Larry Clarks "Ken Park" Sehnsucht, Sex und Schrecken

Teenager müssen sich frei entfalten können, auch sexuell: Der US-Regisseur Larry Clark macht sich mit seinem Film "Ken Park" erneut zum Anwalt der missverstandenen Jugend Amerikas. In vier verstörenden Episoden bebildert er die Sehnsüchte und Schrecken der Pubertät - und bedient sich dabei einer pornografischen Stilistik.

Von Oliver Hüttmann


Szene aus "Ken Park": Anrührende Nervosität
DDP

Szene aus "Ken Park": Anrührende Nervosität

"Plogg" macht es, wenn der Tennisschläger den Filzball trifft, begleitet von einem stoßartigen Stöhnen der Spielerin. Im Sekundenabstand sind diese Laute immer wieder zu hören, während man sieht, wie ein Junge masturbiert. Das Spiel wird im Fernsehen übertragen. Er hat den Ton aufgedreht und sitzt auf dem Boden, mit dem Rücken an der Tür, damit seine Großeltern nicht plötzlich das Zimmer betreten können. Und er hat einen Gürtel, der an der Klinke befestigt ist, um seinen Hals gelegt. Er stranguliert sich, stimuliert sich mit kurzen Blicken zum Fernseher und rubbelt mit rotem Gesicht immer heftiger seinen steifen Penis. Die Kamera blendet selbst die Ejakulation nicht aus. Allein das Zusehen schmerzt.

Die Szene gehört zu den irritierendsten unter den zutiefst intimen Momenten, die Larry Clark in seinem Film "Ken Park" erschütternd und erstaunlich nahe am Leben ausleuchtet. Der Film ist ein episodisches Drama über die Sehnsucht und den Schrecken der Pubertät, ein ebenso radikaler wie relevanter Ausschnitt des ganz normalen Alltags amerikanischer Teenager. Gewiss zählen dazu auch die so genannten schönen Seiten, die behütete Kindheit und die behutsame Entdeckung der Sexualität. Dass Clark all das beflissen ausspart, um stattdessen die Probleme, Ängste, Zweifel und Fehlentwicklungen zu zeigen, ist ihm ebenso vorgeworfen worden wie sein vermeintlicher Voyeurismus, der die Unschuld der Jugend verunglimpfe und für Päderasten ausstelle.

So ganz behaglich fühlt man sich in der Tat nie, wenn man seine Laiendarsteller betrachtet, wie sie ganz selbstverständlich und ohne Scham ihre Triebe ausleben. Geradezu ohnmächtig verfolgte man 1995 in Clarks Regiedebüt "Kids" eine Gruppe allein gelassener Halbstarker beim Saufen und Sex in der Großstadt. Einer der Jungen ist HIV-positiv und hat ahnungslos ein Mädchen infiziert. Ihre verzweifelte Suche nach ihm bleibt bis zum Schluss hoffnungslos.

Destruktiv und verzweifelt beginnt auch "Ken Park". Der Filmtitel ist der Name eines rothaarigen Jungen mit Sommersprossen und Skateboard. Er setzt sich in eine aus Beton aufgeschüttete Half-Pipe, wo Dutzende Skater herumfahren, holt aus seinem Rucksack eine Digicam und Pistole - und führt mit einem sanft entrücktem Lächeln eine schockierende Tat aus.

Teenager-Sex in "Ken Park": Geschlechtsteile zur Schau gestellt
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Teenager-Sex in "Ken Park": Geschlechtsteile zur Schau gestellt

Aus dem New York der "Kids" hat sich Clark in eine kalifornische Vorstadt begeben und damit vom Zentrum, in dem allgemein das Übel vermutet wird, an die Peripherie mit ihren properen Fassaden. Er greift diesmal auch Familiensituationen auf und hat die Eltern eingebunden, die mal mit verantwortlich sind für das Verhalten der Kinder, manchmal aber auch nur überfordert. Ein Schleier der Melancholie liegt über den vier Episoden des Films, und bei allem Entsetzen über Missbrauch, Verbote und Gewalt entsteht auch Mitgefühl für alle Beteiligten. Clark denunziert nicht, er klagt niemanden an. Das Urteil bleibt allein dem Zuschauer überlassen.

