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Kult-Regisseur Jim Jarmusch: "Die Filmindustrie ist am Ende"

Seinen neuen Film "The Limits of Control" soll der Zuschauer "wie einen Trip" erleben, sagt der New Yorker Filmemacher Jim Jarmusch. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über die Macht der kleinen Dinge, den Gang von Lee Marvin und die Zukunft der Kinobranche in Zeiten des Internets.

SPIEGEL ONLINE: Herr Jarmusch, Ihr neuer Film "The Limits of Control" erzählt von einem Mann ohne Namen, gespielt von Isaach de Bankolé, der sich mit geheimem Auftrag von Madrid über Sevilla in die Weite Andalusiens begibt. Warum weigern Sie sich so hartnäckig, die Schönheit der Gegend zu feiern?

Jarmusch: Mein Held nimmt lieber die Schattenseite der Straße. Es zieht ihn zu ruhigen, übersichtlichen Orten jenseits der Menschenmassen. Das kommt mir sehr entgegen, denn ich mag es gar nicht, touristische Schauplätze abzufilmen. Pittoreske Motive stoßen mich ab.

SPIEGEL ONLINE: Als ihr Held vom Madrider Flughafen mit einem Taxi in die Stadt fährt, zeigen Sie in subjektiven Einstellungen, was er durch die Scheibe erblickt. Doch die Aufnahmen sind unsauber, manchmal scheint die Sonne direkt in die Linse.

Jarmusch: Gleich die ersten Bilder von Spanien sollen dem Zuschauer das Gefühl geben, auf einem Trip zu sein. Deshalb habe ich mir alle unsere Aufnahmen für diese Szene angesehen und nur die missglückten ausgewählt. Der Zuschauer soll die neue Welt ganz und gar mit Augen des Helden sehen und dabei spüren, wie die Eindrücke auf ihn einstürmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie reisen Sie selbst? Nehmen Sie jeden Ort, den Sie besuchen, automatisch als möglichen Filmschauplatz wahr?

Jarmusch: Nicht unbedingt. Wenn ich reise und an einen Ort komme, an dem ich zuvor noch nie war, gehe ich einfach drauflos. Ich habe nie eine festgelegte Route. Wenn ich etwas erblicke, was mich interessiert, schaue ich es mir an. Dann gehe ich weiter, bis wieder etwas meine Aufmerksamkeit erregt. Ich mag es, die Orientierung zu verlieren. Ich habe dann das Gefühl, dass ich mich aus der Realität ins Reich der Phantasie bewege und entdecke, was an diesen Orten alles möglich ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben keine Karte dabei?

Jarmusch: Doch, aber ich nehme sie so gut wie nie zur Hand. Es geht mir gegen die Natur, Pläne zu schmieden und ihnen zu folgen. Leider lässt sich das in unserer Gesellschaft, vor allem in der Arbeitswelt, nicht ganz vermeiden. Wir haben "The Limits of Control" aber so gedreht, dass wir jederzeit bereit waren, in die Handlung aufzunehmen, was wir am Wegesrand fanden.

SPIEGEL ONLINE: Unmittelbar vor Ihnen hat ein anderer eingefleischter New Yorker in Spanien gedreht: Woody Allen. Was macht das Land für Filmemacher so reizvoll?

Jarmusch: Ich wollte diesen Film unbedingt außerhalb der USA machen. Wenn ich nicht hier in New York bin, denke und fühle ich ganz anders. Und ich wollte immer schon in Sevilla drehen, einer Stadt, die manchmal sogar magisch wirkt. Im Gegensatz zu Woody Allen kam Barcelona für mich nicht in Frage, so sehr ich die Stadt auch mag. Der Held sollte von Madrid in den Süden aufbrechen, in eine raue, archaische Welt

SPIEGEL ONLINE: Immer wieder lassen Sie den Blick der Kamera in Ihrem Film lange auf Alltagsgegenständen ruhen. Was mögen Sie so an diesen Stillleben?

Jarmusch: Ich liebe die Gedichte von Pablo Neruda über ganz gewöhnliche Dinge, wie die Ode an seine Socken. Wir neigen dazu, die kleinen Dinge des Lebens zu unterschätzen. Es ist die Aufgabe der Kunst, ihre wahre Bedeutung zu erkennen und zu würdigen. Der Film ist sehr ruhig, ein Stillleben folgt auf das andere. Der Erzähltempo passt sich der Figur an, die ganz und gar in sich ruht. So muss es sein, der Held gibt den Rhythmus vor, er ist der Taktgeber

SPIEGEL ONLINE: Isaach de Bankolé bewegt sich ungeheuer präzise und elegant.

Jarmusch: Mit der Präzision eines Roboters und mit der Anmut einer Raubkatze. Jeder Schritt, den er macht, muss zeigen, wie wohl er sich in seinem Körper fühlt, wie ausgeglichen und souverän dieser Mann ist. Seine Anzüge scheinen sich an ihn zu schmiegen wie eine zweite Haut. Vom Scheitel bis zur Sohle ist er eine einzige Inkarnation der Selbstkontrolle. Doch am Ende zieht er den Anzug aus und kleidet sich leger. Er häutet sich, und plötzlich kommt ein ganz anderes Wesen zum Vorschein.

