ihr durch Filme und Medien geformtes Bild vom Krieg an der Realität messen lassen müssen. Als Vorlage dienten ihm die Erinnerungen des echten Anthony Swoffords, dessen gleichnamiges Buch über seine Erlebnisse im Irak in den USA zum Bestseller wurde.

Die ständige Brechung des Kriegsalltags mit bekannten Zeichen und Bildern entwickelt eine subtile Komik, die dem Film seinen ganz eigenen Charakter verleiht: Einmal sehen sich die Marines ein Video an. Es ist Michael Ciminos Kriegsdrama "Die durch die Hölle gehen", doch nach ein paar Szenen sind stattdessen die unzüchtigen Sex-Spiele der Ehefrau eines der Kameraden zu sehen. Kriegsfilm gleich Pornografie, deutlicher geht es nicht.

Der wahre Krieg, zeigt Mendes, besteht aus Warten - und Angst, die sich langsam aufbaut und immer quälender wird. Die kampfhungrigen, bis zum Anschlag abgerichteter Jungsoldaten, die dazu verdammt sind, untätig herumzusitzen, fallen ob der Eintönigkeit und der nagenden Ungewissheit über die Treue ihrer daheim gebliebenen Freundinnen immer mehr dem Wahnsinn anheim. An Weihnachten jagen die angetrunkenen Jungs beinahe ihr eigenes Zeltlager in die Luft. Die Stimmung ist explosiv.

Erst als der letztlich nur vier Tage dauernde Krieg tatsächlich beginnt und die Rekruten auf dem "Highway of Death" in Marsch gesetzt werden, wechselt der Film in eine unheimlichere Tonart und verlässt das Terrain der Filmzitate und Hommagen. Gespenstisch in ihrer totenstillen Künstlichkeit ist die Szene, in der Swofford durch eine Gruppe verkohlter Leichen stolpert. Als die kuweitischen Ölquellen in die Luft gehen, baden die Soldaten im schwarzen Regen und kämpfen nicht nur mit der erstickenden, Übelkeit erregenden Substanz auf ihrer Haut, sondern vor allem mit der Surrealität der Szenerie, die sich ihnen bietet.

Kameramann Roger Deakins, der fast alle Filme der Coen-Brüder kongenial in Szene setzte, und "Apocalypse Now"-Cutter Walter Murch, zwei Meister ihres Fachs, entwerfen hierzu einen wahrhaft apokalyptischen Bilderreigen: Die flammenden Ölfontänen vor pechschwarzem Himmel sehen aus, als wären sie aus einem Dalì-Gemälde entnommen. Als dann in diesem Inferno des zivilisatorischen Untergangs plötzlich auch noch ein Pferd angetrabt kommt, wird einem selbst als Zuschauer ein wenig schwindelig. Wie soll es da erst den Rekruten gehen, die sich angesichts solch wüster Einzigartigkeit nicht mehr am Dschungelgras der Vietnamfilme festhalten können. Sie erleben nun ihren eigenen verstörenden Krieg.

Dass "Jarhead" nicht an seiner zwangsweise schleppenden Dramaturgie scheitert, ist nicht zuletzt den hervorragenden Darstellern zu verdanken, allen voran Jake Gyllenhaal ("Donnie Darko"), der hier seine bisher beste Leistung zeigt. Mit schüchternen Blicken aus großen Träumeraugen gibt er den großen, schlaksigen Naiven, der die Dinge um sich herum zunächst nur wahrnimmt, sie einfach erlebt, statt sie zu begreifen. Nicht umsonst liest er zu Beginn des Films Camus' Roman "Der Fremde", jene Geschichte über einen eher gefühlskalten Mann, der durch einen Zufall zum Mörder (an einem Araber) wird und sich mit der Todesstrafe konfrontiert sieht.

Flankiert wird Gyllenhaal von Peter Sarsgaard, der Swoffords Scharfschützenkameraden Troy mit einer brillanten Mischung aus Verschlagenheit und Nervosität spielt. Jamie Foxx schließlich vollbringt das Kunststück, seinen stets am Rande der Heiserkeit brüllenden Staff Sergeant Sykes mit feiner Selbstironie vor der Karikatur zu retten.

Zusammen schaffen die drei eine Nähe zum Zuschauer, die der kühle Kino-Analytiker Mendes seinen Figuren oft verweigert. So kann man letztlich nachvollziehen, dass Swofford und Troy, von Natur aus keine Killer, schon in der Grundausbildung den Ehrgeiz entwickeln, ihr grausames Handwerk auch einmal in der Realität anwenden zu dürfen.

Doch so weit kommt es nicht. Die angestaute Mordenergie, in der sich auch die sexuelle Frustration der langen Monate in Männergemeinschaft bündelt, darf sich nicht entladen. An der fassungslosen, fast verzweifelten Enttäuschung der beiden Marines zeigt Mendes, was junge Menschen am Krieg gleichzeitig ekelt und fasziniert und was sie dazu treibt, sich - trotz vermeintlich kritischer Filme - auf das Spiel mit Waffen und militärischer Macht einzulassen.

Wer sich von "Jarhead" ob des heiklen Schauplatzes eine Anklage gegen den aktuellen, politisch fragwürdigen Irak-Feldzug der Amerikaner erhofft, ist auf der falschen Fährte. Sein Film handelt von Ambivalenzen und inneren Mechanismen des Soldatentums. Mit der Dualität des Menschen, dem Gegensatz zwischen individueller und kollektiver Funktion in Organisationen wie der Armee, beschäftigt sich letztlich auch Kubricks "Full Metal Jacket", womit sich der Kreis zum Vorbild schließt. "Jarhead" transportiert diese cineastischen Meditation über inneren, äußeren und medialen Krieg in die Neuzeit und fügt ihr eine intelligente, bildgewaltige und brillant gespielte Episode hinzu.



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