Lars von Triers "The Five Obstructions" Destruktion als Kreation

Der Filmemacher und "Dogma"-Schöpfer Lars von Trier gilt als Schauspieler-Quäler, aber auch Regie-Kollegen sind nicht vor ihm sicher: Jørgen Leth musste nach von Triers Vorgaben einen Film fünfmal neu inszenieren - ein Projekt mit denkwürdigem Ausgang.

Von Oliver Hüttmann


 "Der perfekte Mensch" (Szene aus dem Original von 1967): Eine Perle, die zerstört werden muss
Arsenal

"Der perfekte Mensch" (Szene aus dem Original von 1967): Eine Perle, die zerstört werden muss

Er hat ja Depressionen, heißt es. Kopfschmerzen indes bereitet Lars von Trier gerne anderen. Der Däne drangsaliert seine Schauspieler, bis sie heulend vom Set rennen oder öffentlich schwören, sich nie wieder mit einem wahnsinnigen Regisseur einzulassen. Er nötigt Kinojournalisten, "Dogma", das Regelwerk seiner minimalistischen Filmästhetik, zu studieren. Und mit "The Five Obstructions" schreckte er jetzt Jørgen Leth in Haiti auf, wo der in Dänemark hoch angesehene Filmemacher, Dichter, Sportkommentator und königliche Ehrenkonsul nur noch Zigarren paffen und vormittags Früchte auf dem Markt einkaufen wollte. Leth ist 67 Jahre alt und leidet an - Depressionen.

Von Triers Opfer hatte 1967 den Kurzfilm "Der perfekte Mensch" gedreht. In zwölf Minuten und langen Einstellungen sieht man abwechselnd einen Mann und eine Frau. Ihre Kleidung ist schwarz, der Hintergrund weiß, ein steriles Nichts, das eine sinnliche Eleganz verströmt. Der blonde Mann trägt einen Smoking. Mal tanzt er oder rasiert sich, dann zieht er an einer Zigarre oder speist an einem Tisch. Die brünette Frau trägt ein kurzes Kleid. Sie sitzt oder liegt auf dem Boden und bewegt sich dabei langsam, während die Kamera immer wieder Beine, Hände und Gesicht zeigt.

Es sind schöne, sorglose Menschen wie aus dem Modekatalog. Musterexemplare, begleitet von einer Off-Stimme, die hypnotisch knappe Sätze spricht: "Das ist der perfekte Mensch. Was tut der perfekte Mensch? Er tanzt. Warum macht er das?" Ein ironisches Projekt - und der Lieblingsfilm des Perfektionisten von Trier. Zwanzig Mal will er "Der perfekte Mensch" gesehen haben.

Regisseur von Trier: "Ich muss dich noch mehr in die Enge treiben"
Arsenal

Regisseur von Trier: "Ich muss dich noch mehr in die Enge treiben"

Nun bedauert der Dogma-Star, "diese Perle zerstören zu müssen". Er grinst. Ihm gegenüber sitzt Leth, den von Trier zu einem hinterhältigen, ja sadistischen Selbstversuch überredet hat. Leth soll Szenen aus "Der perfekte Mensch" fünfmal neu drehen. Bei jedem Mal gibt von Trier die Bedingungen vor. Einschränkungen, Hindernisse, Fallen, die Leth herausfordern und es ihm vielleicht sogar unmöglich machen sollen, ein überzeugendes Ergebnis vorzulegen.

Im ersten Fall etwa darf Leth nur zwölf Bilder pro Einstellung verwenden, ein Filmset ist nicht erlaubt. Er muss auf Kuba drehen und außerdem Antworten geben auf die Fragen im Originalfilm. Leth lächelt. "Das ist destruktiv", kommentiert er später. "Aber darauf hat von Trier es ja angelegt. Zwölf Bilder pro Einstellung - das wird ein spastischer Film."

Als Leth wenige Wochen später den fertigen Film vorführt, ist von Trier enttäuscht, weil ihm die Umsetzung gefällt. "Im nachhinein waren die zwölf Bilder pro Einstellung ein Glücksfall für dich", sagt der kunstsinnige Quälgeist. "Vorläufig hast du bestanden. Ich muss dich noch mehr in die Enge treiben."

