Kerouac-Verfilmung "On the Road": Hipster auf Kaffeefahrt

Von David Kleingers

Ach, wären sie doch daheim geblieben! In der Verfilmung von Jack Kerouacs Klassiker "On the Road" tingeln die Jungstars Kristen Stewart, Garrett Hedlung und Sam Riley durch die USA, nehmen Drogen und haben Sex. Leider sehen sie dabei so aus, als ob sie Werbung für eine Billig-Modekette machen.

Concorde Filmverleih

Jack Kerouacs "On the Road" gehört zu jenen literarischen Werken, die gerne unverfilmbar genannt werden. Der autobiografische Schlüsselroman der Beat-Generation gilt als zu mäandernd, episodisch und dramaturgisch untauglich für das Kino, linear und damit kommerziell vermittelbar ließe er sich nicht erzählen. Aber aus Sicht der Filmindustrie ist ein Buch natürlich nur dann unverfilmbar, wenn rechtsverbindliche Verfügungen dies vorsehen.

Berühmt etwa die Vehemenz, mit der sich J. D. Salinger gegen eine Verfilmung von "The Catcher in the Rye" verwahrt hat. Kaum war der zurückgezogen lebende Autor im Januar 2010 verstorben, kamen erneut Spekulationen über eine Kinoversion auf. Wenn ein literarischer Titel populär ist, so die einfache Geschäftslogik, dann ist eine Verfilmung erstrebenswert. Unabhängig von der ästhetischen und inhaltlichen Verfasstheit des Werks.

Francis Ford Coppola sicherte sich bereits vor gut dreißig Jahren die Filmrechte an Kerouacs Bestseller. Nach vergeblichen Anläufen in der Vergangenheit fungiert Coppola nun als einer der internationalen Co-Produzenten von "On the Road", der dieses Jahr in Cannes uraufgeführt wurde. Mit Walter Salles ("Central Station", "The Motorcycle Diaries") ist ein renommierter Regisseur an Bord, zudem wartet der Film bis in die Nebenrollen mit einer illustren Besetzung auf. Es ist also davon auszugehen, dass der Adaptionsversuch für die Beteiligten irgendwann wie eine gute Idee geklungen haben muss. Leider ist er das nicht.

Fotostrecke

5  Bilder
Kerouac-Verfilmung "On the Road": Wie in der Werbung
Nun wäre ein ambitioniertes, grandioses Scheitern ja interessant, vielleicht gar reizvoll und inspirierend. Doch Salles' Film ist ein abschreckendes Exempel hochpolierter Mutlosigkeit, zäh wie ein Stau im Elbtunnel, enervierender als eine Autobahnfahrt ohne Pinkelpause.

Dabei mangelt es keineswegs an besten Absichten. Doch die zeitigen bekanntlich allzu oft öde Ergebnisse. Und der Wunsch, es allen recht machen zu wollen, führt hier geradewegs in die Haltungs- und Belanglosigkeit: Der Film findet kein stilistisches Äquivalent für die assoziationsreiche und zerfasernde Prosa Kerouacs. Und auch der Hollywood-Ansatz gelingt nicht, die lose Folge aus Ereignissen in die Form eines tragischen Liebesdreiecks zu zwängen: um Kerouacs Alter Ego Sal Paradise (Sam Riley), den haltlosen Dean Moriarty (Garrett Hedlund) und dessen minderjährige Braut Marylou (Kristen Stewart) .

Bekannt ist, dass die Kunstfigur Dean Moriarty stellvertretend für Neal Cassady steht, mit dem Kerouac einige weitläufige Exkursionen unternahm. Ebenfalls seinen Auftritt hat Carlo Marx (Tom Sturridge), Kerouacs Interpretation des Beat-Poeten Alan Ginsberg. Hinzu kommen Old Bull Lee (Viggo Mortensen) und seine Lebensgefährtin Jane (Amy Adams), die an William S. Burroughs und Jane Volmer erinnern sollen. Vervollständigt wird das Figurenkabinett durch Camille (Kirsten Dunst) alias Carolyn Cassady, die Gattin von Neil Cassady, und Terry/ Bea Franco (Alice Braga), die Geliebte von Jack Kerouac/ Sal Paradise während seiner Zeit in den kalifornischen Baumwollfeldern.

Die Zuschauer begegnen all diesen - auf dem Papier sicherlich faszinierenden - Charakteren auf ihren Reisen durch die Vereinigten Staaten. Salles und Kameramann Éric Gautier packen alles, was man landläufig mit Kerouacs über Jahre akkumuliertem Anekdotenstrom verbindet, in wohlfeile Bilder: Benzedrin- und Alkoholräusche, der obligatorische Jazz ist dabei, man landet in wechselnder Konstellation im Bett, und ab und an schreibt Sal Paradise auch etwas auf. Vor allem aber wird fotogen im Hudson durch die Landschaft gefahren, ohne dass sich jedoch jenes Gefühl der Rastlosigkeit einstellen würde, dass der Film so gerne vermitteln möchte.

