Kunstfilm "Nothing Personal" Im Alleingang

In Urszula Antoniaks "Nothing Personal" sucht eine junge Frau nach Zuflucht und Ruhe und findet sie nur bei einem, dem es ähnlich geht. Ein Film wie seine Protagonistin: schön und traurig, abweisend und doch liebenswert.

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Eine junge rothaarige Frau sitzt allein in ihrer leeren Wohnung, es sieht nach Umzug aus. Sie sagt kein Wort und schaut ins Leere, ihr Blick ist schwer zu deuten. Unendliche Traurigkeit liegt darin, aber auch Wut, Resignation. Sie dreht an ihrem Ehering. Irgendetwas hat das Leben dieser Anne (Lotte Verbeek) aus der Bahn geworfen, aber Urszula Antoniaks Film "Nothing Personal" wird nicht verraten, was das war. Wichtig ist nur, dass Anne von nun an allein durch die Welt gehen will, und das ist ganz wörtlich gemeint.

Sie packt das Nötigste in einen Rucksack und macht sich auf einen Weg ohne besonderes Ziel. Trampt umher, schläft im Freien, Essen sucht sie auch mal in Mülleimern. Sie wirkt dabei trotzdem mehr wie eine Elfe als eine Pennerin. Sie meidet die Menschen, sucht totale Einsamkeit und Unabhängigkeit, sie kann ziemlich unfreundlich werden, wenn jemand versucht, sie anzusprechen. Was auch nicht sehr oft passiert. Es dauert etwa sechs Minuten, bis in "Nothing Personal" überhaupt mal jemand etwas sagt. Auch danach geht dieses mit diversen Festivalpreisen geehrte Werk über weite Strecken auch als Stummfilm durch. Anne, die Holländerin, landet irgendwann im irischen Nordwesten, wo die raue Landschaft und die ständige Nässe eine ideale Kulisse für ihr finsteres Gemüt liefern.

Merkwürdiger Bann

Das alles hört sich gefährlich nach schwer verdaulichem, prätentiösem Kunstkino für ein Minimalpublikum an, aber seltsamerweise ist es das nicht. Vielleicht ist das der für die Leinwand geborenen Darstellerin Verbeek (auf der Berlinale als "European Shooting Star 2010" ausgezeichnet) zu verdanken, die es allein durch ein paar lakonische Blicke schafft, ihrer spröden Rolle die nötige Wärme zu verleihen. Vielleicht sind es auch die träumerischen, aber präzisen Bilder des einsamen nordwestlichen Irlands, die einen selbst für einen Moment auf die Idee bringen könnten, sich allein durch die Wildnis schlagen zu wollen. Es ist ein merkwürdiger Bann, den dieser Film wirft, der alles ganz leicht und natürlich wirken lässt, was eigentlich anstrengend und nervtötend wirken müsste.

Es gibt sogar eine Art Liebesgeschichte. Anne trifft auf den älteren Einzelgänger Martin (Stephen Rea), der in einem schmucken abgelegenen Häuschen nach dem Tod seiner Frau lustvoll seiner eigenen Form von Einsamkeit frönt, einem Alleinsein in Luxus und Bequemlichkeit, ganz anders als Anne mit ihrer Selbstversorgermentalität, aber trotzdem kommt er ihr näher als jeder andere. Sie einigen sich darauf, dass sie von ihm Essen bekommt, wenn sie im Haus und im Garten hilft. Sie verbittet sich persönliche Fragen - selbst nach dem Namen -, isst erst mal weiter alleine vor der Tür und schläft in ihrem kleinen Zelt, aber in kleinen Schritten nähern sich die beiden doch einander an. Schenken sich hier und da ein Lächeln, machen dem anderen mit Kleinigkeiten wie einem Walkman oder einem Kartoffel-Parfait eine Freude, schweigen sich an und können doch kaum verbergen, wie sehr sie sich füreinander interessieren. Sie umkreisen sich verstohlen, genießen die gegenseitige Gesellschaft, und geben die selbstgewählte Distanz trotzdem nicht auf.

Klingt wahrscheinlich immer noch anstrengend und prätentiös. Dauert aber nur 85 Minuten, die nur so dahinfliegen, wenn man sich erst mal auf diese verschrobenen Leute in diesem verschrobenen, kleinen Film eingelassen hat. Am Ende ist mit wenigen Worten alles gesagt. Oder eben nicht gesagt und trotzdem erzählt.



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