Nächste Prüfung: die Essenszene aus "Der perfekte Mensch" am schlimmsten Ort der Welt zu drehen. Leth selbst muss als Darsteller fungieren. Also fährt der Gepeinigte ins Armenviertel von Bombay und verspeist im Smoking zu einer teuren Flasche Wein ein leckeres Mahl, während ihn Einheimische großäugig dabei bestaunen.

 "Das wird ein spastischer Film"
Arsenal

"Das wird ein spastischer Film"

Von Trier wollte den sehr kontrollierten Leth emotional herausfordern, brechen, zum Scheitern bringen. Doch Leth lässt sich nicht in die Enge moralischer Skrupel treiben, und deshalb wird von Trier kleinlich. Er erklärt die Vorgaben für nicht erfüllt. "Ich muss dich zurückschicken", sagt er barsch. Leth weigert sich, und von Trier erklärt mit diebischer Freude: "Um meine Autorität zu bewahren, muss ich dich bestrafen."

Es bleibt der einzige wirkliche Disput in diesem Duell zweier Regisseure, die sich auf den ersten Blick ähnlich sind, letztlich jedoch zwei grundverschiedene Typen des Kreativen darstellen. Leth wirkt ruhig, hört konzentriert zu, seine süffisanten Kommentare sind knapp, er lässt sich kaum in die Karten schauen. Und selbst wenn er dreht oder seine Gedanken vor der Kamera zum Ausdruck bringt, reagiert er stets nur auf von Trier. Mondän sieht er dabei aus, mit grauen Haaren und Hornbrille, als hätten die sechziger Jahre nie aufgehört.

Von Trier dagegen, stoppelbärtig und mit obligatorischem Halstuch, lauert stets auf Leths Reaktionen. Er sucht den Konflikt, er stichelt, kritisiert, erläutert, schwärmt und redet dabei vor allem von sich selbst. Redegewandt ist er, charismatisch dabei, aber auch überheblich, unnachgiebig und uneinsichtig. Bei ihrem intellektuellen Schlagabtausch gibt von Trier letztlich mehr von sich preis als Leth, als habe er mit "The Five Obstructions" sein eigenes Porträt inszenieren wollen.

"Der perfekte Mensch" (Remake-Ausschnitt): Schöne sorglose Menschen aus dem Modekatalog
Arsenal

"Der perfekte Mensch" (Remake-Ausschnitt): Schöne sorglose Menschen aus dem Modekatalog

Opfer Leth ist gleichermaßen das erklärte Vorbild, dessen Perfektion von Trier gereizt und gequält haben muss. Womöglich rührt daher sein Drang, alles und alle kaputt machen zu wollen: aus dieser speziellen Mixtur von Hingabe und Aggression, Bewunderung und Sadismus. Von Trier spricht viel von Regeln und Züchtigung, Schikanen und Druck. "Das Beste, was ich von Schauspielern bekommen kann", erzählt er ungefragt, "ist für sie unbefriedigend, für mich aber wichtig." Leth nickt und lächelt.

Für den dritten Film will von Trier zu Leths altem Off-Monolog komplett neue Szenen sehen, dann muss der Regisseur noch einen Zeichentrickfilm machen. Hier muss von Trier bereits geahnt haben, dass ihm sein Vatermord nicht gelingen, Leth alle Aufgaben meistern würde. Tatsächlich sind die Neuinterpretationen brillant: Fasziniert verfolgt man, wie aus einem willkürlich eng geschnürten Korsett ein kreativer Prozes entsteht.

Ohne von Triers Strenge, gesteht Leth ein, hätte er es nicht geschafft. Der wiederum schreibt einen Brief an sich selbst, in dem er sein Scheitern eingesteht. Leth muss ihn vorlesen. Und diese letzte Aufgabe ist der hinterhältigste Kniff, eine Selbstgeißelung, mit der von Trier selbstgefällig doch noch triumphiert.


The Five Obstructions (De fem benspaend)

Dänemark/ Belgien/ Schweiz/ Frankreich 2001-2003. Regie: Jørgen Leth, Lars von Trier. Darsteller: Jørgen Leth, Lars von Trier, Jacqueline Arenal, Claus Nissen, Maiken Algren, Daniel Hernández Rodriguez, Patrick Bauchau. Produktion: Zentropa. Verleih: Arsenal. Länge: 90 Minuten. Start: 8. Juli 2004





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