Shooting-Star Lena Waithe Schwarz, lesbisch, subversiv

Einen Emmy für "Master of None", eine Rolle bei Steven Spielberg und die eigene Serie verlängert: Für Schauspielerin und Produzentin Lena Waithe läuft es gut. Dass sie als lesbische Schwarze für Vielfalt sorgt, ist bloß Nebeneffekt.

Lena Waithe bei den Emmys 2017
AFP

Lena Waithe bei den Emmys 2017


In der Geschichte der "Vanity Fair" gab es schon jede Menge Titelbilder, die für Aufsehen gesorgt haben. Weil Demi Moore sich nackt und hochschwanger zeigte, Caitlyn Jenner erstmals als Frau zu sehen war oder zuletzt Reese Witherspoon durch eine Photoshop-Panne ein drittes Bein dazu retouchiert bekam.

Doch dass die neue Ausgabe der US-Zeitschrift für so viel Aufsehen sorgt, hat andere Gründe. Denn auf dem wohl glamourösesten aller Hochglanzmagazine ist dieses Mal kein aufwändig in Szene gesetzter Superstar zu sehen, sondern eine ungeschminkte, tätowierte Frau im weißen T-Shirt und mit Dreadlocks, deren Name ein Großteil der Leserschaft womöglich noch nie gehört hat.

Lena Waithe auf dem aktuellen Cover der US-Ausgabe von "Vanity Fair"
Annie Leibovitz/ Vanity Fair

Lena Waithe auf dem aktuellen Cover der US-Ausgabe von "Vanity Fair"

Gut möglich, dass für die "Vanity Fair", bei der seit Kurzem mit Radhika Jones eine neue Chefredakteurin das Sagen hat, damit eine neue Ära beginnt. Für Lena Waithe, die uns von diesem Cover entgegen blickt, tut es das auf jeden Fall.

Doch wer ist denn nun Lena Waithe, die zwar eine Nebenrolle in Steven Spielbergs neuem Film "Ready Player One" spielt, aber darin kaum zu sehen ist, weil die Geschichte größtenteils in der virtuellen Realität eines Computerspiels angesiedelt ist? Als aufmerksamem Netflix-Serien-Fan kam einem die 33-Jährige in den vergangenen zwei Jahren als Denise in Aziz Ansaris "Master of None" unter. Doch davon, dass sie es aus dem Nichts zum Shooting-Star gebracht hat, kann keine Rede sein.

Die Schauspielerei? Ein Nebenjob

"Ich bin schon 2006, direkt nach meinem College-Abschluss, nach Los Angeles gezogen um eine Karriere in Hollywood einzuschlagen", sagt Waithe. "Seit mehr als zehn Jahren arbeite ich kontinuierlich und unermüdlich in dieser Branche. Dass der Erfolg jetzt über Nacht kam, kann man also wirklich nicht behaupten."

Dass Waithes Name dennoch erst seit Kurzem in aller Munde ist und ihr Gesicht noch längst nicht zu denen gehört, die überall erkannt werden, hat gute Gründe. Die Schauspielerei ist für die Afroamerikanerin eigentlich nur ein Nebenjob: vor ihrer Rolle in "Master of None" (die eigentlich für eine Weiße geschrieben wurde) und der Zusammenarbeit mit Spielberg stand Waithe nur für Mini-Auftritte in den Serien "The Comeback" und "Transparent" vor der Kamera.

Hauptsächlich ist sie hinter den Kulissen tätig. Sie assistierte zunächst einem Produzenten der Sitcom "Girlfriends", dann der Regisseurin Gina Prince-Bythewood beim Film "Die Bienenhüterin". Später verlagerte sie sich aufs Schreiben, wirkte am Drehbuch von "Notorious B.I.G." mit, gehörte zum Autorenteam der Serie "Bones - Die Knochenjägerin", schrieb den YouTube-Hit "Shit Black Girls Say" und zeichnete auch für eine Folge "Master of None" verantwortlich. Inzwischen hat sie obendrein Filme wie "Dear White People" und "Step Sisters" produziert und mit "The Chi" eine komplett eigene Serie ins US-Fernsehen gebracht, deren erste Staffel kürzlich zu Ende ging und eine zweite bereits in Vorbereitung ist.

