Britisches Kammerspiel Still leiden? Nicht ihr Ding

"Lady Macbeth" erzählt vom blutigen Befreiungskampf einer Frau im 19. Jahrhundert - ein intimes, grandios gefilmtes Drama, mit dem zwei große Talente ein furioses Debüt geben.

Koch Media

England, 1856: Die Zumutungen des Tages beginnen für die junge Frau mit dem Wecken durch die Kammerzofe. Nach dem Aufstehen werden ihr brutal die langen Haare gekämmt und in Form gebracht, darauf folgt das Martyrium des Einschnürens ins Mieder, das ihr kaum Raum zum Atmen lässt. Dann ist Katherine (Florence Pugh) präsentabel und bereit für einen weiteren Tag in maximaler Stumpfsinnigkeit.

Katherine ist die Frau eines reichen Kaufmannssohnes. Gefangene trifft ihr trostloses Dasein allerdings besser. Sie darf nur sprechen, wenn sie angesprochen wird. Nach draußen zu gehen ist verboten, weil sie sich erkälten könnte. Kein freundliches Wort wird je an sie gerichtet, die Herren des Hauses sprechen ausschließlich im Ton kalter Abschätzigkeit mit ihr.

Der Schwiegervater macht deutlich, dass sie ausschließlich dazu da ist, der Familie einen männlichen Nachkommen zu gebären. Was schwierig werden dürfte, weil der Sohn des nächtens nie den Akt mir ihr vollzieht, sondern masturbiert, während sie nackt mit dem Gesicht zur Wand stehen muss.

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"Lady Macbeth" ist ein vergiftetes Geschenk: Der Film zieht den Zuschauer mit karger Schönheit in eine sich konstant von nebelgrau zu nachtschwarz verdüsternde Geschichte über Unterdrückung und Befreiung, Sex und Gewalt. Ein überragendes Drama des jungen britischen Kinos; scheinbar hermetisch und fest in der Welt des 19. Jahrhunderts verankert und doch so offen gestaltet, das es mit der Gegenwart kommuniziert.

Denn Katherine, um die sich alles dreht - sie ist nicht dafür gemacht, still zu leiden wie so viele Romanheldinnen dieser Zeit. Effie Briest, Emma Bovary, Anna Karenina? Pah! Katherine nimmt ihr Schicksal mit furioser Radikalität in die eigenen Hände und schreckt auch vor Mord und Totschlag nicht zurück.

Schon zu Beginn ahnt man, dass diese Frau ihren männlichen Unterdrückern überlegen ist. Ihr Blick fest und unerschrocken, ihr Lächeln höhnisch. Als sich dann auch nur die kleinste Gelegenheit bietet, die Dinge umzustürzen, greift Katherine zu.

Ihr Schwiegervater verlässt das einsam gelegene Haus wegen Geschäften, ihr Mann verschwindet ebenfalls, ohne zu sagen, wohin. In langen Spaziergängen saugt Katherine zunächst gierig die Luft der Freiheit ein, um sich dann zur neuen Herrin des Hauses aufzuschwingen. Sie beginnt eine Affäre mit dem Gutsarbeiter Sebastian (Cosmo Jarvis), holt ihn zunächst heimlich in ihr Bett, lebt ihre Leidenschaft aber bald ganz offen aus. Als ihr Schwiegervater nach Hause zurückkehrt, kann und will sie nicht mehr zurück. Das Herrenhaus wird zum Schauplatz eines blutigen Befreiungskampfes.

"Lady Macbeth" wird dank zweier junger britischer Talente zum Erlebnis, von denen in Zukunft noch viel zu sehen sein wird. Das eine ist der 37-jährige William Oldroyd, der sich in England bisher als Theater-Regisseur einen Namen gemacht hat, unter anderem mit Shakespeare-Inszenierungen. Sein Langfilm-Debüt hat allerdings nichts mit dem Dichter zu tun, es handelt sich vielmehr um die Verfilmung einer russischen Novelle aus dem Jahr 1865: "Lady Macbeth von Mzensk" von Nikolai Leskov.

