Kriegsfotografie "Möglichst nah ran"

Gnadenlose Killer, verstümmelte Menschen, Kinder ohne Hoffnung. Die Ausstellung "Von Krieg und Krisen" des Hamburger Fotografen Knut Müller erzählt bedrückende Geschichten aus Albanien, Bosnien, Somalia, dem Kosovo und dem Irak. SPIEGEL ONLINE zeigt eine Auswahl seiner Aufnahmen.

Von Claus Christian Malzahn


Hetzjagd durch Prishtina im Kosovo: KFOR-Soldaten konnten einen Lynchmord in letzter Sekunde verhindern
Knut Müller

Hetzjagd durch Prishtina im Kosovo: KFOR-Soldaten konnten einen Lynchmord in letzter Sekunde verhindern

Hamburg/Halle - Wir hatten uns in einem Hotel im mazedonischen Skopje verabredet, einem hässlichen, sozialistischen Nutzbau aus Beton, mit staubigen alten Betten, ohne Klimaanlage. Es war Ende Juni 1999, die Bundeswehr war gerade mit Amerikanern und Briten in den Kosovo einmarschiert. Von Skopje aus waren es nur drei Autostunden bis Pristina, der Hauptstadt des Kosovo, und auf einer dieser von der Sommerhitze ganz aufgeweichten Asphaltpisten hatte ein russischer Söldner gerade die deutschen Journalisten Gabriel Grüner, seinen Foto-Kollegen Volker Krämer und einen Dolmetscher erschossen.

Knut war mit Grüner befreundet gewesen, auch den Fotografen hatte er gekannt. Ich weiß noch, wie ich an Knuts Zimmer klopfe und mir ein blonder Hüne die Tür öffnete. Die meisten Fotografen, mit denen ich bisher gearbeitet hatte, waren klein, höchstens drahtig, Knut sah dagegen so aus, als käme er gerade aus einer Mucki-Bude. Ich war noch nicht lange im Geschäft der Berichterstattung aus Krisengebieten, und als ich meinen Kompagnon sah, war ich ziemlich beruhigt. Mit diesem Typ an Deiner Seite, dachte ich mir, kann Dir gar nichts passieren, wenn uns einer blöd kommt, wird er ihn einfach umhauen

Somalia, 2000: Ein selbsternannter "Islamischer Gerichtshof" beschäftigt Millizionäre, die auf Patrouillenfahrten durch die Stadt Merka ihre Präsenz zeigen Somalia 2000:Dieser Mann soll auf dem Basar von Merka wiederholt gestohlen haben. Die Richter des "Islamischen Gerichts" verurteilten den Familienvater, ihm wurde die rechte Hand abgehackt Rumänien 1990: Nach dem Zusammenbruch des Ceausescu-Regimes verließ das Pflegepersonal die Kinder- und Behindertenheime in der rumänischen Provinz. Die Kinder, hier zwei Waisen aus Banffy-Apahida, wurden in verwahrlosten Zustand angetroffen Kosovo, 1999: Ein albanisches Mädchen bei der Plünderung in dem Roma-Viertel von Mitrovica, das von albanischen Extremisten verwüstet wurde
Kosovo, 1999: Eine Frau mit Töchtern und Enklen einer albanischen Familie, deren Angehörige von Serben ermordet wurden Nord-Irak, 1991: Improvisiertes Flüchtlingslager, errichtet nach dem Ende des 2.Golfkriegs Bosnien, 1993: Die Kameraausrüstung der bosnischen Fotorepoter Hondo Salko und Pogino Rade. Die beiden Journalisten gehörten zu der einzigen unabhängigen Tageszeitung Sarajevos "Oslobodenje". Auf der Fahrt zur Frontlinie wurde ihr Fahrzeug von einer Granate zerstört Bosnien, 1993: Borislav Herak wurde als "Schlächter von Sarajevo" bekannt. Er soll an 220 Morden an bosnisch-muslimischen Zivilpersonen beteiligt gewesen sein. Nachdem er selbst in Gefangenschaft geriet, wurde er von einem Militärgericht zum Tode verurteilt
Irak, 1991: Nach Ende des 2.Golkriegs flohen rund zwei Millionen Kurden in Richtung Türkei und Iran, aus Angst vor Vergeltungsaktionen des Sadam-Regimes. Das Wasser geschmolzenen Schnees nutzen die Frauen zum Waschen und Kochen Afghanistan: Szene vor einem zerstörten Haus im Hazara-Viertel in Kabul Hetzjagd durch Pristina im Kosovo: KFOR-Soldaten konnten einen Lynchmord in letzter Sekunde verhindern Irak, 1991: Eine kurdische Mutter, in dem Arm ihr unterernährtes Kind, auf der Flucht vom Irak in den Iran

