Lars von Triers "Dogville" Theater, Theater

Mit seinem Film "Dogville" will der Dogma-Regisseur Lars von Trier gegen die Künstlichkeit Hollywoods rebellieren. Viel mehr als die reichlich reaktionäre Aufzeichnung eines Theaterstücks mit tollen Darstellern ist ihm jedoch nicht gelungen. Dem Kino bringt das nichts.

Von Oliver Hüttmann


Hauptdarstellerin Kidman: Blässliche, fragile Puppe aus Porzellan
Concorde

Hauptdarstellerin Kidman: Blässliche, fragile Puppe aus Porzellan

"Genial". "Ein Glanzstück". "Das neue Meisterwerk von Lars von Trier" - der Beifall für "Dogville" war bei der Premiere in Cannes so frenetisch, dass dabei selbst die für dieses Festival üblichen schrillen Töne des Missfallens untergingen. Was hat der eigensinnige Däne diesmal nur wieder angestellt? Er hat ein Theaterstück gefilmt. Das ist eine Tatsache, die selbst die Befürworter nicht leugnen. Ebenso unstrittig ist jedoch, dass Cannes in diesem Jahr eines der schwächsten Programme seiner Geschichte geboten hat. Vielleicht ist auch damit der Jubel für "Dogville" zu erklären, wenn nicht sogar mit der Entwicklung der Kinos an sich.

"Man kann die Entwicklung des Kinos auf zwei Arten vorantreiben", erklärte Trier in Cannes. "Indem man die Technik forciert oder indem man sie reduziert." Dieses simple Dogma betet er nun schon seit Jahren herunter. Eine Provokation, klar, die jedoch grundsätzlich falsch ist, weil er dadurch selbstgefällig auch die Meilensteine des Films egalisiert. Allerdings machen es ihm seine vor allem im heutigen Hollywood ausgemachten Feinde leicht. Denn der letzte Stand der Technik präsentierte sich an der Croisette mit "Matrix: Reloaded" und lächerlichen sieben Minuten aus "Terminator 3" äußerst langweilig.

Aber was Trier dagegen setzt, ist nicht gerade aufregender. Während er und seine Kollegen noch mit dem Verzicht in ihren Dogma-Filmen dem Kino für einige Momente oft vermisste Wahrhaftigkeit zurückgaben, hat er es nun auf den Ursprung des Schauspiels minimiert - also der gestrigen Form der Künstlichkeit. Das ist starrsinnig, elitär, ja reaktionär. Damit bleibt die Rebellion gegen die Maschinen, der Kampf der Kunst gegen den Kommerz ein weiteres Mal ohne Sieg.

Szenenbild aus "Dogville": Die Welt als Monopolybrett
Concorde

Szenenbild aus "Dogville": Die Welt als Monopolybrett

Gewiss, das Bühnenbild in "Dogville" ist phantastisch, da muss jeder Intendant neidisch sein. Lediglich Rudimente einer Kleinstadt sind zu sehen. Eine lose Fensterfassade, einige Balken stellen eine Silbermine dar, der Kirchturm baumelt an der Decke. Die Grundrisse der Häuser sind mit Kreide gezeichnet, darin stehen vereinzelte Möbel im Leeren, die Türen fehlen. Den Rest muss man sich denken. Wenn jemand anklopft, kommt das Geräusch ebenso vom Band wie das Kläffen eines Hundes. "Dog" steht auf dem Boden geschrieben wie auch die Namen der drei Straßen oder von Bäumen und Büschen. Aus der Vogelperspektive betrachtet wirkt Dogville, ein fiktiver Ort in den Rocky Mountains um 1930, wie ein Monopolybrett, auf dem sich die Bewohner unvergleichlich langsam bewegen. Ein Kunstwerk und eine Installation, an deren Rändern die auf- und untergehende Sonne von Strahlern imitiert wird. Diese Welt ist eine Scheibe, aufgebaut in einer Lagerhalle bei Göteborg.

Großartig ist auch Triers Drehbuch, ein literarischer Bogen von Brechts "Dreigroschenoper" über Thornton Wilders "Unsere kleine Stadt" bis hin zu Dürrenmatts "Der Besuch einer alten Dame", der sich als Film-noir-Drama über Schuld und Sühne, Macht und Eigennutz, das Individuum und der Gemeinschaft schließt. Und über jeden Zweifel erhaben ist ohnehin das Ensemble. Lauren Bacall, Philip Baker Hall, Ben Gazarra, James Caan, Stellan Skarsgård, Cloë Sevigny, Udo Kier, Jean-Marc Barr, Jeremy Davies, Harriert Andersson und natürlich Nicole Kidman. Was hätte das für ein Kinofilm werden können. Statt dessen aber bleibt fast drei Stunden lang der Eindruck, die Schauspieler hätten sich auch locker in einer Reihe aufstellen und vom Skript ablesen können, um eine ähnliche Wirkung zu erzielen.

