"La Ciénaga" Blut, das sich mit Rotwein mischt

Lucrecia Martels Spielfilmdebüt "La Ciénaga - Der Sumpf" ist Argentiniens erster Wettbewerbsbeitrag seit 13 Jahren - ein eigenwilliges und sozialkritisches Werk voll morbider Bilder.

Von Cristina Moles Kaupp


Selbstzerstörung mit System: Mecha (Graciela Borges) und Tali (Mercedes Moran)
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Selbstzerstörung mit System: Mecha (Graciela Borges) und Tali (Mercedes Moran)

Keine Frage - 9 Uhr morgens ist eindeutig zu früh für blutrünstige Geschichten. Doch kaum der eisigen Schlammschlacht Stalingrads entronnen, erwartet mich schon wieder Matsch, wenn auch etwas besser temperiert."La Ciénaga" ("Der Sumpf") spielt im sommerlich schwülen Nordosten Argentiniens, in einer Provinz mit dem geheimnisvollen Namen La Mandragora. Heißt so nicht auch ein mysteriöses Hexenkraut, hierzulande als Alraune bekannt? Keine voreiligen Schlüsse. "La Ciénaga" spielt im modernen Argentinien, auch wenn es aus Sicht der 33-jährigen Regisseurin Lucrecia Martel reichlich verschroben wirkt.

Irgendetwas hat Martel mit den Perspektiven angestellt. Ihr Film beginnt großartig, mit faltigen Bäuchen, schlaffer Haut und einer betagten Hand, die zitternd Rotwein in Gläser schenkt. Noch sind die Körper kopflos, Details drängen wuchtig ins Bild, bezeugen den allgegenwärtigen Zerfall. Die Hand greift nach Eiswürfeln und gehört zu einer Frau, die besoffen zum schmutzigen Pool wankt, an dem Männer und Frauen dösend schwitzen. Mecha schwankt und fällt in die Scherben ihres Weinglases. Wie malerisch! Blut, das sich mit Rotwein mischt. Eine verwundete Brust, aus der noch die Scherben ragen. Minutiös werden sie herausgezupft.

Repräsentieren Argentinien in Berlin: Regisseurin Lucrecia Martel inmitten ihrer Darsteller Mercedes Moran (l.) und Juan Cruz Bordeu
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Repräsentieren Argentinien in Berlin: Regisseurin Lucrecia Martel inmitten ihrer Darsteller Mercedes Moran (l.) und Juan Cruz Bordeu

Und dabei bleibt es nicht: Ein Kind fährt mit einem elektrischen Messer durch das Fell eines Tierkadavers und verletzt sich. Andere stechen sich ein Auge aus, schlagen sich die Nasen blutig oder fallen von einer Leiter und sind tot. Selbstzerstörung mit System. Ziemlich ungewöhnlich und verwirrend. Zumal Martel keine klassische Geschichte entblättert, allenfalls Episoden aus dem Leben zweier kinderreicher Familien, Zerrbilder der besseren Gesellschaftsschicht.

Mecha (Graciela Borges) und Tali (Mercedes Moran) sind Cousinen jenseits der Vierzig. Mecha hat sich aufgegeben, verbringt die meiste Zeit sonnenbebrillt, halbnackt und saufend im Bett. Auch ihre halbwüchsigen Kinder wissen nichts mit sich anzufangen, die 15-jährige Momi (Sofi Bertolloto) treibt es besonders schlimm. Ständig klebt sie am indianischen Dienstmädchen, heischt lärmend nach Aufmerksamkeit, will Zärtlichkeit. Die reinste Qual. Und Mechas Mann ist schon lange ein Wrack, der wie ihr Landsitz langsam zerfällt. Tali hingegen wohnt in der Stadt, ihre Kinder sind jünger, die Familie wirkt noch intakt. Doch dann verbringen sie ein paar Tage miteinander auf dem Land, und die schleichende Morbidität setzt sich fort.

Optisch präsentiert sich "La Ciénaga" sehr eigen und sehr direkt. Lucrecia Martel blendet sich unverblümt in fremde Geschichten ein und lümmelt mit den Figuren in ihren Betten herum. Nein, sie haben keinen Sex - erstaunlicherweise. Jeder denkt das eine, doch dafür ist es zu heiß. Bedrohung flirrt in der tropischen Luft und eine leise Trauer darüber, dass in Argentinien nichts mehr so ist, wie es war. Das sei typisch für Leute in der argentinischen Provinz, erklärt die junge Regisseurin hinterher: "Sie sind umständlich, erzählen und denken langsam. Viele haben Angst vor dem Kommenden, aber auch vor der Vergangenheit".

"La Ciénaga": Episoden aus dem Leben kinderreicher Familien

"La Ciénaga": Episoden aus dem Leben kinderreicher Familien

Lucrecia Martel erwähnt die Zeit der Diktatur und die Wirtschaftkrisen, die Naturkatastrophen der Moderne. Passenderweise hat sie für ihr Kinodebüt - übrigens der erste Wettbewerbsbeitrag Argentiniens seit 13 Jahren - Besserverdienende wie ihre Eltern herausgepickt und fokussiert erbarmungslos deren Ängste besonders vor der Natur. Der undurchdringliche Tropenwald, die rinderverschlingenden Schlammlöcher, die Mikroben im Pool und die Hautkrebs verursachende UV-Strahlung - alles ist feindlich. Hinzu kommen Geschichten von Hunden, die in Wahrheit monströse afrikanische Ratten sind, und die permanente Verachtung der Indianer, die ihr Dienstbotenschicksal nicht mehr widerspruchslos hinnehmen wollen. Argentinien siecht also dahin, doch der ärgste Widersacher steckt in den Menschen selbst. Vielleicht müssen sie sich deshalb permanent selbst verwunden und ins Leere laufen.

Mir ist das zu martialisch. Ich lechze nach Frischluft, die so ungewöhnlich mild über den trockenen Potsdamer Platz streicht. Schon stehen die ersten Kaffeetische draußen. Typisch Berlin!



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