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Eine von Knuts Vorzügen ist neben seinem klaren fotografischen Blick seine innere Ruhe. Nervös wird er nur, wenn nichts passiert. Denn wenn nichts passiert, kann er auch keine Bilder machen. Er konnte es kaum erwarten, endlich in Pristina anzukommen. Wir mieteten uns in einem Hotel ohne Fahrstuhl und fließendes Wasser ein und bekamen Zimmer im siebten Stock. Dann inspizierten wir die Stadt. Abends sagte Knut: "Hier ist nichts los. Wir müssen nach Mitrovica." Mitrovica lag am Ibar-Fluss im Norden des Kosovo. Eine Stadthälfte kontrollierten die Serben, die andere die Albaner. Als wir ankamen, brannte das Roma-Viertel. Die Roma galten als Verbündete der Serben, schon auf der Straße kamen uns Flüchtlingstrecks entgegen, Dutzende Familien, vom Baby bis zum Greis, die ihr Hab und Gut auf Pferdewagen geladen hatten und sich vor der Gluthitze der Julisonne mit Regenschirmen schützten. Knut machte Bilder, dann bat ich die albanische Dolmetscherin, den Flüchtlingen ein paar Fragen zu stellen. Sie verschränkte demonstrativ die Arme und sagte: "Who gives a shit for a gypsie?"

In Mitrovica konnten wir den Brandstiftern regelrecht bei der Arbeit zusehen. Irgendwann sahen wir einen Posten der KFOR, der internationalen Eingreiftruppe. In Mitrovica waren die Franzosen verantwortlich. Ich fragte einen Offizier, ob er nicht irgendetwas tun könne, um die Brände zu löschen. Er entschuldigte sich wortreich. Er habe zu wenig Männer, die albanische Feuerwehr weigere sich, die Häuser der Zigeuner zu retten und überhaupt: alles sei eine "grand merde". Dann öffnete sich die Eingangstür des Hauses, in dem die französische Armee Quartier bezogen hatte. Der dunkle, angenehm kühle Raum war voller Soldaten. Sie spielten Billard. Ein Soldat versenkte gerade eine Kugel, als etwa 300 Meter weiter eine Fensterscheibe knallend vor Hitze zerbarst.

Während ich schockiert war über die Ignoranz, lachte Knut darüber. Er hatte seine Erfahrungen mit der Internationalen Hilfe und der Uno bereits in Sarajevo gemacht, wo er um ein Haar erschossen worden wäre. Serbische Heckenschützen hatten seinen Kopf um nur wenige Zentimeter verfehlt, als er mit einem Kollegen die belagerte Stadt mit einem Auto verlassen wollte. Die beste Lebensversicherung in den Trips durch die Kriege der vergangenen Jahre war neben schusssicherer Weste und milizionärem Begleitschutz trotzdem Knuts Kamera. Nur mit seinem Blitzlicht hat er im August 1999 einem armen Kerl in Pristina das Leben gerettet.

"Die bringen den um!"

Es war schon Abend, wir hatten einen Interviewtermin bei der UCK, der so genannten albanischen Befreiungsbewegung im Kosovo. Wir schlenderten vom Hotel den Boulevard hinauf, das UCK-Büro war nicht weit weg. Rechts neben dem Hotel hatte sich die Uno breit gemacht, Dutzende weißer Toyota-Geländewagen mit riesigen Antennen standen im Fuhrpark herum. Dieselben Autos fahren jetzt durch Kabul, die UNO nennt man dort deshalb auch die Toyota-Taliban, aber das ist eine andere Geschichte. Knut lief wie immer vorneweg an diesem Abend, stets auf der Suche nach einem guten Bild. Die Stimmung war friedlich, hunderte junger Männer und Frauen flanierten über die Allee und feierten den Abzug der serbischen Armee.