Eingebremst durch sein kunsthandwerkliches Bemühen, ein romantisches Bild der Beat-Protagonisten zu zeichnen, präsentiert der Film nur hübsche Hipster auf Kaffeefahrt mit Drogeneinschlag. Alles Fiebrige, Dringliche und Gefährliche gerinnt in der konventionellen Schönheit der Aufnahmen zur bloßen Behauptung. Und nicht selten wähnt man sich in einem überlangen Werbespot für Boheme-Chic der Prägung Urban Outfitters oder H&M.

Den Darstellern bleibt nur die Aufgabe, ihre Posen einzunehmen. Garrett Hedlund ist redlich bemüht, seinem Dean Moriarty Unberechenbarkeit zu verleihen, doch er vermag es schlicht nicht. Kristen Stewart könnte viel mehr, aber das Drehbuch von Jose Rivera verbietet es ihr offensichtlich. Und Sam Riley als Sal Paradise gibt perfekt die gähnend leere Seite, die auch nach unendlichen 137 Minuten immer noch nicht mit Bemerkenswertem gefüllt ist.

Damit krankt "On the Road" an derselben saturierten Gefälligkeit wie Salles' Porträt des jungen Che Guevara in "The Motorcycle Diaries". Mit dem radikalen Willen zum eigenen Entwurf hätte man Kerouacs Vorlage aufsprengen können; ihr delirierender Narzissmus und das Ringen zwischen konservativer Gottesfurcht und promiskem Lebenshunger böten genug Material für einen aufregenden Film, der nicht nur Klischees bebildert. Nur hätte ein solcher Bruch mit Konventionen bedeutet, dass man zwangsläufig aneckt. Eben das wird tunlichst vermieden, und statt für das zerfledderte, fleckige Paperback entscheidet sich Salles für das repräsentative Coffee-Table-Book mit Postkartenansichten einer vergangenen Gegenkultur.

Manchmal lohnt das Ziel, manchmal das, was unterwegs wartet. Hier aber bleibt man besser gleich zu Hause.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. oh mann...
hergebuyther 05.10.2012
Bei diesen Film würde sich Herr Kerouac im Grabe umdrehen, wenn er denn könnte.
2. optional
unter_linken 05.10.2012
Dümmlicher Indie Chic. American Apparel und eben auch Urban Outfitters haben wohl kräftig gezahlt. So könnte man auch für den Bergmannkiez, den Mauerpark oder ein MGMT Album werben. Gähn.
3. bittere Blasphemie
adazaurak 05.10.2012
wie können sie es wagen, aus dem besten Buch des 20. Jahrhunderts billigen Appledreck zu machen. Dagegen sind Mohammed Karikaturen ein Kindergeburtstag, ich fordere eine Fatwa gegen alle Beteiligten
4. optional
spon-facebook-1130107076 05.10.2012
Großartige Kritik! Genau das hatte ich befürchtet, als ich von der Verfilmung gelesen habe. Also vielleicht fühle ich mich auch nur bestätigt.
5. Um das ganze mal zu relativieren...
vowi2 05.10.2012
...bislang hat der Film positive und negative Kritiken bekommen, wobei die MEHRHEIT positiv ist. Vor allem die schauspielerische Leistung wurde oftmals positiv hervorgehoben. Gerade Garrett Hedlund hat viele Kritiker überzeugt. Viggo Mortensen wurde durch die Bank weg gefeiert, und auch Kirsten Dunst sowie Amy Adams hoch gelobt, auch wenn sie als Nebendarsteller [zu] wenig tun müssen. Denn gerade diese drei gehören zur höchsten Riege Hollywoods. Daraus hat Walter Salles nicht genug Kapital geschlagen. Den Film allerdings, ohne ihn vorher gesehen zu haben, abzustempeln halte ich für einen Fehler. Man könnte etwas verpassen! Bei der TIFF Premiere waren die Zuschauer jedenfalls höchst angetan! Auch wenn dort eine andere, um 15 Minuten verkürzte Fassung gezeigt wurde.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Kino
RSS
alles zum Thema Jack Kerouac
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 9 Kommentare

On the Road - Unterwegs

USA 2012

Regie: Walter Salles

Buch: Jose Rivera nach dem gleichnamigen Roman von Jack Kerouac

Mit: Garrett Hedlund, Sam Riley, Kristen Stewart, Kirsten Dunst, Tom Sturridge, Viggo Mortensen, Amy Adams, Steve Buscemi

Produktion: MK2 Productions, American Zoetrope, Jerry Leider Company

Verleih: Concorde

Länge: 137 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 4. Oktober 2012

Fotostrecke
Beatnik-Museum in San Francisco: "Die Suche nach dem Glück der Welt"