Kino-Epos "Laurence Anyways": Mann wird Frau, liebt seine Frau aber weiterhin

Von Daniel Sander

Gefühle sind stärker als das Geschlecht: Mit dem ebenso epischen wie ungewöhnlichen Liebesfilm "Laurence Anyways" will das 24-jährige Regiewunder Xavier Dolan aus Kanada beweisen, dass er Substanz genauso gut kann wie Stil. Und das gelingt ihm auch.

Laurence und seine Freundin Fred haben das Glück gefunden, das große sogar. Zusammen leben sie in ihrer bunt bemalten Wohnung in Montreal, sie sind beide Mitte Dreißig, die achtziger Jahre gehen zu Ende, und die ganze Spießerwelt kann sie mal, so lange die beiden einander haben. Er hat einen guten Job als Literaturdozent an der Uni, sie ist Aufnahmeleiterin beim Film, sie haben sich immer etwas zu erzählen und noch mehr miteinander zu lachen. Laurence hat keinen Zweifel, dass Fred die Frau ist, mit der er den Rest seines Lebens verbringen will.

Das Problem ist nur, dass ihm irgendwann bewusst wird, dass er den Rest seines Lebens auch lieber eine Frau sein möchte. Freds Welt fällt in sich zusammen, sie will weg, aber Laurence bittet sie zu bleiben. Sie weiß, dass sie ihn liebt, aber sie fragt sich, ob sie ihn auch als Frau lieben kann. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als es zu versuchen. Die Spießer da draußen dürfen nicht gewinnen.

"Laurence Anyways", der dritte Film des kanadischen Regisseurs Xavier Dolan, ist die Geschichte von zwei Menschen, die um ihre Liebe kämpfen, wenn niemand glaubt, dass diese Liebe noch möglich ist. Zehn Jahre lang begleitet der Film Laurence (Melvil Poupaud) und Fred (Suzanne Clément) auf ihrem Weg, den sie unbedingt zusammen gehen wollen. Erst aufgeputscht von der eigenen Courage, dann mit wütender Entschlossenheit gegenüber allen Ignoranten. Sie werden unter den eigenen Erwartungen zusammenbrechen und auseinanderdriften, feststellen, dass sie sich etwas vorgemacht haben. Und doch immer wieder den anderen suchen, weil es einfach keinen anderen für sie geben kann.

Sinnlichkeit, Feuerwerk, Spektakel

Knapp 170 Minuten dauert dieser Film, und es wird einige Leute geben, die jede einzelne davon hassen werden. Die ständigen schwelgerischen Zeitlupensequenzen. Den knalligen Hipster-Schick. Die endlosen Dialoge und Monologe, die immer nach der ganz großen Bedeutung greifen. Den trotzigen Willen, ein Kunstwerk sein zu wollen. Und das von einem Regisseur, der gerade 24 Jahre alt ist. Was denkt der sich eigentlich?

Aber genauso sehr kann man all das an "Laurence Anyways" lieben. Für seine ersten beiden Filme, die Farce "I killed my Mother" und die Dreiecks-Liebesgeschichte "Herzensbrecher", wurde Dolan schon als aufregendes Talent gefeiert, aber sie wirken im Verhältnis zu seinem neuen Werk wie verspielte Fingerübungen. In "Laurence Anyways" ist alles übergroß: die Gefühle, die Bilder, das Leben und die Liebe, vor allem die Liebe. Zum ersten Mal spielt er nicht selbst die Hauptrolle (er gönnt sich nur einen Hitchcock-mäßigen Kurzauftritt als Gast während einer Party-Szene) und überlässt das Feld zwei phantastischen Darstellern, die es schaffen, eine über allen Wolken schwebende Geschichte auf den Boden der normalen Welt zu holen, sie echt werden zu lassen.

Wenn Dolan früher etwas vorgeworfen wurde, dann meist, dass ihm Stil über Substanz gehe, dass er für wenig Inhalt nur eine sehr hübsche Verpackung finde. In "Laurence Anyways" ist die hübsche Verpackung nun bis zum Rand gefüllt mit nichts mehr als einer epischen Liebesgeschichte, die geduldig und voller Zuneigung von allen Seiten ausgeleuchtet wird. Es ist kein Film über den Kampf einer Transsexuellen für gesellschaftliche Anerkennung, dazu ist Laurence und Fred die Gesellschaft viel zu egal. Es geht nur um sie beide und die Frage, ob sich mit dem Körper eines Menschen vielleicht auch seine Seele ändert. Und auf so eine große Frage antwortet man nicht mit einem leisen Hauch. Xavier Dolans Sprache ist pure Sinnlichkeit, Feuerwerk und Spektakel, und es gibt im Moment keinen anderen Regisseur, der sie so gut spricht wie er.

Bei den Filmfestspielen in Cannes wurde "Laurence Anyways" 2012 in der Nebenreihe "Un Certain Regard" gezeigt, Suzanne Clément gewann den Preis als beste Darstellerin. Xavier Dolan war trotzdem ziemlich enttäuscht. Er fand, der Film hätte in den offiziellen Wettbewerb gehört.

Er hat absolut recht.


Laurence Anyways. Start: 27.6. Regie: Xavier Dolan. Mit Melvil Poupaud, Suzanne Clément, Monia Chokri.