Die dunkelgrünen Baumkronen warfen lange Schatten auf die Straße, auf den Bürgersteigen hatten die Musikhändler ihre billigen Anlagen auf volle Lautstärke gedreht. Sie nebelten die ganze Innenstadt mit Folklore ein, dunkle Stimmen beschworen den Freiheitskampf gegen die Serben und die albanischen Märtyrer, von denen es übrigens von Tag zu Tag mehr zu geben schien. Knut bemerkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Irgendetwas passierte hier, erst flüchteten die Krähen aufgescheucht aus den Baumkronen und übertönten mit ihrem metallischen Krächzen sogar die Boom-Boxen der fliegenden Händler. Innerhalb weniger Sekunden verwandelte sich das friedliche Abendbild von Pristinas Innenstadt in ein Panorama des Todes. Ich begriff noch gar nichts, als Knut schrie: "Die bringen den um!" Dann rannte er los. Ein böses Gemurmel wehte über den Platz und die Flaneure von eben drängten plötzlich alle nach vorn. Eben hatten sie noch gelächelt, jetzt fletschten manche die Zähne. Die Menschenmenge verwandelte sich in eine Welle, die alles unter sich zu begraben schien. Nach ein paar Minuten erst sah ich, was los war: Dutzende Männer prügelten auf einen etwa 25-jährigen Kerl ein, sie beschimpften ihn, einer hielt den Burschen mit militärischer Präzision am Genick und führte ihn ab. Das Hemd des Mannes war bereits zerrissen, in seinem Blick flackerte Angst. Ich fragte einen Albaner, was das solle, "Why do they do this to him?" und der Albaner brüllte: "He is a Serb!", er ist ein Serbe. Kein Zweifel, der Mann vor meinen Augen war auf dem Weg zum Schafott. Es muss etwa in dieser Sekunde gewesen sein, als Knut das Foto machte, das heute auf der Rückseite der Einladungskarte zur Ausstellung in Halle abgedruckt ist. Das bemerkenswerte an diesem Bild ist nicht nur, dass es eines der ganz wenigen authentischen Dokumente jener Lynchjustiz ist, die sich in den neunziger Jahren auf dem Balkan ausbreitete und Hunderttausende das Leben kostete. Das Erstaunliche ist, dass die Killer ihren Fotografen zunächst überhaupt nicht bemerkten. Betrachtet man das Bild genau, stellt man fest, dass nur ein Mitglied des Mobs in die Kamera sieht, alle anderen haben nur Augen für ihr Opfer; das Opfer, das angeblich ein Täter war.

Das Bild zeigt, wie Opfer zu Tätern werden. Ein paar Wochen zuvor noch mögen die jungen Burschen in einem Flüchtlingsheim in Mazedonien gewesen sein, die flehentliche Blicke in die vielen westlichen Kameras geworfen hatten. An diesem Tag habe ich endgültig begriffen, das es auf dem Balkan kein klares Gut und Böse gibt sondern vor allem Beteiligte, die sich in ihrer Täter und Opferrolle abwechseln. Damit wir uns nicht missverstehen: Der Beschuss Sarajevos durch die Serben war ein feiges Verbrechen; die Ermordung tausender Männer in Srebrenica ein Massaker, bei dem es klar Schuldige und Unschuldige gab.

"Bis zur Schmerzgrenze"

Auch Kinder und Frauen sind im Krieg fast immer nur Opfer. Tatsächlich sind Knut Müllers Fotos von weinenden Witwen, verstümmelten oder verhungerten Mädchen kaum zu ertragen. Doch die Hetzjagd von Pristina, in die wir im September hineingeraten waren, hatten ausgerechnet Kinder losgetreten. Sie hatten den Mann nach der Uhrzeit gefragt, und er hatte auf serbisch geantwortet. Dann hatten die Kinder gerufen: Hilfe, ein Serbe - was sich später übrigens als falsch herausstellen sollte. Der junge Mann, der hier getötet werden sollte, war gar kein Serbe sondern ein Goranje - er gehört zu einer serbisch sprechenden Minderheit im Kosovo, die die Albaner nach der so genannten Befreiung loswerden wollten, weil Ihnen die unmenschliche Idee der ethnischen Landschaftsbegradigung im Grunde leider genauso einleuchtete, wie ihren Feinden, den Serben.

