Laetitia Masson Laetitia Masson: "Love Me" - Vive la vie en rose

Wer Melodramen in rosa mag, wird "Love Me" mögen. Wer ein bisschen gemein ist, findet den Film unerträglich "französisch" und wahnsinnig existenzialistisch. Aber die Musik ist gut.

Von Nataly Bleuel


Wenn jemand einen Film macht und sagt, er oder sie könne die Geschichte selbst nicht erzählen; dass man sich darin verliere, sei ganz normal. Wenn jemand den dritten Film mit derselben Hauptdarstellerin inszeniert. Wenn jemand einen Film dreht, der durch die Irrungen und Wirrungen der Liebe flottiert. Wenn jemand sehr viele, schwer bedeutungsschwangere Wörter über eine melancholische Musikspur legt. Dann, ja dann, lässt sich mit Gewissheit nur sagen: Die französische Regisseurin Laetitia Masson hat einen filmischen Essay gewagt. Ihre Muse scheint Sandrine Kiberlain zu sein, um die die Kamera denn auch verliebt kursiert. Und irgendwo verheddern sich alle in den Irrungen und Wirrungen der Liebe und des Lebens. Aber das ist ja ganz normal. Was ist schon Realität, was Imagination, was Traum und woher komme ich eigentlich, wohin geh ich und wieso liebt mich keiner?

Mehr lässt sich mit Gewissheit kaum sagen. Nur rein- und rausinterpretieren. Man kann das mögen, oder auch nicht. Wenn Liebe aufdringlich pseudoanalytisch und endlosphilosophisch zerredet wird. Wenn man gefragt wird, was man denkt. Wenn jemand Gabrielle (der gefallene Engel?) Rose (rosa Kleid, rosa Lidschatten, rosa Unterwäsche, rosa Pelz!) heißen muss. Wenn diese Gabrielle mit schieferfarbenem Augenaufschlag und Rauschgoldhaaren durch die Chimären der Liebe traumwandelt und sich dabei auf einen versoffenen, demütigenden Elvis-Sänger namens Lennox (Johnny Halliday) fixiert. Wenn Memphis der Ort des Geistes ist, der "Love me tender" schluchzt. Wenn die Bars nach ihren liebesverlorenen Besuchern "Club Solitaire" genannt werden. Wenn man dem Timbre von "Wild at Heart" die Musik und das Melodram belässt, aber das Wilde, die Ironie und das Narrative streicht. Wenn Matrosen auch so einsam sind, weil sie keinen Halt in einer anständigen Beziehung finden können. Wenn man Amour haucht und Adieu und Au revoir.

Mon dieu, ist man dann aber verloren in der Liebe von heutzutag, im französischen Essay, in la vie en rose und im Geschöpf Sandrine Gabrielle, la belle. Da hat man aber einen extraordinär kultivierten Blues. Denn Gabrielle ist, das sagt sie einmal ungewöhnlich eindeutig, im Kern schwarz – eine Weiße mit dem Blues.

Also, man kann so was mögen. Und man muss konzedieren: Die Bilder an sich, als Sreenshots sozusagen, sind schön anzuschauen. Man kann aber auch aggressiv werden und auf die Uhr schauen, wann diese chimärische rosa Suada endlich vorbei ist. Man kann dann ganz gemein werden und den Film einfach nur unerträglich "französisch" finden. Blasiert, verschwiemelt, wahnsinnig existenzialistisch und ziemlich ephemer. Das Einzige, was dann bleibt, ist die Musik, von John Cale arrangiert. Als ob die Bilder zur Musik gemacht wären, quasi die Video-Clipisierung des Kinos. Die Musik ist sehr schön. Und die kann man sich auch so kaufen. Dafür muss man nicht mal ins Kino gehen.

"Love Me", Frankreich 1999, Regie: Laetitia Masson, Darsteller: Sandrine Kiberlain, Johnny Halliday, Jean-Francois Stevenin, Aurore Clement, Salomé Stevenin, Anh Duong, Julie Depardieu Julian Sands, Musik: John Cale, 107 Minuten



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.