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Coming-of-Age-Film "Land der Wunder": Unfreiwillig frühreif

Von Birgit Glombitza

Wie soll man bitte erwachsen werden, wenn man das Aussteiger-Idyll der Eltern am Laufen halten muss? In ihrem Cannes-Überraschungshit "Land der Wunder" erzählt Alice Rohrwacher eine poetische Coming-of-Age-Geschichte.

Die Luft zittert vor Hitze. Ein feiner Staubnebel verschleiert jeden Fernblick. Selbst im maroden Steinhaus, das die Familie irgendwo in Umbrien bezogen hat, staut sich die Atmosphäre in einer Mischung aus Anspannung, Sorge und bodenloser Enttäuschung.

Der Vater Wolfgang (Sam Louwyck) hat kein rechtes Konzept, wie er die Familie mit Bienenstöcken und Schafzucht über die Runden bringen soll. Die Mutter Angelica (Alba Rohrwacher) kommt vor lauter Schufterei nicht zum Nachdenken. Dass dieses Leben wenig mit der einstigen Utopie von Autarkie, Freiheit und Naturbezug zu tun hat, ist eine Erkenntnis, die sich auch zwischen den monotonen Handgriffen an der Honigschleuder nicht wegdimmen lässt.

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"Land der Wunder": Es war einmal in Umbrien
Drei Mädchen hat das Paar. Zwei sind noch zu klein, um an Idealen und Erziehungsberechtigten zu zweifeln. Die Älteste, Gelsomina (Alexandra Maria Lungu), hingegen ist längst hellsichtig und emphatisch genug, um die Gereiztheit des Vaters und die Erschöpfung der Mutter als dramatische Kapitulation zu verstehen.

Geflucht wird auf Deutsch

Mit Gelsomina findet der Film von Alice Rohrwacher, der zum Erstaunen vieler in Cannes den Großen Preis der Jury in Empfang nehmen durfte, früh sein Zentrum. Jane Campion, die Vorsitzende der Jury, mag genau diese Perspektive so gefallen haben, die das Mädchen mit den typischen Campion-Heldinnen teilt. Ihr frühreifes Gespür für kommende Einengungen und verschwindende Fluchtwege. Und ihr Instinkt für eine unter allen Zwängen liegende Wahrheit.

Alice Rohrwacher lässt vieles im Ungefähren. Die Herkunft der Eltern, deren Kommunikation eher zu weiteren Spekulationen veranlasst als die Figuren verlässlich zu verorten. Man spricht Italienisch, regelt Wichtiges vor den Kindern auf Französisch und flucht in einem fremd klingenden Deutsch. Selbst Cocò (Sabine Timoteo), die sich der Familie als Ersatz-Kommune angeschlossen hat, redet so kantig, als fühle sie sich in keiner Sprache der Welt mehr zu Hause. Sie hält sich aus allem raus, entzieht sich in Yoga-Übungen und aggressivem Schweigen. Nur als Martin, ein delinquenter Junge, zur Resozialisierung auf den Hof kommt, beschleunigt sie nur allzu gern die Kontaktaufnahme zwischen ihm und Gelsomina und bringt sich pedantisch als küssende Aufklärerin ins Spiel.

Vieles an dem zweiten Film der Regisseurin wirkt schraffiert und manches ein bisschen umständlich erzählt. Vielleicht ist Rohrwacher die Welt ihrer Heldin zu vertraut. Sie selbst stammt aus der Gegend zwischen Umbrien, Toskana und Latium, kennt diese zeitlosen Örtchen dort und das harte Leben. Auch im Umgang mit Bienen und multikulturellen Familienstrukturen hat sie Erfahrung. Und ihre eigene Schwester spielt nicht zufällig die Mutter Angelica.

Familienhonig im Fernsehen

So wirkt es fast wie ein Befreiungsschlag von allzu Nahem, wenn der Film unvermittelt fellinesk zur Drehsituation einer TV-Werbung wechselt. Monica Belluci tritt als eine Art schaumgeborene Glücksbringerin auf, die den Bewohnern der Gegend eine fette Belohnung verspricht, wenn sie bei einem Contest um die beste Präsentation einheimischer Produkte überzeugen können. "Land der Wunder" nennt sich das titelgebende Spektakel. Für Gelsomina ist das ganze Tamtam jedoch eine zauberhafte Parallelwelt, bei der sie den Familienhonig ins Spiel um die Meisterschaft bringen will, und eine der viel zu seltenen Gelegenheiten, ihr kindliches Reststaunen einmal von der Leine zu lassen.

Das Schönste an diesem Film ist seine liebevolle Verzahnung von Gelsominas Kosmos, ihrer Arbeit mit den Bienen, ihre Verantwortung gegenüber Schwestern und Eltern, mit dem Ort, der Jahreszeit. Spätsommer und Pubertät, Familienkrise und flüchtende Bienenvölker. Die Zeit des Übergangs. Eine, in der auch ihr eigener Körper für all die Sehnsucht nach Neuem viel zu eng wird und seine Verformungen hin zu einem Geschlecht sich wie lästige Folgen einer unvermeidlichen Fremdbestimmung anfühlen.

Wenn Gelsomina den Gürtel auf dem Weg zu den Bienenstöcken festzurrt, die Netzhaube vor der Stirn gerade rückt, weil ihr diese Arbeitskleidung noch zu groß ist, verschwindet auch ihre Mädchen-Silhouette hinter Pflichtbewusstsein und Verantwortungsgefühl. Wie sie dann ein brummendes Bündel aus Tausenden entflohenen Bienen von einem Ast pflückt, so ruhig und sicher wie es ihr überspannter Vater niemals hinbekommen hätte - das liefert dem Film sein stärkstes Bild. Es zeigt, dass ihr Blick längst die Umlaufbahn kindlicher Egozentrik verlassen hat und die Dinge, auch das besinnungslose Gewusel der eigenen Familie, von Außen betrachtet.

Diese innere Stärke ist es auch, mit der Gelsomina das Kunststück vollbringt, Bienen aus ihrem Mund krabbeln zu lassen. Selbst wenn sie keinen Preis gewinnt. Um die junge Frau müssen wir uns keine Sorge machen.

Land der Wunder

CH, D, ITA 2014

Originaltitel: Le Meraviglie

Buch und Regie: Alice Rohrwacher

Darsteller: Alba Rohrwacher, Sam Louwyck, Maria Alexandra Lungu, Monica Bellucci, Margarete Tiesel, André Hennicke, Sabine Timoteo

Produktion: Tempesta, Rai Cinema

Verleih: Delphi Film

Länge: 110 Minuten

Start: 2. Oktober 2014

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insgesamt 1 Beitrag
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1.
ocmone 02.10.2014
Eine wundervolle Rezension, die Lust auf den Film macht.
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