Holocaust-Drama "Lauf Junge lauf" Geschichte, gehetzt

Ein Achtjähriger entkommt dem Warschauer Ghetto und schlägt sich allein im besetzten Polen durch: Der Kinofilm "Lauf Junge lauf" beruht auf einer wahren Geschichte. Klingt spannend, hat aber einen Haken.

NFP

Gegen Ende von "Lauf Junge lauf" fliegt die Kamera über das Meer vor Tel Aviv. Sie beobachtet die Wellen, das Kräuseln, die Gischt, so wie sie, mit Sinn für die Schönheit der Natur, zuvor polnische Landschaften immer wieder aus der Vogelperspektive gezeigt hatte. Zu den Aufnahmen vom Meer setzt eine Off-Erzählung ein. Die Stimme gehört einem alten Mann, Yoram Fridman, der über sein Leben seit 1945 erzählt, das, als fröhliche Familienpartie mit Frau, Kindern und Enkeln, zugleich in den Blick gerät.

Pepe Danquart will mit "Lauf Junge lauf" von der unerhörten Reise Zeugnis ablegen, die Fridman hierher geführt hat - und zwar mit all der Wucht, die man aus Danquarts dokumentarischen Sportlerheldenerzählungen ("Heimspiel", Höllentour", "Am Limit") kennt. Deshalb ist der Moment des Übergangs von der Spielfilm-Kindheitsgeschichte in den stark ästhetisierten, gleichwohl dokumentarischen Epilog einer der interessantesten von "Lauf Junge lauf".

Der auf Polnisch und Deutsch gedrehte Spielfilm basiert auf Uri Orlevs Jugendbuch gleichen Namens, das 2004 erstmals in deutscher Übersetzung erschien. Es bildet die Irrfahrt von Fridman ab, der, 1942 als Achtjähriger aus dem Warschauer Ghetto entkommen, allein im besetzten Polen überlebte: in Wäldern, unter Brücken, bei Bauern und Partisanen, trotz Denunziationen und einer lebensgefährlichen Verletzung, nach der ihm ein Unterarm amputiert wurde.

Gut, böse, und ein paar Buddy-Witze

Der versucht bruchlose Übergang von der fiktionalisierten Kindheit in die Aufnahmen von Meer und Enkeln ist bemerkenswert: Wo andere Filme, etwa "Unter Bauern" mit Veronica Ferres von 2009, sich mit einem kurzen, betont nicht-inszenierten Bild der heute alten Protagonistin am Rande der Dreharbeiten begnügen, verschweißt Danquart das fiktionalisierte Erzählen und den Wahre-Geschichte-Beweis. Man kann darin eine zugespitzte Form von Bekräftigung erkennen, die von Premieren des Films auch als Zitat überliefert ist: dass Fridman als erster Experte seiner Biografie dem Film durch das Mittun das "So war es"-Zertifikat ausstellt.

Auch wenn es natürlich nicht so war, wie der Film es verdichtet: Die Station auf dem Hof, auf dem der Junge (abwechselnd gespielt von den Zwillingen Andrzej und Kamil Takcz) seinen Arm verliert, dauert von der Ankunft bis zum Unfall gerade zweieinhalb Minuten. Für den Film bedeutet solche ereignisfixierte Handlungseffizienz, dass viel Stoff als Text erklärt und wenig in Bildern erzählt werden kann. So bekommt Jurek, während er auf dem Strohwagen liegend das erste Mal auf das Gut einfährt, etwas über die Besitzerin (Jeannette Hain) erzählt, von der er sogleich sagen kann, dass sie nett aussehe. "Lauf Junge lauf" hat keine Zeit: Ein verletzter Hund wird gerettet. Jurek verbindet die Wunde. Nächste Szene: "Na, wie geht's deinem Wolf?" - "Besser."

In Danquarts emotionalisierender Inszenierung, bei der die Streicher schon beim ersten Bild höchste Höhen erklimmen und die herrlichen Landschaftsaufnahmen mit gekonnt lumpig ausgestatteten Kindern auch anschlussfähig sind an heutige "Landlust"-Vorstellungen, reihen sich lauter Momente aus dem Bilderfundus des deutschen Holocaust-Films aneinander: der böse Deutsche ("Einen Juden operier' ich nicht"), der gute Deutsche ("Gestern hätten wir noch seine Hand retten können, heute müssen wir um sein Leben kämpfen"), der fiese Nazi in Stiefeln und Uniform, die herzlichen Verstecker, die kaputten Füße, die fahlen Gesichter. Wäre der Film ein Fußballspiel, er bestünde fast nur aus Freistößen.

