Lars von Trier im Interview: "Wer mir in die Fresse hauen will, ist willkommen"

Cannes steht Kopf, doch Lars von Trier stört's nicht. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der Regisseur, der durch umstrittene Aussagen zu Hitler einen Eklat verursachte, wie es zu seinem Ausfall kam, was er von seinem Festival-Rausschmiss hält - und dass er seine Strafe vielleicht sogar genießt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind jetzt beim Cannes Film Festival eine sogenannte Persona non grata, eine unerwünschte Person. Was halten Sie davon?

Von Trier: Ich bin sehr stolz darauf. Ich war noch nie in meinem Leben eine Persona non grata. Und das passt mir sehr gut.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Von Trier: Ich fühle mich im Festivalpalais höchst klaustrophobisch. Deshalb schätze ich mich glücklich, nicht mehr hineingehen zu müssen. Und ich bin auch froh, wenn ich nicht mehr gezwungen bin, nach Cannes zu reisen. Am liebsten würde ich nach Hause fahren; andererseits möchte ich "Melancholia" promoten. Wobei der Film von mir aus gerne aus dem Wettbewerb geworfen werden kann - wenn es den anderen Filmen hilft.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt so, als wäre Ihnen das Festival vollkommen egal, auf dem Sie Ihre größten Erfolge gefeiert haben.

Von Trier: Nein, das alles ist für mich schockierend. Ich respektiere das Festival sehr. Man hat mich hier immer unterstützt. Und ich bin mit Festivalchef Gilles Jacob gut befreundet. Aber jetzt war er sehr zornig auf mich.

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Von Trier in Cannes: "Melancholia" und der Rauswurf
SPIEGEL ONLINE: Können Sie schildern, wie es aus Ihrer Sicht zu den missverständlichen Äußerungen auf der Pressekonferenz kam?

Von Trier: Das alles begann mit Auslassungen über die deutsche Romantik, deren Wertvorstellungen vom "Dritten Reich" zum Teil übernommen wurden. Die Leute wollten, dass ich sage, dass Albert Speer kein großer Künstler war. Und das kann ich nicht unterschreiben. Der Mann war ein Arschloch, das für den Tod vieler Menschen verantwortlich war, aber zugleich auch ein Künstler, der auf die Nachwelt einen fantastischen Einfluss ausgeübt hat. Wir müssen hier eine Trennlinie ziehen - wie zwischen Sport und Politik.

SPIEGEL ONLINE: Die Kritik des Festivals richtet sich vor allem gegen Sätze von Ihnen wie "Okay, ich bin ein Nazi".

Von Trier: Lassen Sie mich zunächst Folgendes klarstellen: Ich trage einen sehr berühmten dänisch-jüdischen Namen. Das Gleiche gilt für meine Kinder. Die Hälfte meines Lebens verbrachte ich damit, meine jüdischen Wurzeln zu erforschen. Bis ich erfahren habe, dass der Mann, den ich für meinen Vater hielt, nicht mein Vater war. Tatsächlich bin ich deutscher Abstammung. Und im dänischen Slang nennt man nun mal Deutsche 'Nazis', auch wenn das alles andere als lustig, sondern nur dumm ist. Ich war also kein Jude, sondern ein Nazi - mit anderen Worten: ein Deutscher.

SPIEGEL ONLINE: Der Antisemitismus-Vorwurf läuft also ins Leere?

Von Trier: Ich habe etwas gegen die Palästinenser-Politik der Israelis. Aber ich bin nicht Mel Gibson. Ganz bestimmt nicht. Ich bin das Gegenteil von ihm. Ich habe alle Konzentrationslager besucht, ich halte den Holocaust für das schlimmste Verbrechen in der Geschichte der Menschheit. Natürlich war ich ein wenig naiv. Als Däne glaubte ich, über das Thema etwas offener sprechen zu können. Aber was ich gesagt habe, war falsch, war dumm, und ich entschuldige mich für den Schmerz, den ich manchen Leuten zugefügt habe. Wer mir in die Fresse hauen will, ist willkommen. Aber ich muss Sie warnen: Es kann sehr wohl sein, dass ich das genieße. Vielleicht ist das nicht die richtige Art von Bestrafung für mich.

