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Filmfestspiele in Cannes: "La vie d'Adèle" gewinnt Goldene Palme

Verleihung der Goldenen Palme 2013: Im Rausch der Gefühle Fotos
AP/dpa

Das französische Drama "La vie d'Adèle" erzählt eine überwältigende Liebesgeschichte zweier Frauen - mit leidenschaftlichen Sexszenen, die mit Pornografie allerdings nichts gemein haben. Der Film ist jetzt mit der Goldenen Palme von Cannes ausgezeichnet worden.

Cannes - Die Liebesszenen des Dramas "La vie d'Adèle" gehen an die Grenzen dessen, was man pornofremden Darstellerinnen im Kino gemeinhin abverlangt - jetzt ist das Drama mit einem der wichtigsten Filmpreise der Welt ausgezeichnet worden: Die Geschichte zweier liebender Frauen hat in Cannes die Goldene Palme für den besten Film gewonnen. Das gab die Jury am Sonntagabend zum Abschluss der 66. Festspiele in der südfranzösischen Stadt bekannt.

Es ist der erste Cannes-Preis für den französisch-tunesischen Regisseur Abdellatif Kechiche. Erstmals in der Geschichte der Filmfestspiele wurde die Auszeichnung nicht nur an den Regisseur, sondern auch an die Schauspieler vergeben. Die Hauptdarstellerinnen des Films, Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux, bekamen ebenfalls eine Auszeichnung überreicht - und wurden vom Publikum mit stehenden Ovationen gefeiert.

Kechiche sagte, er wolle den Film und den Preis der "wunderbaren Jugend Frankreichs" widmen, die ihm viel über den "Geist der Freiheit" beigebracht habe - und der "Jugend der tunesischen Revolution, für ihr Streben danach, frei zu leben, sich frei auszudrücken und frei zu lieben".

Der 52-Jährige erzählt in dem sensiblen Drama die Geschichte zweier Frauen, die schicksalhaft ineinander vernarrt sind. Der Film dreht sich um die zunächst erst 15-jährige Schülerin Adèle (Adèle Exarchopoulos), die französische Literatur liebt und sich berufen fühlt, Lehrerin zu werden. Sie glaubt an Begabungen, die einem Menschen bestimmte Lebenswege vorschreiben, und sie glaubt an Liebe auf den ersten Blick.

Die erfährt sie, als sie der schon etwas älteren Kunststudentin Emma (Léa Seydoux) begegnet. Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich erst eine heißblütige Romanze, schließlich eine erwachsene Liebesbeziehung mit gemeinsamer Wohnung und Dinnerpartys im Garten.

Es sind letztlich keine Fragen der gleichgeschlechtlichen Liebe, sondern die verschiedenen Klassen, aus denen sie stammen, die zur schmerzhaften Trennung führen: Emmas von persönlichem Ehrgeiz getriebener libertärer-intellektueller Lifestyle verträgt sich auf Dauer nicht mit der bodenständigen Adèle, die ihren Lebensinhalt darin sieht, kleinen Kindern in der Grundschule nicht nur Grammatik und Rechtschreibung, sondern auch ein Stück Lebenserfahrung zu vermitteln.

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Dass ein Film über Frauenliebe den Hauptpreis erhält, lässt sich auch als politische Botschaft der Jury interpretieren: Am Sonntag protestierten in Paris erneut Zehntausende gegen das eine Woche zuvor in Kraft getretene Gesetz für gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Sie wollen, dass die Ehe-Öffnung und Gleichbehandlung zurückgenommen wird. Am Mittwoch soll Frankreichs erste echte Homo-Ehe geschlossen werden - in Montpellier wollen zwei Männer heiraten.

Der zweitwichtigste Preis in Cannes, der Große Preis der Jury, ging in diesem Jahr an "Inside Llewyn Davis" von Ethan und Joel Coen. In der heiter-melancholischen Musik-Komödie feiern die amerikanischen Regie-Brüder ("No Country For Old Men") die Folkszene im New Yorker Greenwich Village und zeichnen das Porträt eines zwischen Kunst und Kommerz zerrissenen Sängers.

Als beste Schauspielerin wurde Bérénice Bejo ("The Artist") für ihre Rolle in "Le Passé" ausgezeichnet. In dem Drama erzählt der iranische Regisseur und Oscar-Gewinner Asghar Farhadi ("Nader und Simin") die Geschichte des Iraners Ahmad (Ali Mosaffa), der aus Teheran nach Paris zurückkehrt, um sich von seiner französischen Frau Marie, gespielt von Bejo, scheiden zu lassen. Der Film galt neben "A Touch of Sin" als einer der ernstzunehmendsten Anwärter auf die Goldene Palme.

Den Regie-Preis der Jury um Steven Spielberg bekam in diesem Jahr der Mexikaner Amat Escalante für seinen Film "Heli". Als bester Schauspieler wurde Bruce Dern in "Nebraska" des US-Regisseurs Alexander Payne ausgezeichnet. Der Preis der Jury ging an "Like Father, Like Son" von Kore-Eda Hirokazu.

Im vergangenen Jahr hatte "Amour" ("Liebe") des österreichischen Regisseurs Michael Haneke die Goldene Palme gewonnen.

vks/dpa/AFP

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