Auch wenn "Lauf Junge lauf" an ein jüngeres Publikum gerichtet sein mag, wirken seine Vereinfachungen, die durch die Synchronisation verstärkt werden, ungelenk bis selbstgefällig. Gut, böse und ein paar Buddy-Witze. Die Wucht seiner Geschichte setzt der Film immer schon voraus; fast scheint es so, als müsse Danquart das Umfeld seiner Geschichte deshalb nicht erst etablieren, weil man es schon aus anderen Filmen kennt. Das ist allerdings eine schlechte Motivation, um überhaupt im Kino zu erzählen.

Lauf Junge lauf

    D/PL 2013

    Regie: Pepe Danquart

    Buch: Heinrich Hadding, Pepe Danquart nach dem gleichnamigen Buch von Uri Orlev

    Darsteller: Andrzej Tkacz, Kamil Tkacz, Elisabeth Duda, Rainer Bock, Jeanette Hain, Itay Tiran

    Produktion: Bittersüß Pictures, Ciné-Sud Promotion, Quintefilm et al.

    Verleih: NFP Marketing

    Länge: 112 Minuten

    Start: 17. April 2014

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insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
Peter Bering 17.04.2014
1. Einseitigkeit ist Geschichtsverfälschung so gut wie Lügen.
Zitat von sysopNFPEin Achtjähriger entkommt dem Warschauer Ghetto und schlägt sich allein im besetzten Polen durch: Der Kinofilm "Lauf Junge lauf" beruht auf einer wahren Geschichte. Klingt spannend, hat aber einen Haken. http://www.spiegel.de/kultur/kino/lauf-junge-lauf-holocaust-drama-von-pepe-danquart-a-964517.html
Wann kommen zum Beispiel die Spielfilme bzg Massenmorde durch Stalin und seine Helfer? "Holodomor" in der Ukraine z.B?
trafozsatsfm 17.04.2014
2. Fragen Sie die Russen!
Zitat von Peter BeringWann kommen zum Beispiel die Spielfilme bzg Massenmorde durch Stalin und seine Helfer? "Holodomor" in der Ukraine z.B?
Wieso sollte ein deutscher Regisseur einen Film über sowjetische Verbrechen drehen? Meine Eltern haben mir einen klugen Spruch beigebracht: "Jeder kehre zuerst vor seiner eigenen Haustür."
longshanksedward8 17.04.2014
3. Die letzten Hexenverbrennungen
waren so um 1739 herum in Deutschland. Könnten wir bitte auch da einen Film drehen? Ist noch gar nicht so lange her. Dieselbe Geschichte fand übrigens auch gerade aktuell im Kongo statt, im Grunde ein reiches Land, daß von den Importeuren von seltenen Erden zum ärmsten Land der Welt gemacht worden ist. Vielleicht wäre da ein Filmchen über kongolesische Kinder auf der Flucht ganz nett. Nicht gegen die Erlebnisse von Herrn Uri Orlevs. Aber es gibt einfach viel zu viele aktuelle Bezüge um die sich ein guter Film drehen kann. Wer hat denn den Film finanziert?
e-ding 17.04.2014
4. ...
Zitat von trafozsatsfmWieso sollte ein deutscher Regisseur einen Film über sowjetische Verbrechen drehen? Meine Eltern haben mir einen klugen Spruch beigebracht: "Jeder kehre zuerst vor seiner eigenen Haustür."
Wir kehren ja schon fleissig und sollten dies auch weiterhin tun, nur ist es immer etwas blöd, wenn der Nachbar uns stetig daran erinnert, obwohl sich auch in dessen Vorgarten so einiges angesammelt hat.
trafozsatsfm 17.04.2014
5.
Zitat von e-dingWir kehren ja schon fleissig und sollten dies auch weiterhin tun, nur ist es immer etwas blöd, wenn der Nachbar uns stetig daran erinnert, obwohl sich auch in dessen Vorgarten so einiges angesammelt hat.
Wen genau meinen Sie mit den "Nachbarn"? Die Polen, Dänen, Franzosen und Niederländer? Nun ja, dass die uns gerne daran erinnern, mag daran liegen, dass deutsche Truppen irgendwann mal bei denen im Vorgarten standen und die einheimischen Juden abgeführt haben. Ich schätze, das war ein einschneidendes Erlebnis! Und vergleichbare Dreckhaufen kann ich in der Geschichte dieser Völker nicht finden. Okay, die Franzosen waren auch nicht ganz ohne: Die Bartholomäusnacht oder der "Große Terror" der Französischen Revolution waren auch extrem "unschön" - aber im Vergleich zum Holocaust geradezu ein Kindergeburtstag. Bleiben die Russen. Stalin und seine Schergen haben auch Millionen auf dem Gewissen. Allerdings wüsste ich nicht, bei welcher Gelegenheit uns gerade die Russen in letzter Zeit an den Holocaust erinnert hätten...
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