SPIEGEL ONLINE: Die Leitung des Cannes-Festivals scheint da ja ähnlich zu denken. Wie erklären Sie sich diese heftigen Reaktionen?

Von Trier: Offenbar ist das eben hier ein sehr delikates Thema. Denn die Franzosen haben sich in ihrer Geschichte als besonders grausam gegenüber den Juden erwiesen.

SPIEGEL ONLINE: Entschuldigung, aber mit solchen Statements werden Sie das Festival wohl kaum gewogen stimmen.

Von Trier: Offen gestanden ist mir jetzt alles egal. Ich bin einfach nur müde. Bevor man mich Journalisten vorführt, sollte man mich in einen kleinen Käfig stecken und mir etwas vor den Mund kleben. Wobei es durchaus politische Themen gibt, die ich sehr gerne diskutieren würde. Zum Beispiel ist es absolut dumm, Tripolis zu bombardieren - so wenig ich Gaddafi mag. Die Uno wurde nicht gegründet, um den amerikanischen Liberalismus zu verbreiten, sondern um Kriege zu vermeiden. Aber vielleicht sollten wir jetzt einfach lieber über den Film sprechen.

Das Interview führte Rüdiger Sturm

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1. Tja,
Bernd_1961 20.05.2011
der Junge ist cool drauf. lar, das linksradikale Kommunisten das nicht kapieren.
2. wtf?
afxtwin 20.05.2011
wenn lars von trier ein nazi ist, dann muss berlusconi wohl ein rassist sein. oder wie soll man sich seine wiederholten kommentare zu barrack obamas hautfarbe erklären? wird berlusconi deshalb zur persona non grata? kaum. man wundert sich höchstens über seine dämlichen kommentare. so ganz nehme ich berlusconi aber den vorwand "humorvoll" zu wirken aber irgendwie nicht ab. von trier schon.
3. ?
dragonfruit 20.05.2011
Ja... und was ist mit dem Film?
4. Langsam wird es albern...
Dazzle 20.05.2011
... und wenn der Fehltritt als gezielte Provokation und Promotion für den Film gedacht war, hat er Erfolg. Ist doch immer wieder das Gleiche. Kaum macht sich einer politisch nicht korrekte Gedanken und spricht sie offen aus kommt der Rest mit der Nazikeule. Wie soll man sich den bitte mit bestimmten Themen auseinander setzen wenn man gleich in die rechte Ecke gestellt wird?
5. Das sind doch keine Kommunisten,
ok-info 20.05.2011
Zitat von Bernd_1961der Junge ist cool drauf. lar, das linksradikale Kommunisten das nicht kapieren.
das sind Spinner - ich meine: Ehre nur, wem Ehre gebührt... LvT will ich auch nicht in die Fresse hauen, der Mann hat echt was drauf, jenseits allen Spielbergs. Und klar, daß sich einer, der nicht nur Werbe- und Propagandefilme dreht, irgendwann über, ahem, Hollywood ärgert und dann auch mal Laut gibt. Aber trotzdem : Tabus dürfen nun mal nicht gebrochen werden ! Ungeschickt, ungeschickt ! Oder braucht LvT mal wieder etwas Eigenwerbung ? dann nehme ich das zurück...
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Zur Person
Lars von Trier, Jahrgang 1956, ist einer der einflussreichsten und streitfreudigsten europäischen Autorenfilmer. Einen ersten Erfolg feierte er 1984 mit seinem Arthouse-Thriller "Element Of Crime". Mit einer Gruppe dänischer Regisseure sorgte er Ende der Neunziger durch das "Dogma"-Manifest für Aufsehen, einem Regelkatalog, mithilfe dessen das Filmemachen in seiner pursten Form betrieben werden sollte - den von Trier allerdings selbst schnell wieder über den Haufen warf. In dieser Zeit entstand die Behinderten-Groteske "Idioten" (1998). Für seine Werke "Breaking The Waves" (1996) und "Dancer In The Dark" (2000) wurde von Trier in Cannes mit der Goldenen Palme geehrt. Weitere Filme: "Dogville" (2003) und "Antichrist" (2009).