"Kubo, der tapfere Samurai" 48 Millionen Möglichkeiten, lebendig zu sein

Martial Arts bezaubernd filigran und kindgerecht: Das schafft der Stop-Motion-Film "Kubo", in dem ein kleiner Samurai mit Schwert und Laute gegen böse Geister ankämpfen muss.


Ganz am Ende - der Abspann ist schon eine Weile gelaufen - stülpt sich der Film nach außen. Die Kamera gleitet eine grüne Wand entlang, und der Raum gibt sich als Studioset zu erkennen, in dem eine gigantische Skelett-Puppe an einer noch gigantischeren, beweglichen Konstruktion eingehängt ist. Zwei Computerbildschirme stehen daneben; sie zeigen ein Gemisch aus fliehenden Zahlen, 3D-Grafiken und Symbolleisten. Ein Techniker steht zwischen Puppe und Computer, er hantiert mit dem Modell, operiert an dem Gerät.

Das Bild ist nicht nur deshalb spannend, weil sich hier die anfängliche Laborsituation offenbart, in der noch nichts von der Lebendigkeit spürbar ist, die später im Film auf bedrohliche Art und Weise in dem Skelett wütet. Das Bild ist vor allem interessant, weil es die technische Überbrückungsleistung deutlich macht, die nötig ist, um vom reglosen Modell zur Illusion seiner Lebendigkeit zu kommen - und die erst dann erfolgreich ist, wenn sie sich selbst vertuscht.

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"Kubo, der tapfere Samurai": In den Kampf mit Äffin und Käfer

Der kleine Kubo ist Sohn eines großen Samurai und einer Zauberin. Nachdem er durch die finsteren Mächte seines Großvaters auf einem Auge erblindete und zum Waisen wurde, muss er sich auf die Suche nach einer magischen Rüstung begeben, die ihn dazu befähigt, das Böse ein für allemal zu besiegen. Begleitet wird er von einer fürsorglichen Äffin und einem etwas treudoofen Käfer.

Vor der abenteuerlichen Reise verbringt Kubo die Tage damit, den Bewohnern eines kleinen Dorfs Geschichten zu erzählen. Während er auf einer Shamisen, einem dreisaitigen Lauteninstrument, spielt, flattern Papiere durch die Luft und falten sich zu Figuren, die seine Erzählungen illustrieren. Die Momente, in denen sich diese Origami-Figuren selbst zusammenfalten, über den Dorfplatz wirbeln und gegeneinander kämpfen, sich wieder ausfalten und umfalten, einander zerstückeln und zerreißen, gehören zu den besten Szenen des Films. Nicht nur, weil hier präzise Martial-Arts-Kampfchoreografien kindgerecht inszeniert sind, sondern weil sich hier die Feinheit der Animation am besten zeigt: Die filigrane Struktur des Papiers, die Art, wie es Schatten wirft, wie es Falten wirft, wie es rissig wird, wie es geknüllt wird, wie es raschelt.

Zu schnell fürs Auge

Gleichzeig werfen diese Szenen auch ein Licht auf den gesamten Film, auf das opernhaft aufgedonnerte Spektakel, das sich im Laufe dieser in vielerlei Hinsicht sehr klassischen Heldenreise entfaltet. In diesen Szenen passiert im Kleinen, worum es im Großen geht: Verlebendigung.

Schneller als es das Auge wahrnehmen kann, faltet sich das Papier zu einem Samurai, der mit seinem papierenen Schwert zuerst die Luft zerhackt, bevor er auf ein papierenes Monster zustürmt. Die Zuschauer auf dem Dorfplatz staunen, stoßen Laute der Beruhigung und der Furcht aus; ein Vater hält der Tochter die Augen zu, weil sich die Situation brenzlig zuspitzt. Hier reflektiert der Film das Wunder der Animation selbst. Sobald der papierene Held das Schwert schwingt, ist das Papier selbst vergessen, haben wir den Eindruck des Lebendigen, entweicht uns das "Ohh" und das "Ahh".

Die Produzenten sind im Vorfeld nicht müde geworden, zu erwähnen, um was für ein gigantisches Filmprojekt es sich bei "Kubo" handelt. Es ist die neueste Stop-Motion-Arbeit des amerikanischen Animationsstudios LAIKA, das 2005 mit Tim Burtons "Corpse Bride" seinen ersten großen Erfolg feierte und in der Folge Klassiker wie "Coraline" hervorbrachte.

Für "Kubo" betrug der Produktionszeitraum nun 94 Wochen, die ungefähre Arbeitszeit 1.149.015 Stunden. Das erwähnte Skelett ist, nach Auskunft des Studios, das größte jemals gebaute Monster dieser Art und für die Kubo-Puppe standen 11.007 Mund-Ausdrücke sowie 4429 Brauen-Ausdrücke zur Verfügung; in Summe macht das über 48 Millionen mögliche Gesichtsausdrücke. Dazu der Materialaufwand: 111.195 seltene Erdmagnete, 40.000 Paare Nitrilhandschuhe, 1050 Blätter Sandpapier und so weiter. Und doch ist all das, in der Bewegtheit des fertigen Films, unsichtbar und, ja, in gewisser Weise belanglos.

Die Frage nach dem Tod

Das Schöne an "Kubo" ist nämlich - und daran erinnert uns auch die sonderbare Einstellung aus dem Abspann -, dass ihm die Stiftung und Gestaltung von Lebendigkeit wichtiger ist als die Attraktion, das Spektakel oder der Klamauk. Das ist nicht zuletzt auch deshalb elegant, weil dieser Film, wie viele andere Kinderfilme auch, im Stillen an die heikle und für Kinder fraglos ganz besonders diffizile Frage nach dem Tod heranführt.

Aber so mühsam und arbeitsam auch bis in die Mikroschichten des Lebendigen, die Abermillionen Möglichkeiten eines Gesichtsausdrucks, einer Handbewegung, eines Schattenwurfs vorgedrungen wurde: Am Ende kann uns der Aufwand völlig egal sein. Wir sehen keine Technik, wir sehen das Leben - und damit die bewunderungswürdige Bescheidenheit der Animation.

Im Video: Der Trailer zu "Kubo, der tapfere Samurai"

"Kubo, der tapfere Samurai"

    USA 2016

    Regie: Travis Knight

    Drehbuch: Marc Haimes, Chris Butler

    Synchronstimmen: Art Parkinson (Kubo), Charlize Theron (Monkey), Ralph Fiennes (Moon King), Matthew McConaughey (Beetle), Rooney Mara (Die Schwestern), Brenda Vaccaro (Kameyo)

    Produktion: Laika Entertainment

    Verleih: Universal Pictures Germany

    Länge: 102 Minuten

    FSK: 6

    Start: 27. Oktober 2016

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