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Gangster-Ballade "Legend": Viel Stil, wenig Sinn

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Das Filmporträt der britischen Gangster-Brüder Ronnie und Reggie Kray ist Murks. Allerdings verkörpert Tom Hardy die beiden Sixties-Gangster in einer Doppelrolle - allein das macht "Legend" sehenswert.

Kaum zwei Minuten hat "Legend" begonnen, schon nimmt man sich, als männlicher Zuschauer, vor, sofort nach der Vorführung zum Schneider zu laufen, sich einen schnieken schwarzen Anzug im italienisch inspirierten Stil der Sechzigerjahre anfertigen zu lassen. Danach dann zum Barbier und ordentlich Pomade ins Haar für diesen manierlichen, aber doch auch verwegenen slicked-back-Look.

Reggie Kray (Tom Hardy) kombiniert sein blendendes Aussehen mit verführerischer Lässigkeit: In der ersten Szene des Films tänzelt er aus einer Haustür im Londoner East End, lässt sich von einem jungen Burschen zwei Becher Kaffee in die Hände drücken und reicht diese mit süffisantem Lächeln den beiden Polizisten, die in ihrem Auto am Straßenrand sitzen und Krays Wohnung observieren. Die Kray-Brüder Reggie und Ronnie, die in den Swinging Sixties zu Londons glamourösesten (und brutalsten) Gangster-Stars aufstiegen, mögen in Wahrheit Kleinganoven mit Cockney-Akzent gewesen sein, aber Stil hatten sie allemal.

Das erkannte einst auch der Promi-Fotograf David Bailey, der die Brüder 1965 in ihren schicken Anzügen und ihren groben Fuck-you-Gesichtern ablichtete und zu Szene-Berühmtheiten machte. Die eleganten Rabauken von Baileys Schwarzweißfoto wurden zur Blaupause für Dutzende Filme, die nach der Coolness des Gangstertums forschten - wahrscheinlich beruht Guy Ritchies gesamtes Œuvre im Kern auf diesem Image. Die Krays selbst spielten im Kino zunächst nur untergeordnete Rollen, zum Beispiel im Michael-Caine-Thriller "Get Carter" (1971). Regisseur Peter Medak verfilmte ihre Geschichte dann 1990 mit den aus der Pop-Band Spandau Ballet bekannten Brüdern Gary und Martin Kemp in den Hauptrollen.

Die Männer und ihr Mythos

Während "Die Krays" sich jedoch recht nah an den Fakten hielt und vor allem die übermächtige Mutterfigur Violet Kray (Billie Whitelaw) in den Fokus seiner filmischen Psychoanalyse rückte, geht es dem Amerikaner Brian Helgeland in seiner britisch-französischen Koproduktion mehr um den Mythos, wie schon der Titel "Legend" vermuten lässt.

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"Legend": Der Schöne und das Biest
Helgeland gewann einen Oscar für sein Drehbuch zu "L.A. Confidential" (1997) und schrieb Thriller-Screenplays zu "Payback" und "Mystic River". Sein "Legend" lehnt sich zu stark an Vorbilder wie Martin Scorseses "Goodfellas" oder Barry Levinsons "Bugsy", gleichzeitig lässt er sich vom Setting in der Londoner Arbeiterklasse dazu hinreißen, hemmungslos im Klamauk-Koffer von "Bube, Dame, König, Gras" oder "Snatch" zu wühlen - das Ergebnis ist entsprechend unordentlich.

Erzählt wird die Legende vom Aufstieg der Brüder aus dem Off von Reggies Flamme und späterer Ehefrau Frances Shae (Emily Browning), ein Kniff, den sich Helgeland wohl ausdachte, weil Medak bereits die (spannendere) Mutterfigur auserzählt hatte. Während die erste Hälfte des Films, schwankend zwischen Slapstick, schnittigen Cockney-Dialogen sowie plötzlich und explizit ausbrechender Gewalt, noch leidlich gut funktioniert, scheitert Helgeland im späteren Verlauf daran, ernste Thematiken zu etablieren.

Die Homosexualität und der Borderline-Wahnsinn von Kray-Bruder Ronnie wie auch die zunehmend in Missbrauch und Ehe-Gewalt mündende Romanze zwischen Reggie und Frances in Hackneys schmuckem Apartment-Komplex Cedra Court - all das schafft kein Gegengewicht zum leichtherzigen Gangster-Swing, der als Tonart gewählt wurde. Am Ende bleibt in dieser Unentschiedenheit zwischen Drama und Komödie unbefriedigend unklar, um welche Geschichte es eigentlich geht. Wenn Helgeland denn einen Männerfilm aus Frauen-Perspektive erzählen will, was ja grundsätzlich interessant ist, sollte Frances im Vordergrund der Handlung stehen.