SPIEGEL ONLINE: Verrät der Gang den Charakter eines Menschen?

Jarmusch: Ja, schauen Sie sich nur an, wie sich Lee Marvin in dem Thriller "Point Blank" von John Boorman bewegt, da spüren Sie auf Schritt und Tritt seine Entschlossenheit und seine mühsam gebändigte Wut.

SPIEGEL ONLINE: De Bankolés Gesicht erinnert in "The Limits of Control" an das von Marvin. Könnte er Mitglied bei den "Sons of Lee Marvin" werden, einem exklusiven Zirkel, den Sie vor Jahren zusammen mit Tom Waits gegründet haben? Aufnahmekriterium ist große physische Ähnlichkeit mit dem 1987 verstorbenen Star.

Jarmusch: Ja, vielleicht. Aber ist Isaach nicht etwas zu schön dafür? Das war Marvin nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie selbst eigentlich zum ersten Mal Ihre verblüffende Ähnlichkeit mit Marvin bemerkt?

Jarmusch: Eines Tages traf ich den Regisseur Sam Fuller, und er sagte zu mir: 'Junger Mann, Sie erinnern mich an Lee Marvin.' Dann begegnete ich John Boorman. Der betrachtete mich kurz und sagte: "Sie sehen aus wie Lee Marvin." So ging's los.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Marvin denn mal kennen gelernt?

Jarmusch: Leider nicht. Aber ich habe viele wunderbare Geschichten über ihn gehört. Auf der Leinwand wirkt er oft hart, aber im wirklichen Leben muss er ein sehr großherziger Mann gewesen sein.

SPIEGEL ONLINE: Ein Meister des Understatements.

Jarmusch: Das liebe ich so an ihm.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in Ihren Filmen schon immer die Kulturen gemischt: das amerikanische Roadmovie etwa mit dem Kino des Japaners Ozu oder des Dänen Dreyer. Begrüßen Sie die Globalisierung?

Jarmusch: Es ist schon erstaunlich, wie klein die Welt in den letzten Jahren geworden ist. Früher bin ich für jeden meiner Filme kreuz und quer durch die USA gereist, heute kann ich hier bleiben, weil die PR vor allem im Internet stattfindet, das wirklich ungeheuer mächtig ist. Ohne das Internet wäre Obama nie Präsidentschaftskandidat der Demokraten geworden. Die traditionellen Medien haben gebetsmühlenartig behauptet, Hillary Clinton werde das Rennen machen. Aber die Menschen haben sich für Obama entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Wie stark wird das Internet die Filmindustrie verändern?

Jarmusch: Die Filmindustrie ist am Ende. Es wird sie genau das gleiche Schicksal ereilen wie die Musikindustrie. Ich bin in einer Band. Um unsere Musik zu veröffentlichen, brauchen wir keine Plattenfirma mehr. Wir können Song für Song im Internet herausbringen. Ähnlich können Regisseure ihre Filme über Anbieter wie Netflix vertreiben - ohne die großen Studios.

SPIEGEL ONLINE: Verlieren Filme aber nicht ihren Ereignischarakter, wenn sie im Internet überall und jederzeit verfügbar sind?

Jarmusch: Als ich in den siebziger Jahren in Paris lebte und ins Kino ging, um einen alten Max-Ophüls-Film zu sehen, war mir klar: Wenn ich ihn heute um 23 Uhr nicht anschaue, werde ich ihn jahrelang nicht mehr sehen können. Vielleicht haben wir die Gelegenheit, alte Filme sehen zu können, damals deshalb mehr geschätzt, als wir es heute tun.

SPIEGEL ONLINE: In den achtziger Jahren haben Sie eine Zeitlang in Berlin gelebt. Hat die Stadt Sie an New York erinnert?

Jarmusch: Ja, das Berlin der achtziger Jahre hatte große Ähnlichkeit mit New York: die Insellage, die Mischung verschiedener Kulturen, die Anziehungskraft auf Künstler. Als ich Anfang der Achtziger erstmals nach Berlin kam, dachte ich noch, die deutsch-deutsche Grenze ginge mitten durch die Stadt. Dann stellte ich zu meiner Verblüffung fest, dass Berlin mitten in Ost-Deutschland liegt, von einer Mauer umgeben ist. Ich war ganz besessen davon, in alle möglichen Richtungen zu fahren und immer wieder an die Mauer zu stoßen.

SPIEGEL ONLINE: Fanden Sie das nicht beklemmend?

Jarmusch: Ein wenig schon. Ich mag die Natur, das Licht, den Wechsel der Jahreszeiten. Deshalb ziehe ich mich zum Schreiben immer in die Catskill Mountains zurück. Hier in New York bekomme ich den Input durch die Menschen, in den Bergen durch die Menschenleere. Beides ist gleichermaßen inspirierend. Man kann mehr lernen, wenn man beobachtet, wie eine Pflanze wächst, als wenn man ein ganzes Jahr in einer Metropole verbringt.

Das Interview führte Lars-Olav Beier

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