"Legend of Tarzan" Er Tarzan, wir skeptisch

Von wegen edler Weißer zwischen wilden Primaten: In "Legend of Tarzan" wird die alte Geschichte vom König des Dschungels hautfarbensensibel politisiert. Den berühmten Schrei und Lianenschwung gibts aber auch.


Der Affe nimmt, der Affe gibt. Tarzan hat das bekanntlich bereits als Baby erleben müssen: Nach dem Tod der Mutter fiel sein Vater Lord Greystoke im Dschungel einer tödlichen Affenattacke zum Opfer. Aber dann ist es ausgerechnet eine die sprichwörtliche "Affenliebe" praktizierende Gorillamutter (bzw. Manganimutter, eine imaginäre höhere Primatenart), die auf die Kommunikationsversuche des einsamen kleinen Dings aus der Wiege reagiert, den glatten Säugling auf den Rücken neben ihr eigenes, haariges Junges wirft und ihn fortan aufzieht, scheel beäugt vom Silberrücken des Rudels.

Aus dem verlorenen Menschenkind wurde der Herr des Dschungels, so hatte es sich Edgar Rice Burroughs damals im Pulp-Magazin "Argosy" ausgedacht. Burroughs war kein Verhaltensforscher, ihm ging es um das Abenteuer. Seine erstmalig 1912 als Fortsetzungsgroschenroman erschienene Geschichte "Tarzan - Lord of the Apes" sollte naturalistisch-exotischer Eskapismus sein - mit einem eindeutig blaublütig geborenen Helden, der zwar den Kampf und den Umgang mit der Natur von den Tieren lernt, sich aber qua Herkunft und vor allem Hautfarbe über die "wilden" menschlichen Dschungelbewohner erhebt. Bis er sich schließlich in das einzige hellhäutige Wesen der Gegend verliebt: Jane, eine beherzte Forscherstochter, die sich ebenfalls im Dschungel am wohlsten fühlt, und sich weder vor Tarzan noch vor seiner Liane fürchtet.

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"Legend of Tarzan": Pack den Lendenschurz ein

Burroughs' Motive wurden fast 60 Mal allein für Kino und Fernsehen bearbeitet, der ehemalige Olympiateilnehmer Johnny Weissmuller und seine Hintermannschaft steuerten ab 1932 für zwölf dieser Filme den Schrei, den Affen "Cheetah" und das symptomatische "Me Tarzan - you Jane" bei. In der neuesten filmischen Interpretation durch den britischen Fernseh- und Kinoallrounder David Yates ("Harry Potter 5-8") wird die Geschichte intensiviert und hautfarbensensibel politisiert: Der weiße Mann, der zu Filmbeginn im Jahr 1884 in den kongolesischen Dschungel eindringt, begegnet der Natur mit Unverständnis, den Eingeborenen mit dem Willen zur Zerstörung und deren Pfeil und Bogen mit schwerer Artillerie.

Ein Lord mit verformten Vorderpfoten

Für Yates und seine Drehbuchautoren Adam Cozad und Craig Brewer symbolisiert ihn der abgrundtief böse belgische Geschäftsmann Leon Rom (Christoph Waltz), der durch einen Handel mit Häuptling Mbonga (Djiman Hounsou) an der von Diamantenfunden, Zwangsarbeit und faulen Verträgen gelenkten Kolonialherrschaft im Kongo verdienen will.

Der Pfand für den Handel ist Tarzan (Alexander Skarsgård, "True Blood") selbst: Mbonga will sich an ihm rächen, weil dieser früher (ein Motiv aus Burroughs' Original) seinen Sohn tötete - im Affekt, so erklären es Tarzan samt Rückblende später, denn dieser Sohn brachte bei seinem traditionellen Coming-of-Age-Ritual einst Tarzans tierische Mutter um.