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insgesamt 18 Beiträge
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1. Immer wieder...
tinafr 27.06.2013
...verbreiten die Medien das gleiche transphobe Vorurteil: Eine transsexuelle Frau ist ein Mann, der Frauenkleidung trägt und lieber eine Frau sein möchte. Konsequent wird daher immer - so auch hier - das männliche Personalpronomen gewählt. Die moderne Hirnforschung spricht eine andere Sprache. Es ist seit Jahren bekannt, dass die Aussage von transsexuellen Menschen, sie hätten den falschen Körper, tatsächlich der Wahrheit entspricht. Das Gehirn von Transfrauen weist weibliche Strukturen und weibliche Aktivierungsmuster auf. Auf diesen Umstand haben Menschenrechtsbewegungen schon unzählige Male hingewiesen. Trotzdem stellen Journalisten immer wieder transsexuelle Frauen als gestörte Männer dar, die irgendwie einem Wunschdenken nachgeben. Die Folgen dieser flächendeckenden transphoben Falschdarstellung sind verheerend. Kommentare wie "die sollen sich mal beherrschen" oder "manche denken auch, sie seinen Napoleon" sind unter Artikeln zum Thema an der Tagesordnung und zeugen von Unwissen. Unwissen verursacht durch die ständige Wiederholung der falschen Darstellung. Wie sagte der Autor Oliver Hassenkamp mal so richtig? "Immer wieder behauptete Unwahrheiten werden nicht zu Wahrheiten, sondern was schlimmer ist, zu Gewohnheiten." Der Film mag gut sein, der Artikel darüber ist es nicht.
2. optional
achimedes 27.06.2013
Es geht hier nicht um die Stigmatisierung einer individuellen Lebensform. Nein, aber das herrausstellen eignet sich aber auch für den Verdacht, das die Menschheit sich durch Umweltprobleme oder dergleichen dezimieren könnte, sich selbst adoptieren könnte, hin zu diesen neuen Wandel und Exodus.
3.
tetaro 27.06.2013
Zitat von tinafr. Die moderne Hirnforschung spricht eine andere Sprache. Es ist seit Jahren bekannt, dass die Aussage von transsexuellen Menschen, sie hätten den falschen Körper, tatsächlich der Wahrheit entspricht. Das Gehirn von Transfrauen weist weibliche Strukturen und weibliche Aktivierungsmuster auf. Auf diesen Umstand haben Menschenrechtsbewegungen schon unzählige Male hingewiesen.
Kann ja alles sein. Was mir aber mal jemand erklären müsste ist, wie solche Probleme eigentlich zum ausschließlichen Lebensinhalt werden können. Die Tatsache, dass man sich in seiner selbstzuerkannten Rolle nur wenig anerkannt fühlt, haben die meisten Menschen, ohne jemals ein Wort darüber zu verlieren. Ok, ich bin ein Ignorant, aber man darf mich durchaus belehren.
4.
nichtdenken 27.06.2013
Zitat von tinafr...verbreiten die Medien das gleiche transphobe Vorurteil: Eine transsexuelle Frau ist ein Mann, der Frauenkleidung trägt und lieber eine Frau sein möchte. Konsequent wird daher immer - so auch hier - das männliche Personalpronomen gewählt. Die moderne Hirnforschung spricht eine andere Sprache.
ich verstehe zwar den punkt, halte diese argumentation aber dennoch für gefährlich. in der westlichen welt ist zunehmend die modeerscheiung zu beobachten, eigene handlungen neurobiologisch-deterministisch zu rechtfertigen. man sollte sorgfältig überlegen, welche geister man mit einem solchen argumentationsschema ruft, denn sie könnten nur noch schwer abzuschütteln sein... erstens sind die neurobiologischen zusammenhänge eigentlich noch völlig unzureichend erforscht und die populärwissenschaftlichen folgerungen, die aus den bekannten tatsachen gezogen werden, reine spekulation. zweitens ist es fraglich, ob es tatsächlich die rechte von diskriminierten minderheiten stärkt, wenn man ihnen mit dem "die können nichts dafür"-argument beispringt. ich mein, warum ist denn ein mann, der den wunsch hat, eine frau zu sein zwangsläufig schlechter als ein mann, der neuroobiologisch determiniert ist, wie eine frau zu fühlen? letztendlich wird hier nur eine neue art des schubladendenkens installiert, das die "guten" anderstickenden von den "schlechten" unterscheidet. ob man nun das männliche personalpronomen wählen muß - nun gut. aber es wird halt grammatisch auch sehr kompliziert, wenn man versucht, über diese zusammenhänge zu schreiben. einige genderaktivisten sollten da vielleicht mal acht geben, ob sie nicht selbst eine blockwartmentalität an den tag legen.
5. Aber tinafr,
chris4you 27.06.2013
ist das genderlike? Wo doch dass alles nur anerzogen ist, da können die sich doch beherrschen oder? Ok, Ironie aus, die Problematik ist nicht einfach darzustellen, und ein Hirnscann mit unterschiedlichen Strukturen kommt im Kino wahrscheinlich nicht gut an... Also muss ein Kompromiss her... Finde ich aber gut, das diese Thema mal aufgegriffen wird, mit Spannung erwarte ich das Feedback der Konservativen, der hardcore Feministinen... :-)
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