Während ich der Hetzjagd mehr oder weniger hilflos folgte und mir vorkam als starre ich gerade vom Mond auf die Erde, surrte Knuts Kamera in einer Tour. Immer dichter wagte er sich an die Jäger und ihr Opfer, es blitzte und blitze. Knut hatte mir mal gesagt, dass es wichtig sei, "möglichst nah ran" zugehen. "Solange es geht. Bis zur Schmerzgrenze". Die war für mich jedenfalls lange erreicht. Aber Knut machte weiter. Und plötzlich veränderte sich die Szene wieder. Nach jedem Blitz, den Knut den Killern entgegen warf, wurden die Schläge zögerlicher. Die Mörder merkten, dass ihr Mord dokumentiert wurde. Und weil sie nicht mehr alleine waren und Knut, quasi wie ein Bilderpolizist, nicht abließ von ihnen, wurden sie unsicher. Vor klickender Kamera wollten sie den Mann nicht umbringen. Das hätten sie ohne weiteres getan, denn niemand außer Knut und mir hielt das Geschehen auf der Straße für einen feigen Lynchmord, alle Anwesenden, und die Hetzjagd wurde schätzungsweise von zwei- bis dreihundert Claqueren begeistert beobachtet, sahen in der feigen Verfolgung ein gerechtes Strafgericht.

Mit seiner Kamera gelang es Knut immerhin, die Mordgeschwindigkeit zu drosseln. Einige Killer blitzte er regelrecht weg. So gewannen wir Zeit. Ich machte mich auf die Suche nach einem Uno-Polizeiwagen. Tatsächlich sah ich von Ferne einen weißen Toyota mit blauer Uno-Schrift. Ich winkte dem Wagen zu, aber die Helden von der Uno, vermutlich Jordanier, fuhren schnell vorbei und taten so, als wäre nichts. Vor Knut hatte sich inzwischen ein dicker Albaner aufgebaut. "UCK" sagte er halb drohend, halb verlegen. "Fotos not good. Give me the film." Knut rückte tatsächlich einen Film raus, aber das war natürlich der falsche. Die Jäger waren mit ihrer Beute inzwischen von der Allee nach rechts in eine Seitenstraße abgebogen und marschierten mit dem armen Kerl auf einen Parkplatz zu. Ich folgte ihnen mit rasendem Herzen. Es war klar, was passieren sollte: Ab in den Kofferraum, raus aus der Stadt, Genickschuss und dann ein stummes Grab auf dem Amselfeld.

Der kleine Dicke von der UCK behielt Knut zwar im Auge, aber er traute sich nicht wirklich, ihm die Kamera wegzunehmen. Und dann sahen Knut und ich endlich die Briten, junge Soldaten, höchstens 20 Jahre alt. Wir schrieen: "Down here. Hurry up. They are killing him." Die Soldaten rannten los, brüllten "Fuck you, Bastards!", schossen mit ihren MP's in die Luft. Erst jetzt ließ der Mob von dem Mann ab, sie rannten in alle Himmelsrichtungen, denn die Briten in Pristina hatten sich, im Gegensatz zu den Franzosen in Mitrovica, Respekt verschafft.

Das Opfer war nur noch ein zitterndes Bündel Mensch, er blutete aus Mund und Nase, sein Oberkörper war voller roter Striemen. Es war unmöglich, ihn zu interviewen. Monate später hat er Knut mit Hilfe der Briten eine Email geschickt und sich bei ihm bedankt. Knut hatte die Bilder am nächsten Tag einer albanischen Tageszeitung gegeben. Die Koha Ditore druckte die Lynch-Dokumente auf der ersten Seite; ein Journalist schrieb einen Kommentar gegen die um sich greifende albanische Mordlust im Land. Das brachte der Zeitung eine Menge Ärger mit der UCK ein, sie haben solche Bilder nie wieder veröffentlicht und ihr Verhältnis zu UCK nach entsprechenden Drohungen leider revidiert. Knut Müller aber hatte ein Leben gerettet - und ein einmaliges Foto gemacht.

Das Foto als Beweis

Leider gehen solche Geschichten nicht immer gut aus. Viele Menschen, die Knut Müller ablichtete, sind heute nicht mehr am Leben. Aleksander Simovic zum Beispiel, ein Serbe, der uns im Kosovo als Dolmetscher diente und oft nach Hause einlud, um uns eine seiner 2000 Jazz-CD's vorzuspielen. Sein Lieblingslied war "So what" von Miles Davis, leider war diese Phrase der Sorglosigkeit auch sein Lebensmotto. Immer wieder baten wir Simovic, endlich aus dem Kosovo zu verschwinden. Aber er war in der Stadt groß geworden, hatte niemandem etwas getan und war mit albanischen Jazz-Musikern befreundet. Er fühlte sich sicher. Simovic starb wahrscheinlich so, wie der Goranje hatte sterben sollen. Er wird jedenfalls seit etwa vier Jahren vermisst, seine Leiche hat man nie gefunden.


Die Bilder von Knut Müller sind bis zum 7.9. in der Galerie Marktschloesschen, Marktplatz 13, 06108 Halle, zu sehen.



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