Laura Tonke "Ab und zu wird man halt vergessen, das ist normal"

Es läuft für Laura Tonke: Gleich zweimal ist die Schauspielerin für den Deutschen Filmpreis 2016 nominiert. Sie spricht aber auch unverstellt über die Tiefpunkte in ihrer Karriere.

Pandora

Von Carolin Weidner


Laura Tonke geht es gut. Unbefangen tritt sie in das viel zu große Zimmer dieses Hotels, in dem nichts weiter steht als drei bunte Polstersessel. Schwarz, Gelb, Blau.

Quasi in doppelter Funktion ist Tonke hier: Zweimal ist sie für den Deutschen Filmpreis nominiert. Und heute ist Nominiertentag im Hotel am Kurfürstendamm. Ein kleines Buffet hat man aufgebaut, aber mit Laura Tonke im Riesensaal ist es schöner. Ihre unzeremonielle Art macht die Stimmung schnell intim, die ungebrauchten Meter um das Sesselarrangement verschwinden.

Für die beste weibliche Hauptrolle ist sie nominiert. In Sonja Heiss' "Hedi Schneider steckt fest" hat sie die Hedi Schneider gespielt, eine irgendwie vertraute, unauffällige und liebenswerte Person mit kleiner Familie und Brotjob, eine Frau, der, scheinbar über Nacht, der Boden unter den Füßen abhandenkommt. Nominierung Nummer zwei: beste weibliche Nebenrolle in "Mängelexemplar" von Laura Lackmann, deren Debütfilm. Tonke und Lackmann sind Freundinnen.

Zunächst aber zu "Hedi Schneider", die Tonkes Leben "jetzt schon total verändert hat". Warum?

"Ich bekomme jetzt viel interessantere Angebote und wenn ich zum Casting gehe, dann sind die Leute nett zu mir." Tonke kennt beides: Wie es ist, wenn es gut läuft. Und auch, wenn nicht. Eine Besonderheit: Sie spricht darüber, geniert sich nicht. Laura Tonke steigt haltlos auf Fragen ein.

Für "Hedi Schneider steckt fest" ist Tonke als beste Hauptdarstellerin für den Deutschen Filmpreis nominiert
DPA/ Pandora Film

Für "Hedi Schneider steckt fest" ist Tonke als beste Hauptdarstellerin für den Deutschen Filmpreis nominiert

Und so ist es auch mit ihrem Spiel. Da scheint nichts zu stehen zwischen der Rolle und der Person. Ein Prinzip, für das Laura Tonke vielleicht gar nichts kann. Es gibt dem Zuschauer aber viel. Gleichsam sorgt es aufseiten der Schauspielerin auch für Verletzlichkeit.

Laura Tonke ist noch ein Teenager, als sie Anfang der Neunziger auf einem West-Berliner Schulhof für einen Film gecastet wird. In was für einem Film sie da eine Rolle übernehmen soll und wer Regie führt - das sind Fragen, die zunächst nicht von Interesse sind. "Ich habe in einem Film mitgespielt, weil ich in einem Film mitspielen wollte. Damals habe ich gedacht: Ja, der läuft dann wahrscheinlich im Royal Palast. Den gab es damals noch, so ein fettes Kino in Charlottenburg. Die größte Leinwand Europas. Da lief er aber komischerweise nicht."

Der Film heißt "Ostkreuz" und der Regisseur Michael Klier. Autorenkino, sehr gutes sogar. Klier war Volontär bei François Truffaut, hat mit Harun Farocki gearbeitet und wurde für seinen ersten Spielfilm "Überall ist es besser, wo wir nicht sind" 1989 vielfach ausgezeichnet.

Tonke in ihrer ersten Filmrolle in Michael Kliers "Ostkreuz" von 1991
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Tonke in ihrer ersten Filmrolle in Michael Kliers "Ostkreuz" von 1991

Als "Ostkreuz" 1991 erscheint, ist er bald fünfzig. Der Film erfährt viel Lob. Nicht zuletzt auch wegen Laura Tonke als Elfie, die mit ihrer Mutter (Suzanne von Borzody) kurz nach Maueröffnung in einem West-Berliner Containerlager lebt. Trostlos ist es dort und das Mädchen fast noch ein Kind, wenn auch ein trauriges, schlaksig und in sich gekehrt. Mit zwei Kumpeln zieht sie durch eine baufällige Stadt, dreht ein paar krumme Dinger, ist dennoch allein.