Um den Helden wieder zum Dschungelhelden zu machen, bedarf es einiger Anstrengung. Denn der einsilbige Affenfreund führt mittlerweile als Lord Greystoke gemeinsam mit Jane (Margot Robbie) seit acht Jahren ein "standesgemäßes", etwas müdes Leben in einer beeindruckenden Villa, schwingt sich ab und an zum Nachdenken auf einen alten Baum und zeigt den großäugigen Kindern, die Jane (um sich von der eigenen Kinderlosigkeit abzulenken) unterrichtet, seine durch den langjährigen Vierfüßlergang moderat verformten Vorderpfoten.

Dschungel-Damsel in Distress

Die Einladung von König Leopold, als "Sonderbotschafter für Handelsfragen" in die alte Heimat zu reisen, um dort seine Expertise zur Verfügung zu stellen, nimmt der gelangweilte Tarzan/Greystoke darum erst an, als ein US-amerikanischer Diplomat (Samuel L. Jackson) ihm steckt, dass im Dschungel noch ganz andere Dinge laufen: Gerüchteweise werden massenweise Kongolesen versklavt.

Tarzan lässt sich überreden, und schmust alsbald wiedersehensfreudig mit Löwenfamilien aus seiner Kindheit. Doch Roms vorher geschmiedeten Ränke greifen, und nach einem erfolglosen Überfallversuch auf Tarzan lässt er immerhin die Damsel des Dschungels in Distress geraten. Um sie zu retten, werden schließlich die erwarteten Lianen geschwungen, lang unbenutzte Lungen aus dem Hals geschrien und die Solidarität der Dschungeltiere beansprucht.

Yates und seine Drehbuchautoren haben sich redlich bemüht, aus der bekannten Geschichte ein Drama von Verlust und Liebe zu machen. Mit Alexander Skarsgård, Christoph Waltz und Samuel L. Jackson haben sie vielschichtige Schauspieler gewonnen, die nur zu gern jene vielen Schichten zeigen würden - wenn sie denn gefragt wären. Doch vor allem der Dschungelheld selbst, vom Schweden Skarsgård nach Fitnessprogramm, Waxing und Kajaltutorial als männliches Pendant zu Bo Derek (aus der albernen, 1981 entstandenen Pin-up-Show "Tarzan, Herr des Urwalds") interpretiert, bleibt trotz Vorzeige-Muckis saft-, kraft- und charakterlos: Was ihn umtreibt, motiviert oder bewegt, ist unverständlich, die Realität des majestätischen Biotops nur behauptet.

Primaten, die besseren Schauspieler hier

Bewegung spielt zwar eine enorm wichtige Rolle - die Actionszenen sind rasant, der CGI-Dschungel wird durchpflügt wie der Regenwald bei einer Rodung. Doch die Rettung der blass bleibenden Jane, von Margot Robbie wiederum aus Mangel an Skriptideen ebenso blass gespielt, ist eine altmodische und langweilige Aktion, und Antagonist Rom ein eindimensionaler Böser. Man hat verpasst, Tarzans Sprachunwillen - wie bei den Weissmuller-Filmen - als Anlass für die Erstarkung einer visuellen Erzählung zu nehmen: Die dialoglosen Szenen sind reine Action, den Rest erklärt die lahme Geschichte im Gespräch.

Emotional funktioniert der Film einzig in den Szenen mit den CGI-animierten Primaten: Sie scheinen die stärkeren Schauspieler zu sein. Wenn sie handeln, geht man mit, überlegt, ob und inwiefern die gespielten Gefühle, die Kommunikation der computergenerierten Tiere funktionieren könnten. Das ist fast der interessanteste Aspekt der Geschichte, der auch in früheren Filmen meist vernachlässigt wurde. Bereits 1931 in der Studie "The Ape and the Child" hatte ein US-amerikanisches Forscherehepaar ihr eigenes Kind gemeinsam mit einem kleinen, fast gleichaltrigen Schimpansenbaby aufwachsen lassen und entzückt dokumentiert, wie ähnlich sich die beiden Säuger ein paar Monate lang waren.

Sie begannen erst, sich signifikant auseinanderzuentwickeln, als der Säugling verdutzt seinem Affenbruder von unten dabei zuschaute, wie dieser sich von der Lampe zur Tür schwang. Und als der Affe im Gegenzug einfach nicht begreifen konnte, wie man diese kehligen Geräusche artikuliert, die dem Menschenkind zu Kommunikationszwecken dienten. Einen Tarzanschrei hätte eben nur einer von beiden ausstoßen können.