Furioses Hardy-Doppel

Doch so viel Raum erhält die immer leicht verträumte Browning ("Lemony Snicket", "Sucker Punch") dann eben doch nicht, zu massiv spielt sie der zurzeit wohl wandlungsfähigste britische Schauspieler seiner Generation mit seiner brillanten, digital nebeneinander gebastelten Doppelrolle immer wieder in den Hintergrund. Tom Hardy ("Bronson", "Mad Max 3") zeigte bereits mit seinem Autofahrer-Solo "Locke", dass er einen Film zur Not auch ganz allein tragen kann; wenn er sogar gleich zweimal zu sehen ist, gehört die Leinwand unweigerlich ihm. Der schauspielerischen Fingerübung des galant-gecken Schönlings Reggie kontrastiert er mit dem hart an der Karikatur schrammenden, aber dennoch köstlich durchs geschürzte Froschmaul murmelnden Psychopathen Ronnie. Man kann sich kaum satt sehen an diesem ungleichen Bruderpaar.

Dass einem angesichts dieses furiosen Hardy-Doppels so ziemlich alles andere an "Legend" egal wird, darunter Plot-Konsistenz, tiefergehende Beschäftigung mit den Figuren und ein grauenhaft generischer Soundtrack mit durchgenudelten Sixties-Hits, rettet den Film nicht, bewahrt ihn aber vor einem haltlosen Fiasko. Hilfreich ist dabei auch das hinreißende Kostümdesign von Star-Schneiderin Caroline Harris, die den Stil der Sixties mit der erwähnten Anzug-Eleganz und farbenfrohen Mary-Quant-Kleidern reproduzierte, sowie das akribische Retro-Produktionsdesign von Tom Conroy ("The Tudors").

Viel schöner Schein, aber kaum dramatische Relevanz, das passt dann am Ende doch ganz gut zu leichtgewichtigen Hallodris wie den Krays.

Legend

UK 2015

Regie: Brian Helgeland

Drehbuch: Brian Helgeland

Darsteller: Tom Hardy, Emily Browning, Christopher Eccleston, David Thewlis, Taron Egerton, Chazz Palminteri

Produktion: Working Title, Cross Creek Pictures

Verleih: Studiocanal

Länge: 131 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Start: 7. Januar 2016

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insgesamt 7 Beiträge
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1.
AliceAyres 05.01.2016
Ich freue mich jetzt schon seit der Ankündigung auf diesen Film und hatte so gehofft, dass Helgeland ihn nicht in den Sand setzt. Ein solches Darsteller-Potential durch ein mediokres Drehbuch zu verschenken, ist fast schon sträflich, war aber bei Helgeland zu befürchten, der auch in der Vergangenheit nur sehr vereinzelt Geniestreiche produziert hat. Immerhin gibt’s ein Wiedersehen mit Chazz Palminteri.
2. Toller Film
bernardk 05.01.2016
Ich habe diesen Film in Dubai Anfang Dezember gesehen. Super Film! Und als Filmproduzent darf ich mir diese Meinung erlauben. Allerdings: Man muss ihn sich auf Englisch ansehen, und den Cockney Humor auch verstehen. Ich habe 11 Jahre in London gelebt, meine (englische) Frau und ich haben uns schlapp gelacht. Ich glaube der Kritiker hat vermutlich so einige Pointen nicht mitbekommen. Fuer mich, ganz klar, ein grosser Film, mit viel Herz, Humor, Dramatik, und auch mit diner Message. Leider hat der Kritiker sie verpasst. Schade.
3.
cocinero 06.01.2016
ziemlich guter Film, mit viel Humor aber auch Härte und Spannung!
4. Sneak
laubblaeser 06.01.2016
Hab ihn im Dezember in der Sneak Prev OMU gesehen. Story und Umsetzung seien mal dahingestellt- aaaaaber: wenn Tom Hardy dafür keinen Oskar bekommt (besser 2- für jeden seiner Charaktere einen)... Ich fress nen Besen! Unglaublich! Hätte ich von dem Kerl nie gedacht!
5. Kritik am Kritiker!
Alimentator 06.01.2016
Bei IMDB hat der Film eine respektable Wertung von 7,2. Alle Filme ab 7 stechen aus der Masse hervor. Star Wars Episode I und II liegen z.B. nur bei 6,x. Woher kommt die Diskrepanz des Kritiker-Artikels zu der IMDB-Wertung? IMDB ist eine reine Zuschauerwertung. Kritiker haben da zum Glück keinen Einfluss. Für mich die erste Anlaufstelle für die Entscheidung einen Film zu gucken. Ich wünschte, der IMDB-Wert würde zum Standard bei Wikipedia-Artikeln über Filme werden.
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