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"Ladykillers": Makabrer Flirt mit Hollywood

Von Oliver Hüttmann

Mit ihrem Remake der Krimikomödie "Ladykillers" wagen die eigenwilligen Autorenfilmer Joel und Ethan Coen den Sprung nach Hollywood. Prominent fehlbesetzt mit Superstar Tom Hanks enthält der Film zwar jede Menge Gags und Pointen, der subtile Humor früherer Coen-Filme blieb jedoch weitgehend auf der Strecke.

Ganovenbande in "Ladykillers": Louisiana statt London
DDP

Ganovenbande in "Ladykillers": Louisiana statt London

Für Joel und Ethan Coen mag es ein kleiner Schritt gewesen sein. An ihrem Gesamtwerk gemessen ist ihr neuer Film allerdings ein großer Sprung. Mit "Ladykillers" haben die Regie-Brüder erstmals ein Remake gedreht. Nach rund 20 Jahren als amerikanische Autorenfilmer, die in ihren Werken stets subtil ihre Vorbilder zitiert haben, ist die Vorlage diesmal also offensichtlich. Das Original, die gleichnamige britische Krimikomödie von 1955 mit Alec Guinness und Peter Sellers, gilt zudem als Klassiker. Bereits der Titel dürfte weitaus geläufiger sein als die meisten Reverenzen in früheren Coen-Filmen. Selbst als eingefleischter Cineast dürfte einem kaum bekannt sein, dass sie schon in ihrem Regiedebüt "Blood Simple" eine Dialogzeile aus "Ladykillers" zitiert haben.

Hat sich also der Kreis geschlossen? Oder nehmen die Coens eher eine Abfahrt nach Hollywood? Die Zäsur deutete sich bereits im letzten Jahr bei "Ein (un)möglicher Härtefall" an. Während sie zuvor alle Drehbücher selbst geschrieben hatten, griffen sie hier auf ein Skript von Robert Ramsey und Matthew Stone zurück. Zählt man die Coen-Brüder als Co-Autoren noch hinzu, waren an der Story so viele Leute beteiligt, wie sonst bei Hollywoods schematisch ausgerichteten Publikumsfilmen üblich. Vielleicht wirkte ihre Farce einer romantischen Komödie deshalb formelhafter, oberflächlicher als gewohnt, auch wenn sie immer noch vergnüglicher ist als alle Filme des Screwball-Genres, die Hollywood seit Jahrzehnten herausgebracht hat.

Ein ähnlich zwiespältiger Eindruck bleibt auch von "Ladykillers": Nahezu alle Remakes werden in Hollywood produziert. Immer hing ihnen ein wenig der Ruch der Einfallslosigkeit und Bequemlichkeit an, vor allem seit ihre Anzahl in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen ist. "Ladykillers" als Kommentar der Coens dazu begreifen zu wollen, ginge aber zu weit. Vielmehr scheinen sie sich bewusst dem Hollywood-System ausgesetzt zu haben, um zu schauen, was passiert.

Wirtin Mrs. Munson (Irma P. Hall): Schlagfertige Lady
DDP

Wirtin Mrs. Munson (Irma P. Hall): Schlagfertige Lady

Als Produzenten neben den Coens fungieren Tom Jacobson und Barry Josephson, die Hollywood-Hits wie "Mrs. Doubtfire" und "Bad Boys" verantwortet haben - sowie Barry Sonnenfeld, einst ihr Kameramann bei "Blood Simple", "Arizona Junior" und "Miller's Crossing", der später als Regisseur "Men In Black" drehte. Die Hauptrolle spielt mit Tom Hanks einer der derzeit größten Hollywood-Stars.

Hanks übernahm den Part des Professors Goldthwait Higginson Dorr, Kopf einer Ganovenbande, die ein Kasino ausrauben will. Anders als Alec Guinness spielt Hanks ihn als aufgeblasene lächerliche Figur, die mit ihrem Intellekt krampfhaft Eindruck schinden will. Die komischsten Momente des Films ergeben sich aus Dorrs Disput mit seinen Komplizen, allesamt Deppen, die seinen perfekten Plan permanent gefährden. Amüsanter noch sind seine Dialoge mit der schwarzen Mrs. Munson (Irma P. Hall). Dorr quartiert sich bei der frommen Seniorin ein, die sich durch ihren kultivierten Gast geschmeichelt fühlt, aber dennoch resolut jeden seiner geschwollenen Sätze mit Bibel-Zitaten und Lebensweisheiten ins Leere laufen lässt.