Eine Filmfigur, die man nicht vergisst

Tonke als Elfie ist eine Filmfigur, die man nicht vergisst. Etwas Ikonisches haftet an ihr, etwas Zerbrechliches, das außerdem zäh ist. Manchmal gibt es so etwas, dass sich in einer einzigen Figur eine komplexe Gefühlsgemenge zusammenzurrt. So war es in Agnès Vardas "Vogelfrei" mit Sandrine Bonnaire, so war es in Kelly Reichardts "Wendy and Lucy" mit Michelle Williams.

"Ostkreuz" ist schon eine Weile her. Laura Tonke hat zwischenzeitlich weitere Filme gedreht, auch einen zweiten mit Michael Klier, "Farland" von 2004. Um diese "Farland"-Zeit war es auch, dass Laura Tonke sich nicht mehr glücklich fühlte mit der Schauspielerei. "Da war ich an einem Punkt, an dem ich ganz aufhören wollte. Michael Klier musste mich regelrecht überreden. Aber ich wollte nicht mehr, ich wollte nicht mehr in dieser Maschinerie sein. Wo man ausgesucht wird und als 'zu irgendwas' empfunden wird oder nicht 'so und so genug'. Diese passive Position wollte ich nicht mehr. Ich wollte mein Leben so nicht mehr leben."

RP Kahl hat diese Verfassung in seinem Interview-Film "Mädchen am Sonntag" von 2005 gut eingefangen. Vier Jungschauspielerinnen lässt er in ihm zu Wort kommen, zeigt Katharina Schüttler, Nicolette Krebitz und Inga Birkenfeld in unterschiedlichen Umgebungen. Schüttler fährt Schlitten, Krebitz hüpft durchs Moor, Birkenfeld sitzt an einem See. Und Laura Tonke bewegt sich von einem eingenebelten Tag am Meer zurück ins Hotel, liegt mit Weintrauben im Bett und bei Kerzenschein in der Badewanne. Ist gelöst und ein bisschen schnodderig, offen, witzig, auch irgendwie enttäuscht. Ungefiltert eben.

Tonke zusammen mit Claudia Eisinger in "Mängelexemplar" - die zweite Rolle, für die Tonke für den Filmpreis nominiert ist
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Tonke zusammen mit Claudia Eisinger in "Mängelexemplar" - die zweite Rolle, für die Tonke für den Filmpreis nominiert ist

Auf einem Sofa im Hotelzimmer hockend erzählt sie im Film, befragt zum Thema "Traumberuf Schauspielerin": "Ich habe mir das immer ganz anders vorgestellt. Dass ich mit 18 schon ein Superstar bin und mit 20 nicht mehr weiß, wohin mit dem Geld und mit 21 überlege, ein Parfum zu kreieren. Und dann habe ich mit 21 festgestellt, dass ich über ein Jahr lang gar nichts gearbeitet habe."

Laura Tonke spielt nach "Ostkreuz" in Tom Tykwers "Winterschläfer" (1997), im selben Jahr in "Just Married" von Rudolf Thome. In ihm ist sie die "Kinoprinzessin" Frangipani Klein, die den "Kinoprinzen" Friedrich Bär (Herbert Fritsch) ehelicht. Eine Vermählung im Lichtspielhaus-Milieu, vielleicht Dimension Royal Palast. Laura Tonke war Anfang 20, als sie als viel jüngere Frangipani mit diesem Friedrich nach Italien reiste. In einem weißen, langen Auto, das sie selbst steuerte und auf dessen Rückscheibe sie die Worte "Just Married" geschrieben hatte. Weißer Farbe und Aufschrift zum Trotz: Das Auto sah aus wie ein Leichenwagen. Alles war in dieser Rolle enthalten: Mädchenhaftes, Frauliches, Romantisches, Kalkül. Als Frangipani Klein musste sich Laura Tonke zu allen Seiten hin ausstrecken. Eine Schwellenrolle zwischen Kind- und Ehefrau. Sehenswert.

"Man ist entweder gefragt, oder man ist es nicht"

Genauso wie in Hanno Hackforts "Junimond" (2002) oder als Gudrun Ensslin in "Baader" (2002) von Christopher Roth an der Seite von Frank Giering. Doch zwischendrin: die Warterei. "Mir gehts super, wenn ich arbeiten kann", sagte Tonke in "Mädchen am Sonntag". Und heute, im anderen Hotel: "Man ist entweder gefragt, oder man ist es nicht. Man wird entweder auf Partys gegrüßt, oder man wird es nicht. Das muss man gar nicht persönlich nehmen, das ist einfach so. Wenn so etwas passiert wie 'Hedi', dann sehen dich auf einmal alle Leute und sagen 'Hallo'. Die Jahre davor hatte ich ein Kind bekommen und einfach lange nichts Großartiges mehr gemacht. Es ist ja ein Business, und man ist für die Leute dann nicht mehr interessant. Die haben höchstens Angst, dass man was von denen will." Und sie fügt an: "Ab und zu wird man halt vergessen, das ist normal."

