Holocaust-Film "L'Chaim" Leben, trotz allem

Was ist der Mensch, wenn der Krieg nie endet? Der Regisseur Elkan Spiller hat einen aufwühlenden Film über Mutterliebe und Holocaust-Traumata gedreht. "L'Chaim - Auf das Leben" ist ein Akt des Trotzes und der Hingabe.


Chaim Lubelski ist ein Genie, sagt Elkan Spiller. Er liebt ihn, Chaim, seinen Cousin, das ist klar. Deshalb hat Spiller diesen Film gemacht, "L'Chaim - Auf das Leben", eine berührende, wichtige, sehr sehr menschliche Hommage auf, ja was: das Lachen und das Weinen und die Traurigkeit, die nie vergeht?

Chaim Lubelski ist aber auch ein großer Gescheiterter, könnte man meinen, ein Kiffer, der mal Schachprofi werden wollte, ein Millionär, der alles wieder verloren hat, ein Beau, der auf der Straße lebte, ein Sprachwunder, den sie überall mochten, wo er hinkam, selbst wenn er aussah wie ein Penner, mit seinem struppigen Bart und seiner ausgeleierten Jacke.

Aber wem macht das schon was? Chaim Lubelski hat sich entschieden, oder es wurde entschieden, noch vor seiner Zeit: Er ist vor allem eines, ein Sohn, der sich um seine Mutter kümmert.

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"L'Chaim": Das ewige Band
Und die ist ein hinreißender Mensch, sehr hell sind ihre Augen, sehr einladend ist ihr Lachen. "Wir saßen im KZ und waren frei und wussten nicht, wohin wir gehen sollten", sagt sie und lächelt, wie von fern. "Die Mutter haben sie umgebracht. Den Vater haben sie umgebracht."

Sie lächelt immer noch. Dann weint sie. Ohne Übergang.

Sie spricht jeden Tag mit ihnen, sagt Chaim, seine Mutter spricht jeden Tag mit ihren Geschwistern, sie spricht jeden Tag mit ihren Eltern, die die Deutschen umgebracht hatten - und als ihre Tochter stirbt, Chaims Schwester, da weiß er, dass sie diese Nachricht nicht überleben würde.

Lügen aus Liebe

Also lügt er, um sie zu retten. Das ist die Art von Liebe, von der "L'Chaim" erzählt, das ist die Art von Leben, alles im Zeichen des Holocaust, der doch so lange her ist, sagen die einen - der sich jede Nacht wiederholt, sagt Filmemacher Elkan Spiller.

Er ist selbst Kind von Holocaust-Überlebenden, sein Vater wurde in Buchenwald befreit, sein Onkel in Auschwitz. Er ist ein wenig wie Chaim, unruhig, ziellos, aus der Bahn geworfen durch den Menschheitsmord: Er hat in Berlin gelebt, in New York, in Israel, in San Francisco, in Köln, wo er aufgewachsen ist, in Amsterdam, wo er heute lebt.

"A wandering Jew", so sagt er es selbst, ein Jude auf der Suche, auf der Flucht, der weiß, dass diese Flucht nie gelingen wird, also bleibt nur zu bleiben, es bleibt nur, sich aufzugeben, um sich zu finden, auch davon erzählt Spillers Film: Was ist der Mensch, wenn der Krieg nie endet?

Und hier wird der Film tatsächlich, so wie es Spiller wollte, relevant über die Geschichte der Holocaust-Überlebenden und ihrer Kinder und Enkel hinaus - "es geht um jeden Krieg", sagt er, "es geht um jedes Kind"; die Traumata zum Beispiel der Flüchtlinge, die gerade nach Deutschland kommen, sie werden bleiben, sie werden sich vererben, sie werden nicht einfach vergehen.

Der Schrecken vererbt sich

Gerade war Spiller auf einer Konferenz von Kindern von Überlebenden, "second generation". Der Schrecken, sagt er, vererbt sich, nicht nur psychologisch, durch das Schweigen, die Kälte, die Unfähigkeit, sich zu öffnen - sondern ganz physiologisch, weil manche Gene mutieren durch den Horror, das ist mittlerweile auch wissenschaftlich belegt.

Für Chaim, der so intelligent ist, der als Kind von seinem religiösen Vater nach London geschickt wurde, der mit 16 seine eigene Wohnung hatte, der früh Haschisch rauchte und genauso früh anfing zu dealen, der mit Jeans Millionen machte und mit Aktien alles verlor und der das Fenster aufmacht, damit seine Mutter nicht den Geruch des Joints ertragen muss - für Chaim bedeutete das, dass das Einzige, was er wollte, das Einzige, was ihm blieb, seine Freiheit war, so seltsam das klingt, sein Leben.

"Chaim ist ja kein Opfer, er klagt niemand an, er jammert nicht", sagt Elkan Spiller, der 52 Jahre alt ist - "L'Chaim - Auf das Leben!" ist sein erster langer Film, es ist ein Akt der Liebe und der Hingabe, Elkan an Chaim, der einen Akt der Liebe und der Hingabe beschreibt, von Chaim an seine Mutter.

"Diese Geschichte muss man einfach erzählen", sagt er. "Chaim berührt sie alle. Man kann ihn nicht erfinden. So einen Typ wie Chaim haben selbst die meisten Juden noch nicht gesehen."

Wie das Unglück erklären?

Spillers eigene Verwandte kamen aus Russland, wo sie vor Pogromen flohen, nach Polen, wo sie vor Pogromen flohen, nach Deutschland, wo die Mutter ihre Liebe zum Kaiser entdeckte und dann ins KZ gesperrt wurde.

Die Fernsehsender, denen er von Chaims - und damit auch von seiner - Geschichte erzählte, wollten alle einen anderen Film von ihm, einen voller "Schubladenjuden", wie Spiller es nennt, und immer einen Psychologen zur Hand, der das ganze Unglück erklärt.

Aber es gibt nichts zu erklären - auch das macht dieser Film deutlich. Es gibt nichts, außer den Lebenden und den Toten. Und manchmal ist nicht so klar, wer was ist.

Und Chaim ist ihr Denkmal. Er ist der Mann mit der Macke. Er ist ein freier, verzweifelter, anarchischer, verfolgter Mensch.

L'Chaim - Auf das Leben

Deutschland, Frankreich, Israel, Niederlande, Belgien 2014

Originaltitel: L'Chaim!: To Life!

Regie: Elkan Spiller

Drehbuch: Elkan Spiller

Darsteller: Chaim Lubelski, Nechuma Lubelski,

Produktion: Elkan Spiller

Verleih: Mindjazz Pictures

Länge: 92 Minuten

FSK: ohne

Start: 27. August 2015

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