Im Video: Der Trailer zum Film "Legend of Tarzan"

"Legend of Tarzan"

    USA 2016

    Originaltitel: "The Legend of Tarzan"

    Regie: David Yates

    Drehbuch: Adam Cozad, Craig Brewer, basierend auf der Geschichte von Edgar Rice Burroughs

    Darsteller: Alexander Skarsgård, Margot Robbie, Christoph Waltz, Samuel L. Jackson, Djimon Hounsou, Jim Broadbent

    Verleih: Warner Bros.

    Länge: 109 Minuten

    FSK: ab 12 Jahren

    Start: 28. Juli 2016

  • Offizielle Website zum Film (Englisch)
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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
angst+money 27.07.2016
1. klingt echt übel
Schon seit den Klingonen, spätestens aber seit Batman sollte jeder mitgekriegt haben, dass es nur pathetisch und peinlich wird wenn man eindimensional angelegte Figuren aus Comics, Groschenromanen o.ä. mit "Tiefe" versehen will. Getretener Quark wird breit, nicht stark. Wenn ich jodelnde Muskelberge sehen will dann keine Politaktivisten, und statt einem Haufen Weltraumschläger keine opernschmetternden Dinosaurier-Nachfahren.
lordofaiur 29.07.2016
2. Tarzan
Zitat von angst+moneySchon seit den Klingonen, spätestens aber seit Batman sollte jeder mitgekriegt haben, dass es nur pathetisch und peinlich wird wenn man eindimensional angelegte Figuren aus Comics, Groschenromanen o.ä. mit "Tiefe" versehen will. Getretener Quark wird breit, nicht stark. Wenn ich jodelnde Muskelberge sehen will dann keine Politaktivisten, und statt einem Haufen Weltraumschläger keine opernschmetternden Dinosaurier-Nachfahren.
Wieder ein Film den man nicht sehen muss. Leider... Die Blockbuster aus Hollywood werden immer mieser. Erst der grottige ID2, nun Tarzan. Ber Hand aufs Herz, weil möchte schon Tarzan sehen? Ähnlich wie King Kong, einfach ausgelutscht.
Ruanes 24.08.2016
3.
Nichts für die Cineasten, sondern ein Film für Menschen, die Kino lieben. Der beste Film in diesem Jahr. Natürlich kann man kleinlich bekritteln, dass der muskulöse Herr Skarskard an manchen Stellen ein bisschen wenig anhat, und hin und wieder sein Höschen gefährlich tief rutscht, mich reizte das zu einem Lachen. Der von mir sonst nicht so wahnsinnig geschätzte Christof Walz macht hier ausnahmsweise einen guten Job durch ein halbwegs differenziertes Spiel. So fehlbesetzt ich ihn empfand in Spectre, James Bond, paar Nummern kleiner hier im Kongo im Auftrag von König Leopold in räuberischer Mission funktioniert sein beiläufiger Sadismus hervorragend. Ein bisschen störend die Lady, Jane, das haut nicht vom Hocker. Außer hübsch aussehen bringt die Schauspielerin nichts mit ein, eher im Gegenteil, noch ein Tick mehr Hysterie und sie hätte den Film nachhaltig störend beeinflusst, nicht nur punktuell. Alexander Skarskard macht das toll. Er spielt, er lebt und füllt die Rolle aus, ich folge ihm willig in die Figur. Samuel Jackson klasse, seine Lianenschwingerei ist sehr lustig. Schön zu sehen ist die Verhandlung mit dem gegnerischen Häuptling, dem er das Schicksal der Indianer Amerikas nahebringt. Eine Ahnung von Solidarität schleicht sich ein. Mächtige Bilder, ohne Angst vor Gefühlen. Wer da abwehrt, lebt nur in seinem Kopf. Und dann ist natürlich alles mehr oder weniger fad. Wer sich berühren lassen kann, wird den Film genießen können. An sich ist die Story schon kraftvoll, die Umsetzung in diesem Film herausragend gut.
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