Hollywood-Star Hanks als Professor Dorr: Billige Bluffs
Touchstone Pictures

Hollywood-Star Hanks als Professor Dorr: Billige Bluffs

Wie Dorr an Mrs. Munson scheitert Hanks an seiner Rolle. Er plustert sich derart auf, als wolle er Guinness und Sellers zugleich an die Wand spielen, findet aber bereits in Hall seinen Meister, die mit einer tief verwurzelten Selbstverständlichkeit auftrumpft. Schon immer arbeitete der Schauspieler Hanks mit billigen Bluffs; in seiner ersten Komödie seit Jahren fällt das mehr denn je auf. Ein anderer Darsteller, Gene Hackman vielleicht, hätte den Professor lässig und mit jenem durchtriebenen Charme verkörpert, den sich die Coens bei diesem Charakter wohl vorgestellt haben. Mit seinem kecken Spitzbart wird er wie eine Karikatur des Leibhaftigen eingeführt. Rauch qualmt durch die Häuserritzen, als Dorr erstmals an der gläsernen Haustür der gottesfürchtigen Witwe klingelt.

Sein kriminelles Personal, das er über eine Annonce zusammengestellt hat, ist indes trefflich besetzt und erinnert an die trotteligen Typen aus "Arizona Junior" oder "Fargo". Da ist der Sprengdilettant Pancake (J.K. Simmons), der unter Darmschwäche leidet und mit seinem Zwirbelbart aussieht wie ein britischer Kolonialsoldat. Er ist ebenso geschwätzig und schnell beleidigt wie Gawain (Marlon Wayans), der als Parodie auf den Habitus der Rapper jedem Mädchen mit üppigem Gesäß hinterher starrt und hinter jeder Zurückweisung Rassismus vermutet. Für den Bau des Tunnels, der von Mrs. Munsons Keller zum Tresor des Kasinos führen soll, wurde ein Kettenraucher aus Indochina angeheuert, der nur "General" genannt wird und wiederum so wenig redet wie der geistig beschränkte, stotternde Hüne Lump (Ryan Hurst), den Higginson als "notwendiges Werkzeug der rohen Gewalt" beschreibt.

Regie-Brüder Joel und Ethan Coen: Sprung nach Hollywood
AP

Regie-Brüder Joel und Ethan Coen: Sprung nach Hollywood

Die Coens haben "Ladykillers" von London nach Louisana verlegt, so dass Dorr nicht mehr wie ein englischer Gentleman aussieht, sondern als Südstaaten-Snob daher kommt. Und doch ist der Film nicht wirklich einem Ort oder einer Zeit zuzuordnen. Wie so oft in ihren Werken haben die Regisseure die Perspektiven leicht verschoben. Moden und Motive verschiedener Epochen überlappen sich. Die Schauplätze sind zudem reduziert auf das Haus von Mrs. Munson, ihre Baptistenkirche, das Kasino, eine Polizeiwache und ein Restaurant, was dem Film die Kulissenhaftigkeit eines Theaterstücks verleiht.

Als roter Faden dient den Brüdern Edgar Allen Poes Gruselgeschichte "Der Rabe", deren Motive sie bis hin zur Schlusspointe geschickt und gewitzt überall eingebaut haben. Dorr erwähnt Poe mehrmals gegenüber Mrs. Munson, und über den Mississippi führt eine vom Nebel verhangene, mit Dämonenköpfen versehene Brücke, die ein ähnliches Bauwerk in der Kurzgeschichte des amerikanischen Literaturklassikers zitiert.

Aus dieser Anordnung ziehen die Coens sowohl eine herrlich burleske Komik als auch sorgfältigen Slapstick. Die Raffinesse ihrer Reverenzen, haben sie allerdings diesmal dem Rahmen einer letztlich konventionellen, manchmal klamottenhaften Komödie untergeordnet. Die vergeblichen Versuche der Ganoven, die alte Lady Mrs. Munson umzulegen, nachdem sie ihnen auf die Schliche gekommen ist, kann man schwarzen Humor nennen, makaber ist es nicht.

Der sarkastischste Witz erschließt sich dem europäischen Zuschauer indes erst nach einiger Recherche. Als Mrs. Munson am Ende bei den - von ihr längst genervten - Cops behauptet, sie habe die Millionenbeute aus dem Kasinoraub, glauben sie ihr nicht. So beschließt sie, das Geld der Bob Jones University zu spenden, einer ihren Worten nach "lobenswerten Bibelschule", von der sie ständig dem Akademiker Dorr erzählt hat. Das Institut existiert tatsächlich und ist ein fundamentalistisches Christen-College im US-Bundesstaat South Carolina, das sogar Katholiken verteufelt und noch heute für Rassentrennung eintritt.

Prominentester Fürsprecher und Förderer der Institution ist der erzkonservative US-Justizminister Richard Ashcroft, und auch George W. Bush besuchte es bei der Kür des republikanischen Präsidentschaftskandidaten. Dieser boshafte Gag erscheint im Film wie eine Randnotiz, ist aber - sogar gemessen an den Seitenhieben auf Ronald Reagan in "Arizona Junior" - ein eindrucksvolles Statement.


Ladykillers


USA 2004. Regie: Joel Coen. Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen. Darsteller: Tom Hanks, Irma P. Hall, J.K. Simmons, Marlon Wayans, Tzi Ma, Ryan Hurst, Diane Delano, George Wallace. Produktion: Pancake Pictures, Jacobson Company, Touchstone Pictures. Verleih: Buena Vista. Länge: 104 Minuten. Start: 29. Juli 2004

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