US-Gesellschaftspanorama "Leave No Trace" "Sich nur zu ekeln, ist nicht komplex genug"

Ihr letzter Film machte aus Jennifer Lawrence einen Star - nun legt US-Regisseurin Debra Granik "Leave No Trace" vor: ein außergewöhnliches Vater-Tochter-Drama, das hochpolitisch und versöhnlich zugleich ist.

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Debra Granik ist noch immer erstaunt. "Wie viele Befürchtungen wir doch haben: Dass den beiden was wirklich Schlimmes passieren muss!" Die beiden sind Vater Will (Ben Foster) und seine Teenager-Tochter Tom (Thomasin McKenzie) aus Graniks neuem Film "Leave No Trace".

Dass man als Zuschauerin erwartet, dass ihnen etwas zustößt, ist nicht ganz unbegründet. Zum einen ist Will schon etwas Schlimmes passiert: Er hat im US-Militär gedient und ist durch einen Kriegseinsatz so schwer traumatisiert, dass er sich zusammen mit seiner Tochter aus der Zivilisation zurückgezogen hat und nun als Selbstversorger in einem großen Park am Rande von Portland, Oregon, lebt.

Und zum anderen ist auch in Debra Graniks anderen Filmen bereits Schlimmes geschehen: In "Winter's Bone", der die damals unbekannte Jennifer Lawrence zum Star machte, ihr eine Schauspiel- und Granik eine Drehbuch-Oscar-Nominierung einbrachte, fischte Lawrence' Figur Leichenteile ihres eigenen Vaters aus einem See.

Eine Baumschule wird zum Kriegsschauplatz

Die Sorgen um das Vater-Tochter-Gespann, die man in "Leave No Trace" mitbringt, sind für Granik trotzdem bezeichnend: "Die Politik und die Kultur des Runtermachens werfen für mich die Frage auf: Leben wir in einem Zeitalter, in dem unsere Erwartungen und unser Mitgefühl schwinden, was das Schicksal anderer Leute betrifft? Sind wir zurückgeworfen auf einen Punkt, an dem wir erwarten, dass das Leben immer nur fies, brutal und kurz ist?"

Zu sagen, dass es Granik ist, die in "Leave No Trace" mit unseren Erwartungen spielt, wäre tatsächlich irreführend. Denn Granik manipuliert nicht. "Zur Hälfte bin ich immer noch Dokumentaristin", sagt sie. Bevor die 55-Jährige 2004 ihr Spielfilmdebüt vorlegte, arbeitete sie als Kamerafrau für Dokumentarfilme. "Ich nutze immer meine dokumentarischen Techniken, damit meine Notizen so genau wie nur irgend möglich sind. Als ich nach Oregon fuhr, habe ich es wie ein Forschungsfeld betrachtet: Was für Landwirtschaft gibt es hier? Wie wird sie betrieben?"

Debra Granik
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Debra Granik

Der offene Blick Graniks macht sich in ihren Filmen bezahlt, denn ihre Details sind ebenso überraschend wie stimmig. In "Leave No Trace" ist es zum Beispiel die Beobachtung, dass in Oregon gefällte Bäume mit Helikoptern transportiert werden, die für eine unerträglich intensive Szene sorgen: Veteran Will fühlt sich an seine Kriegseinsätze erinnert und wird von Panik ergriffen. "Ich will damit kein großes politisches Statement machen, aber ich konnte es einfach nicht ignorieren, dass ich mich wie inmitten einer Kampfhandlung fühlte", sagt Granik über ihre Recherchen bei einer Baumschule.

Zwei Fische an Land

"Leave No Trace" (dt.: Hinterlasse keine Spur) ist voll von solchen Beobachtungen, denn Will und Toms Unterschlupf im Forest Park von Portland fliegt bald auf. Sozialarbeiter nehmen sich der beiden an und sorgen dafür, dass sie auf dem Land unterkommen, wo Will als Hilfsarbeiter in der Landwirtschaft arbeiten kann und Tom zur Schule geht. Als zwei "fish out of water" schauen Tom und Will aus verschiedenen Perspektiven auf das ländliche Leben in den USA: Tom mit der Neugier eines jungen Menschen, der seinen Platz in der Welt sucht; Will mit Verzweiflung, weil er weiß, dass es diesen Platz für ihn nie geben wird.

Der Film verbindet beide Perspektiven zu einem Blick, der absolut unverstellt wirkt und den Zuschauer darauf zurückwirft, was er selbst von den Szenerien hält: dem Ausdruckstanz während eines Gottesdienstes, dem Kaninchenzüchter-Wettbewerb, den Abenden am Lagerfeuer im Trailer-Park.

Das Ergebnis ist ein Film, der hochpolitisch ist, da er nicht ausblendet, welche Erfahrungen und Umstände seine Figuren geprägt haben - Wills Kriegseinsatz etwa oder die wachsende Skepsis gegenüber staatlicher Fürsorge, die den Selbstversorger-Ethos befeuert. Er wirkt aber zugleich versöhnlich, da er diese Umstände nicht in den Vordergrund rückt und durch ein parteipolitisches Prisma betrachtet. Ob die Figuren in dem Film Trump-Wähler sind oder nicht, stellt sich als Frage nicht, denn hier wird tieferen Dynamiken nachgespürt: Unter welchen Bedingungen sich Menschen begegnen, erkennen und für einander da sein können.

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"Leave No Trace": Am liebsten verschwinden

"Das Politische mag sich hier mitunter neutral ausnehmen", sagt Granik. "Aber das liegt daran, dass ich versuche, mich zu öffnen und zu verstehen, wer diese Leute sind, mit denen ich mein Land teile." Als unpolitisch will sich Granik, die sich selbst "progressiver Mensch aus der Mittelschicht und von der Ostküste mit Universitätsbildung" charakterisiert, aber nicht verstanden wissen. "Natürlich habe ich Meinungen, natürlich fühle ich Entfremdung angesichts der aktuellen Politik. Ich lebe mein Leben nicht als neutraler Mensch, aber in meiner Arbeit empfinde ich es als Verpflichtung, so genau und unvoreingenommen wie möglich zu sein und meine Notizen offenzulegen."

Tausend Dinge auf einmal fühlen

Doch Graniks Filme laufen nie Gefahr, einfach nur banal-realistisch zu sein - dafür ist das Handwerk, allen voran die umsichtige Bildgestaltung und die großartige Schauspielerführung, bei ihr viel zu gekonnt. Sie weiß auch, dass offene Erzählungen spannendere Seherfahrungen ergeben. "Es gibt diese Theorie, dass Interaktivität effektiver dafür sorgt, dass wir mitdenken und mitfühlen. Wenn ich dir etwas ergebnisoffen präsentiere, können wir uns gemeinsam darüber beugen und uns damit beschäftigen."

Mit dieser Haltung nähert sie sich nicht nur ihren eigenen Projekten, für deren Recherche, Finanzierung und Umsetzung sie stets etliche Jahre braucht. Sie erwartet sie auch von anderen Filmen. "Ich will einbezogen werden und mit Fragen konfrontiert werden: Warum macht die Figur das jetzt? Was würde ich an ihrer Stelle tun? Ich fühle tausend Dinge auf einmal - aber warum? Sich nur zu ekeln, ist nicht komplex genug."


"Leave No Trace" läuft seit 13. September in den deutschen Kinos

Im Video: Der Trailer zu "Leave No Trace"

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