Claude (Stephen Jasso) leidet unter seinem brutalen Vater. Der stemmt Gewichte vor dem Haus, hält seinen schüchternen Sohn für zu schmal und deshalb für schwul und versucht eines Nachts im betrunkenen Zustand sich an ihm zu vergehen. Der 15-jährige Shawn (James Bullard) schwänzt die Schule und hat statt dessen Sex mit Rhonda (Maeve Quinlan), der Mutter seiner Freundin. Peaches (Tiffany Limos) lebt ihrem Vater, einem Witwer und religiösem Fanatiker, die brave, reine Tochter vor, bis er sie bei Fesselsex und Fellatio mit einem Freund aus der Bibelstunde erwischt und verprügelt. Fast schon rührend dagegen erscheint die Geschichte von Tate (James Ransone), der sich von Damentennis erregen lässt und sich über seine Großeltern aufregt. Schwankend zwischen Aggression und Depression ist Tate ein Psychopath, dessen Verstörung am Ende in einer Bluttat eskaliert.

Alle Ereignisse hätten sich so oder ähnlich zugetragen, erklärt Clark, als wolle er nicht nur das Authentische unterstreichen, sondern auch dem Spekulativen vorbeugen. Denn es sind gewiss extreme Beispiele einer dysfunktionalen Gesellschaft, an deren eindringlicher Glaubwürdigkeit allerdings kaum zu rütteln ist. Man kann sie sich sogar noch schlimmer vorstellen.

Behutsam fängt Clark mit Kameramann Ed Lachmann ("Erin Brockovich") die Lust seiner Figuren ein, ihre all zu verständliche Gier, Neugier, Hektik und Unsicherheit. Wenn Shawn seinen Kopf zwischen den zitternden Schenkeln von Rhonda hält, sie ihn dirigiert und er über ihre Schamhaare hinweg immer wieder zu ihr aufblickt, erkennt man in seinen Augen eine anrührende Nervosität. Wer hier wen im ehelichen Schlafzimmer ausnutzt, während der Mann von Rhonda, ein ehemaliger Footballspieler, bei der Arbeit ist und ihre Tochter Hannah vor der Schule auf Shawn wartet, darüber kann man streiten. Zärtlich ist die Szene allemal.

Szene aus "Ken Park": Behutsame Entdeckung der Sexualität
DDP

Szene aus "Ken Park": Behutsame Entdeckung der Sexualität

Die Prüderie und Heuchelei Amerikas entlarvt Clark dabei subtil mit Randnotizen. Als Rhonda mit Shawn schläft, sieht ihre kleine Tochter im Fernsehen eine Sendung, in der knapp bekleidete, gut gelaunte Mädels herumhüpfen. Während Claudes Vater auf dem Sofa neben seiner schwangeren Frau (grandios als Proletin: Amanda Plummer) über den weichlichen Jungen schimpft, läuft parallel die "Jerry Springer Show", in der jedes Schimpfwort von einem Fiepen überdeckt wird.

Seinen Teenagern gesteht Clark indes Freiraum zu, wie und wann immer sie ihn wollen. In der Eröffnungssequenz mahnt ein Schild, dass Skaten auf der Straße verboten ist. Ken Park rast trotzdem auf seinem Board bis zum Park, einem jener überschaubaren Freizeit-Areale, die Erwachsene für Jugendliche geschaffen habe. Man kann die Kids aber nicht beliebig eingrenzen, zeigt Clark, man kann sie nur falsch behandeln und gleichgültig erziehen.

Die Pubertät ist eine Drangphase aus Sinnsuche und Experimentierfreude, geprägt durch den Konflikt mit Abhängigkeiten und Orientierungslosigkeit. Larry Clark fächert dies in "Ken Park" authentisch auf, dazu passt auch sein deutlicher Umgang mit Nacktheit. Nur am Schluss stellt er sein ambitioniertes Werk mit einem allzu deutlichen Geschlechtsakt zwischen Shawn, Claude und Peaches in ein fragwürdiges Licht. Wie hier über mehrere Minuten in allen Varianten der körperlichen Liebe Geschlechtsteile zur Schau gestellt werden, ist unnötig und übertrieben. So wird die Sinnlichkeit doch noch zur pornografischen Phantasie und die Wahrhaftigkeit eines sonst famosen Films beinahe zur Farce.


Ken Park

USA 2002. Regie: Larry Clark, Ed Lachmann. Drehbuch: Harmony Korine, Larry Clark. Darsteller: James Ransone, Tiffany Limos, Stephen Jasso, James Bullard, Mike Apaletegui, Amanda Plummer, Adam Chubbuck, Maeve Quinlan. Produktion: Cinea, Kees Kasander, Legend Films. Verleih: Neue Visionen. Länge: 95 Minuten. Start: 22. Juli 2004



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