Wie lernt man, mit diesen Auf und Abs umzugehen? Tonke hat sich auf andere Felder verlegt, ist Teil der deutsch-britischen Performancegruppe Gob Squad geworden. "Gob Squad ist das Gegenteil von diesem passiven Schauspielerdasein. Entscheidungen werden selbst gefällt, es gibt ja keinen Regisseur."

Und dann ist da noch das Zeichnen. "Meine schönste Zeit - Facebook-Graffitis Okt 2008 - März 2009" ist 2009 im Berliner Maas Media Verlag erschienen und zeigt genau das: Facebook-Graffiti. Kleine digitale Kritzeleien, humorvoll und gescheit. Pixelgesichter und -monster, Situationen als Comic adaptiert, komplizierte Zustände, für die die Worte fehlen. Und da ist auch wieder Freundin Lackmann: Demnächst veröffentlicht sie ihren ersten Roman, den Tonke illustriert hat.

"Gerade ist alles ziemlich nett", findet Laura Tonke. Und fragt am Ende des Gesprächs, wann wir denn die restlichen Fragen bereden würden, für die die Zeit leider nicht gereicht hat. "Mal sehen, wie es bei uns beiden läuft", sage ich.


Der Deutsche Filmpreis wird am Freitag, 27. Mai, verliehen. Die ARD zeigt die Gala in einer Zusammenfassung ab 22.00 Uhr.



insgesamt 5 Beiträge
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c.m.johannsen 26.05.2016
1. Prima!
Ja, neue Gesichter braucht das Land. Und fangt endlich an, gute Projekte zu machen, nicht diesen ör und pr Heititei-Einheitsbrei. Es wird Zeit, dass man hier für mehr Abwechslung bei den Schauspielerinnen und Schauspielern sorgt. Seit Anfang der 2000er hat man den Eindruck, dass immer nur dieselben Gesichter zum Zuge kommen. Und, bitte, endlich, liebes Feuilleton, liebe Kritikerinnen und Kritiker: Man muss nicht immer den Hamlet gespielt haben, um ein guter Schauspieler zu sein (Eidinger und Minichmayr findet nicht jeder toll). Akzeptiert auch mal bunte, frische Stoffe und schreibt nicht alles in Grund und Boden, was nicht in Euer Bücherregal passt (z. B. Schweiger). Letztendlich zählt auch immer noch das Publikum, das natürlich nicht dumm gehalten werden soll aber auch nicht auf die vierte Metaebene geführt werden will und muss.
c.m.johannsen 26.05.2016
2. Ach, und noch was!
Macht endlich wieder Serien wie Dominik Grafs "Im Angesicht des Verbrechens". Das war große Unterhaltungs- und Aufklärungskunst mit frischen, jungen Gesichtern. Echt, jetzt mal: Iris Berben kann in Rente gehen.
c.m.johannsen 26.05.2016
3. Entschuldigung, Frau Berben!
Natürlich nicht in Rente. Schauspielern Sie weiter. Aber Sie und Ihresgleichen müssen auch mal ein wenig Platz machen.
Adlatus 26.05.2016
4. Glückwunsch
Das freut mich für Laura Tonke, eine großartige Schauspielerin die für mich zum großen "Quartett" gehört wie Susanne Bormann, Johanna Klante und Nicolette Krebitz.
Adlatus 27.05.2016
5.
Zitat von c.m.johannsenMacht endlich wieder Serien wie Dominik Grafs "Im Angesicht des Verbrechens". Das war große Unterhaltungs- und Aufklärungskunst mit frischen, jungen Gesichtern. Echt, jetzt mal: Iris Berben kann in Rente gehen.
Wir haben doch neue Gesichter: Preuß Nora Tschirner Noch ein paar gefällig! (Breites Grinsen) Im Übrigen, Laura Tonke, Susanne Bormann, Nicolette Krebitz und Johanna Klante sind auch nicht mehr taufrisch und seit Jahren im "seriösen" Film- und Fernsehgeschäft wie auch auf den Theaterbühnen erfolgreich zuhause! Allerdings drehen die erfolgreichen Damen nicht so "geistreiche" Komödien wie von Schweiger und dem unsäglichen andreren deutschen Schauspieler der einen elendigen jungen Schiller im Fernsehen spielte, wie heißt er denn gleich dieser "Komödiant"? Ach ja Schweighöfer.
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