"Lady Vengeance"-Regisseur "Jeder hat Sehnsucht nach Rache"

Nach dem Schocker "Oldboy" kommt nun Park Chan-wooks brutales Rachedrama "Lady Vengeance" in die Kinos. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der koreanische Regisseur, warum er Hollywoods Gewaltästhetik viel schlimmer findet als seine eigene.


SPIEGEL ONLINE: Mr. Park, mit "Lady Vengeance" erzählen Sie nach "Oldboy" und "Sympathy for Mr. Vengeance" schon zum dritten Mal hintereinander eine Rachegeschichte. Offenbar übt dieses Thema eine gewisse Faszination auf Sie aus...

Park: Nicht nur auf mich, auf uns alle! Jeder hat doch die die Sehnsucht nach Rache, und als Phantasie hat sie eine sehr stimulierende Wirkung. Wir brauchen also diese Vorstellung für unsere geistige Gesundheit, aber wir dürfen sie nicht vollziehen, denn als Realität ist sie furchtbar. Andererseits wächst dieses Verlangen, wenn wir ihm nicht nachgeben. Das ist eine höchst dramatische Konfliktsituation.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Rachegeschichten bebildern Sie mit Visionen extremer Gewalt. Warum ist solche Brutalität vor allem im asiatischen Kino zu finden?

Park: Ich antworte mit einer Gegenfrage: Warum werden in erster Linie gewalttätige asiatische Filme von westlichen Verleihern gekauft und auf Festivals vorgeführt? Es gibt so viele andere gute Filme aus Asien, die im Rest der Welt nicht zu sehen sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie bestreiten doch aber wohl nicht, dass in Ihren Filmen Szenen zu sehen sind, die im westlichen Kino kaum denkbar wären. Selbst in "Lady Vengeance", der noch vergleichsweise sanft wirkt, ist zu sehen, wie Kinder gefoltert werden.

Park: Ich fühle mich an eine Fragestunde bei der Berlinale 2002 erinnert. Nach einer Vorführung von "Sympathy for Mr. Vengeance" wollte ein Zuschauer wollte wissen, warum ich von solchen Grausamkeiten erzähle. Und ich antwortete: "Sie mögen als Westler von asiatischen Gewaltszenen schockiert sein, aber ich als Asiat bin genauso schockiert, wenn ich sehe, was Weiße und Schwarze in westlichen Filmen für Gewalttaten begehen." Der Fragesteller fühlte sich davon aus unerfindlichen Gründen angegriffen und meinte, ich würde ihn als Nazi bezeichnen. Aber ich wollte nur sagen, dass alles eine Frage der Perspektive ist.

SPIEGEL ONLINE: Was schockiert Sie an den Gewaltszenen westlicher Filme?

Park: In einem Actionstreifen Marke Hollywood sterben Hunderte oder Tausende von Menschen ohne dass die Kamera nah an ein Gesicht rangeht, um Schmerz und Tod einer Person zu zeigen. Das liegt auch an der Wahl der Waffen. Hollywood setzt Maschinengewehre und Raketen ein, die asiatische Tradition dagegen bevorzugt Fäuste und Messer. Dabei kann der Killer nicht auf Distanz zum Opfer bleiben, und das Gleiche gilt für die Kamera. Erst dadurch ist es möglich, Schmerz zu schildern – und die ganzen Widersprüche der Gewalt, denn nicht jeder ist imstande, den anderen mit einem Messer zu durchbohren. Und genau das ist meine Ästhetik: Ich analysiere jeden einzelne Empfindung von Schmerz. Aber absurderweise gelten meine Filme deshalb als grausam.

SPIEGEL ONLINE: In "Lady Vengeance" zeigen sie nun auch die komische Seite von Gewalt. Manche Kritiker rücken Ihren Film bereits in die Nähe von Quentin Tarantinos "Kill Bill"-Filmen.

Park: Wie ich schon sagte, hängt das vom individuellen Blickwinkel ab. Akte, die über Leben und Tod der Protagonisten entscheiden, können auf den Außenstehenden in der Tat komisch wirken. Sobald eine Gewalttat aber vollzogen ist, ist es mit dem Humor vorbei. Wenn eine Figur auf die andere mit einer Axt zuläuft, ist das vielleicht amüsant. Aber dann bricht sie blutverschmiert zusammen, und der Zuschauer bekommt ein schlechtes Gewissen, weil er gelacht hat.

SPIEGEL ONLINE: Dabei ist Ihre Gewaltästhetik nicht unbedingt naturalistisch, sondern auch stark stilisiert.

Park: Mir geht es nicht um eine Ästhetisierung, sondern um eine Emotionalisierung des Schmerzes. Ich versuche die Gefühle der Protagonisten wiederzugeben. Es gibt eine mittlerweile sehr bekannte Szene in "Oldboy", wo der Protagonist in einem langen Korridor gegen eine Reihe von Gegnern kämpft. Das alles habe ich in einer langen Einstellung aus der Distanz gefilmt. Manche Kritiker empfanden das als stilisiert, aber ich wollte damit nur die Isolation und das Leiden des Helden betonen.

SPIEGEL ONLINE: Wobei Sie Ihren Helden heftige Torturen zumuten. Ist die Schmerzempfindung in Asien anders als im Westen?

Park: Ich denke ja. In Asien haben wir eine andere Beziehung zum Körper. Ich muss da an diese buddhistischen Mönche denken, die sich aus Protest verbrennen. Das ist eigentlich unvorstellbar, aber nach diesem Denken befinden wir uns nur auf einer Reise von einem Leben zum nächsten, und der Körper ist dafür nur ein Vehikel.

SPIEGEL ONLINE: Wären Sie daran interessiert, im westlichen Kino zu arbeiten?

Park: Ich bekam ein paar Angebote aus Hollywood, aber bislang war kein gutes Drehbuch darunter. Ich wäre nur an Projekten interessiert, die ich in Korea nicht mit der gewünschten Qualität machen könnte. Das sind zum einen Science-Fiction-Stoffe, denn Hollywood hat hier großes technologisches Know-how, und zum anderen Western, weil die Amerikaner auch hier mehr Erfahrung haben.

SPIEGEL ONLINE: Und welche Art Western würden Sie drehen? Sicher hätte es etwas mit Rache zu tun...

Park: Vielleicht eine Geschichte über die Tragödie der Indianer, wie sie von Weißen betrogen und abgeschlachtet wurden. Es gibt auch gute amerikanische Filme zu dem Thema, "Keine Gnade für Ulzana" von Robert Aldrich zum Beispiel. Aber ich würde da gerne meinen eigenen Blickwinkel anlegen.

Das Interview führten Julia und Rüdiger Sturm



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