"Dogville"-Stars Kidman, Bettany: Offen liegende Doppelmoral
Concorde

"Dogville"-Stars Kidman, Bettany: Offen liegende Doppelmoral

Übernatürlich schön ist mal wieder Kidman als Grace, wie eine blässliche, fragile Puppe aus Porzellan. Sie taucht eines Tages alleine und verängstigt im abgelegenen Dogville auf und bittet um Unterschlupf. Der junge Tom (Paul Bettany), der sich Schriftsteller nennt und als moralischer Vorsteher des Dorfes agiert, überzeugt seine Mitbewohner bei der Versammlung in der Kirche, sie aufzunehmen. Als zwei finstere Gangstertypen (Jean-Marc Barr, Udo Kier) vorfahren, verheimlicht er ihnen Graces Aufenthalt. Um das Misstrauen der Menschen von Dogville abzubauen, hilft sie bei jedem aus. Sie pflegt den gebrechlichen Jack (Ben Gazzara) und die Stachelbeersträucher der Ladenbesitzerin Ma Ginger (Lauren Bacall), unterrichtet die Kinder in der Schule und eine Mutter im Orgelspiel. Wie ein Engel bringt sie den kargen Ort und ihre verschlossenen Einwohner zum Leuchten - bis nach Monaten die Polizei erscheint, Fahndungsplakate von Grace aufhängt und die Stimmung kippt.

Vor dem Bösen haben sie Grace noch widerwillig beschützt, aber als Gesetzesbrecherin ist sie nun vogelfrei. Fortan wird Grace von jedem schikaniert und ausgebeutet, von den Männern vergewaltigt und den eifersüchtigen Frauen geschlagen. Als letzte Demütigung wird sie an ein schweres Kutschenrad gekettet, das sie mühsam hinter sich her zieht, gebrandmarkt wie eine Leibeigene. Stumme Gewissensbisse hat nur Tom, der in Grace verliebt ist, gleichzeitig aber ihr die Schuld gibt. Doch als er schließlich bei den Gangstern anruft, deren Boss (James Caan) persönlich erscheint, ist es für Reue zu spät. Statt Seelenheil erntet Dogville das Fegefeuer.

Regisseur von Trier: Hochtrabend und fortschrittsfeindlich
DPA

Regisseur von Trier: Hochtrabend und fortschrittsfeindlich

Der durch keine Wand verstellte Blick durch Dogville macht die Doppelmoral offensichtlich. Wenn Grace von Chuck (Stellan Skarsgårad) missbraucht wird, sieht man die Bewohner ihren Tagesgeschäften nachgehen. Was aber in ihren Köpfen vorgeht, erläutert oft nur ein Erzähler, im Original gesprochen von John Hurt. Die Stimme aus dem Off erwies sich schon bei vielen Filmen als Schwäche in der Dramaturgie, hier aber hat man zusammen mit den tiefsinnigen, gestelzten Dialogen gar das Gefühl, einer Bibelstunde beizuwohnen. Und ebenso vergisst man erst im Schlussakt der neun Kapitel für wenige wirklich gespenstische Minuten, dass alles auf Bühnenbrettern spielt. Am nachhaltigsten fallen einem noch die dramatischen Gesten auf, mit denen immer wieder die imaginären Türen bewegt werden.

Am Ende blendet Trier alte Schwarzweiß-Aufnahmen aus der Zeit der großen Depression ein, Elendsbilder von Familien und Arbeitern, als verdeutliche er, was sich der Zuschauer zuvor vorstellen musste. Daraus Ressentiments gegen Amerika abzuleiten, wie es US-Kritiker getan haben, ist kurzsichtig und in der Überempfindlichkeit einer gerne mal selbstgerechten Nation begründet. "Dogville" ist ein Lehrstück über das abgründige Wesen des Menschen an sich, in der Umsetzung allerdings hochtrabend und fortschrittsfeindlich. Dem Kino bringt das nichts. Aber wenn Lars von Trier demnächst in Bayreuth den Wagner inszeniert, kann man sich auf einen lohnenderen Aufreger gefasst machen.


Dogville
Dänemark, Schweden, Großbritannien, Frankreich Deutschland 2003. Regie/Drehbuch: Lars von Trier. Darsteller: Nicole Kidman, Lauren Bacall, Stellan Skarsgård, Philip Bake Hall, Ben Gazarra, Paul Bettany, Jeremy Davies, James Caan, Cloë Sevigny, Harriert Andersson; Patricia Clarkson, Udo Kier, Jean-Marc Barr. Produktion: Pain Unlimited, Zentropa Entertainment. Verleih: Concorde. Länge: 178 Minuten; Start: 23. Oktober 2003



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