Trash-Starregisseur John Waters auf Tour "Wird dieser Irre meine Karriere ruinieren?"

Als Regisseur von White-Trash-Klassikern wie "Hairspray" ist John Waters legendär geworden. Nun kommt der 68-Jährige für seine erste Solo-Tour nach Deutschland - in seiner Show "This Filthy World" will er unter anderem erklären, warum Hipster-Bashing eine Form von Rassismus ist.

AP

Den Signature-Schnauzer muss er sich anscheinend inzwischen liebevoll nachstricheln. Aber das sieht gut aus: Wie aus dem Ei einer besonders eleganten Henne gepellt sitzt John Waters kurz vor dem Beginn seiner Vortragsreihe "This Filthy World" im Café eines Hotels und ist in allerbester Plauderlaune. Diese "Lecture", die der 68-Jährige am Freitagabend in Köln und danach noch in Berlin und Hamburg halten wird, ist ein anderthalbstündiger Ein-Mann-Comedy-Clash über böse Vorbilder, Perversionen und Kleinstädte, nach dem man sich am liebsten von ihm adoptieren lassen oder ihn zumindest heiraten würde.

Denn mit Anekdoten und charmanter Trash-Affinität wickelt er jeden spaßbefreiten Moralisten um den Finger. Und alle anderen sowieso. So wie seine Schauspieler, die ungewöhnlichen, mit nicht normentsprechendem Äußeren, wie sein Jugendfreund Divine und die namhaften, aus Hollywood ausgeliehenen Topseller, die in seinen Filmen zwischen Sex, Drogenexzessen und Over-the-top-White-Trash-Parodien alles erwarten durften.

Waters über seine Rekrutierungstechnik: "Ich kläre im Vorfeld mit den Hollywood-Agenten ab, ob der Mensch der richtige ist. Beim Treffen denkt der Schauspieler dann: Wird dieser Irre meine Karriere ruinieren? Und ich denke: Hat diese Person einen Sinn für Humor?"

"Ihre Augäpfel flackerten so wild"

Melanie Griffith konnte im Jahr 2000 ihren Sinn für Humor beweisen. Sie spielte in "Cecil B. Demented", dem Epos über einen radikalen Underground-Regisseur, den von ihm entführten zickigen Star, und parodierte sich selbst besser, als es ein Comedian könnte. Kathleen Turner gab 1994 die mordende "Serial Mum", Johnny Depp hatte die Hauptrolle in "Cry Baby", und in Waters kommerziell bislang größtem Erfolg "Hairspray" von 1988 wirkte Debbie Harry mit (im Musical-Remake von 2007 dann John Travolta, Michelle Pfeiffer und Christopher Walken).

Dabei gesteht Waters seinen Darstellern nicht etwa Eigeninitiative zu: "Ich hasse es, wenn Schauspieler beim ersten Gespräch zu oft die Worte 'Reise' oder 'Handwerk' benutzen. Oder sagen: Wir sind nicht deine Marionetten! Sind sie nämlich doch. Heutzutage gibt es im Film viel zu viel Improvisation!" Waters macht einen kleinen, garantiert bühnenerprobten Schwenker auf "Cry-Baby"-Star Susan Tyrell, die "zwar die ganze Zeit betrunken war, aber trotzdem umwerfend gespielt hat! Es war nur manchmal ein wenig irritierend, mit ihr zu reden, weil ihre Augäpfel die ganze Zeit wie wild hin- und herflackerten..."

Mit Punchlines und lustvollen Schockeffekten kennt der Mann sich aus. Seinen ersten kurzen Film "Hag in a black leather jacket", der jetzt erstmalig im Rahmen der Ausstellung "Bad director's chair" in der Berliner Galerie Sprüth Magers in "einem Peepshowkasten inklusive Gardine, Gloryholes und Kleenex" gezeigt wird, wie Waters stolz erzählt, hat er bereits vor 50 Jahren gemacht.

"Ich kann mich überhaupt nicht beschweren - ich musste fast noch nie richtig arbeiten", findet er. Und haut gleich das nächste Döneken heraus: Wie er kurzzeitig für ein Umfrageinstitut arbeitete und seitdem, wenn ein Meinungsforscher anruft und eine Frau im Haushalt sprechen will, immer mit seiner tiefsten Stimme "Am Apparat!" brüllt, bevor er zurückfragt "Was haben Sie gerade an?" - "Die legen sofort auf", versichert Waters.