Oldroyd macht daraus ein intimes Kammerspiel, dessen Bilder die Starre und Enge der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts so sinnlich vermitteln, dass man sie förmlich körperlich zu spüren vermeint. Die starre Kamera zeigt an sich berückend schöne Einstellungen: Gemälde, Tische, Stühle ergeben eine perfekte Symmetrie. Die Luft zum Atmen allerdings ist ihnen gänzlich ausgetrieben. Die Figuren werden zu Teilen des Dekors, das Haus zur Bühne für ein Stück, das Leben lediglich imitiert.

Dieses Haus zeigt Oldroyd nie, sodass der eigentliche Ort des Geschehens genauso unsichtbar bleibt wie die Fäden, an denen alle Figuren mit Ausnahme vom Katherine agieren. Er verzichtet auf Musik und über weite Strecken auch auf Worte; wenn allerdings gesprochen, knallen die Dialoge wie Peitschenhiebe.


"Lady Macbeth"
Großbritannien 2016

Regie: William Oldroyd
Drehbuch: Nikolai Leskov, Alice Birch
Darsteller: Florence Pugh, Cosmo Jarvis, Paul Hilton
Produktion: Sixty Six Pictures, BBC Films, British Film Institute (BFI), Creative England, iFeatures
Verleih: Koch Films
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 89 Minuten
Start: 2. November 2017


Er habe auf alles verzichten wollen, was von Katherine ablenkt, hat Oldroy über sein Regie-Konzept gesagt. Und auf alles, so ließe sich vervollständigen, was von deren Darstellerin Florence Pugh ablenkt. Die 21-Jährige ist die andere große Entdeckung dieses Films.

Sie spielt in ihrer ersten Hauptrolle eine Rolle, die - vor allem junge - Schauspielerinnen noch immer viel zu selten bekommen: Uneindeutig, selbstbewusst, extrem. Katherine ist erst Opfer und wird dann zur Täterin, eine emotionale Tour de Force, die Pugh ohne sichtbare Anstrengung meistert. Sie ist für den Zuschauer die einzige Identifikationsfigur, zieht ihm dann aber ohne mit der Wimper zu zucken den Boden unter den Füßen weg.

Denn Pughs Katherine eignet sich nicht als Vorbild für den Kampf der Frauen aus der Unterdrückung. Diese Figur ist komplexer, und sie wird angetrieben von dunklen Dämonen. Der Reiz von "Lady Macbeth" liegt auch darin, dass das letzte Drittel des Films völlig unvorhersehbar ist. Und dass es gesellschaftliche Entwicklungsprozesse als unentrinnbares Labyrinth zeigt, aus dem es keinen Ausweg gibt. Selbst dann nicht, wenn man die furchtbarsten Verbrechen begeht.

Im Video: Der Trailer zu "Lady Macbeth"

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insgesamt 2 Beiträge
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dingodog 31.10.2017
1. Schostakowitsch
Die Novelle "Lady Macbeth von Mzensk" von Leskov ist besonders auch durch die gleichnamige Oper von Dimitri Schostakowitsch bekannt geworden, die ein Schlüsselwerk der sowjetischen Musikgeschichte ist.
.patou 31.10.2017
2.
"Denn Katherine, um die sich alles dreht - sie ist nicht dafür gemacht, still zu leiden wie so viele Romanheldinnen dieser Zeit. Effie Briest, Emma Bovary, Anna Karenina? Pah!" Ich hatte eigentlich nie den Eindruck, dass Emma Bovary oder Anna Karenina mit ihrem Hang zur Hysterie still leiden, aber das mag meine subjektive Reaktion auf diese Romane sein. Beide sind ja auch keineswegs nur passiv, sondern suchen sich eine Alternative zur unglücklichen Ehe. Im Übrigen ist doch gerade die Literatur des 19. Jahrhunderts (und teilw. der Jahre zuvor) eigentlich reich an Heldinnen, die sich nicht den Konventionen beugen oder zumindest versuchen, diesen im Rahmen ihrer Möglichkeiten etwas entgegenzusetzen: Bathsheba Everdene, Jane Eyre, Elizabeth Bennet, Catherine Earnshaw, Marianne Dashwood, Dorothea Brooke, Moll Flanders.
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