Unfreiwillig unscharf

Neben dem Kurzfilm gibt es in der Ausstellung Filmstillcollagen - unter dem Titel "Rear Projection" werden Hintern zu Leinwänden, "Product Placements" macht aus nebensächlichen Gesten großer Filmstars Werbebilder. Fast zeitgleich läuft im Café der Deutschen Film- und Fernsehakademie dffb die Ausstellung "Marks": Waters hat die Markierungen fotografiert, an denen sich die Schauspieler beim Dreh seines Films "Pecker" orientieren mussten, um immer im Kamerafokus zu sein - unspektakuläre bunte Klebebänder auf Zementböden, denen erst durch den Arbeitszusammenhang eine Bedeutung zukommt: Ohne diese Klebestreifen, die Schauspieler nur erahnen dürfen, ginge das Filmbild nicht auf.

"Heutzutage wird ja oft mit Handkamera gedreht, dann bräuchte man diese Streifen nicht mehr", gibt Waters zu, "aber meine älteren Filme waren lange genug unfreiwillig unscharf!"

Den letzten Spielfilm "A Dirty Shame", wiederum mit den Themen Sex, Perversionen und White-Trash-Nachbarschaft, inszenierte Waters 2004 mit Johnny Knoxville, den er als "echten Anarchisten" verehrt, Chris Isaac und Tracy Ullman. Dass er danach keinen mehr drehte, sei auch eine Geldfrage, gibt er freimütig zu. "Independent-Regisseure sollen für eine Million Dollar einen Film mit Stars und guter Musik machen, aber das geht nicht." Waters hat eine Option auf den "Hairspray"-Stoff als - natürlich von ihm selbst geschriebene TV-Serie - verkauft, die hoffentlich bald in die Tat umgesetzt wird. Zudem liebt er Bücherschreiben und Auftritte. "Und momentan bekomme ich mehr Buch-Vorschuss als Regie-Gage."

In seiner Wohnung stapeln sich fast 9000 Bücher, Tendenz steigend, dazu sammelt er moderne Kunst. "Und es ist ja nicht so, als ob ich nicht bereits etwas hinterlassen hätte", lächelt Waters und erzählt von den Themen, die er extra für Berlin in seiner Show bringen wird: "Über Hipster-Bashing als neue Form von Rassismus". Ein bisschen redet er noch über Vergebung in Deutschland und den USA in Bezug auf linksradikale Gruppierungen.

Sogar die Geschichte seiner Freundin Leslie Van Houten bringt er unter, ein zur lebenslanger Haftstrafe verurteiltes Mitglied der "Manson Family" und Beteiligte am Mord an Sharon Tate. Selbst durch dieses explosives Thema schafft er es mit jeder Menge Nonchalance. Mangelnde Toleranz wird man John Waters tatsächlich nie vorwerfen können.


"This Filthy World": 7.2. im Schauspielhaus Köln; 9.2. in der Volksbühne Berlin; 10.2. auf Kampnagel Hamburg

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
chuckal 07.02.2014
1. Omg
Das ist so ziemlich der belangloseste und dämlichste Beitrag über JW, den ich je gelesen habe. Mann mann mann PS hat der Interviewer mal gefragt, wie viele Anrufe von Marktforschungsinstituten John so durchschnittlich im Monat bekommt? Ich hatte in meinem 68 jährigem Leben noch keinen einzigen...armes schwein ich
Haywood Ublomey 07.02.2014
2.
Zitat von chuckalDas ist so ziemlich der belangloseste und dämlichste Beitrag über JW, den ich je gelesen habe. Mann mann mann PS hat der Interviewer mal gefragt, wie viele Anrufe von Marktforschungsinstituten John so durchschnittlich im Monat bekommt? Ich hatte in meinem 68 jährigem Leben noch keinen einzigen...armes schwein ich
Man merkt sofort, daß Sie sich in den USA richtig gut auskennen. -> Es gibt kein Entrinnen. In Wahlkampfzeiten kann man sogar mehrere Anrufe am Tag bekommen. Ansonsten heißt "der Interviewer" Jenny mit Vornamen – war es Ihnen zu anstrengend, vor dem Absetzen des Kommentars noch einmal hochzuscrollen?
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