Einfach nur Geschichten erzählen

Schon als Kind träumte Waithe nicht davon, ein Star zu werden, sondern - ganz spezifisch - von einer Karriere als Fernsehautorin. "Ich liebte nichts mehr als Fernsehen", erinnert sie sich an jene Jahre, in denen sie ihre alleinerziehende Mutter lieber sicher vor der Glotze als auf den Straßen von Chicago wusste. "Für mich war das nicht nur Berieselung. Ich liebte es, bestimmte Personen von Woche zu Woche zu begleiten. Oder neue kennen zu lernen. Das faszinierte mich wahnsinnig."

Lena Waithe bei der "Respect Rally" im Rahmen des Sundance Festivals 2018
AP

Lena Waithe bei der "Respect Rally" im Rahmen des Sundance Festivals 2018

Die Motivation zum Schreiben entsprang nicht der Tatsache, dass sie sich als schwarze und lesbische junge Frau nicht ausreichend auf dem Bildschirm repräsentiert sah: "Ich erkannte mich in den Geschichten im Fernsehen schon wieder. Wieder, in ganz verschiedenen Versionen, sei es in 'College Fieber' oder im 'Der Prinz von Bel Air', in der 'Cosby Show' oder 'Alle unter einem Dach'. Und genauso in Filmen, von 'Die Farbe Lila' bis 'Boomerang'."

Und mit Blick auf die Vanity Fair-Schlagzeile "Lena Waithe is Changing the Game - and Hollywood is Ready to Play" (in etwa: Lena Waithe schreibt die Regeln um - und Hollywood ist bereit, nach ihnen zu spielen) fügt sie hinzu: "Ich will seit jeher einfach nur Geschichten erzählen von Menschen, die mich interessieren. Ich freue mich, wenn ich dazu beitrage, die Film- und Fernsehlandschaft zu verändern. Aber mein Ziel war das nie."

Diversität in Hollywood

Dass gerade ihre Identität als lesbische, schwarze Frau das größte Pfund ist, mit dem sie als Geschichtenerzählerin wuchern kann, hat Waithe, die gemeinsam mit ihrer Verlobten Alana Mayo (die eine leitende Funktion in der Produktionsfirma von "Black Panther"-Star Michael B. Jordan innehat) in Los Angeles lebt, trotzdem früh erkannt. Ihre selbst verfasste "Master of None"-Episode etwa handelte davon, wie die von ihr gespielte Denise sich gegenüber ihrer Mutter outet. Für die Folge gewann sie als erste afroamerikanische Autorin den Emmy für das beste Comedy-Drehbuch - und rührte mit einer Dankesrede zu Tränen, in der sie der gesamten LGBTQIA-Gemeinschaft zurief: "Das, was uns von anderen unterscheidet, sind unsere Superkräfte. [...] Die Welt wäre nicht so wunderschön, wenn es uns nicht gäbe."

Noch vor zehn Jahren wäre so viel Diversität in Hollywood womöglich weniger geschätzt worden und hätte niemanden auf das Cover der "Vanity Fair" katapultiert, das weiß auch Waithe. "Klar habe ich Glück, mein Timing ist gut", sagt sie zur Verabschiedung. "Aber ich habe schon vor einer ganzen Weile realisiert, dass die Dinge, die mich von anderen unterscheiden, oft auch die sind, für die sich die Leute besonders interessieren und von denen sie sich angezogen fühlen."

Deswegen bringt sie immer zumindest auch ein Stück weit sich selbst in jedes ihrer Projekte ein. Mal mehr, wie in der Sitcom "Twenties", deren Pilotfolge demnächst gedreht wird und die von einer queeren Schwarzen handelt. Und mal weniger, so wie in "The Chi", wo es zwar überwiegend um junge Männer geht, aber das Setting genau jene Gegend im Süden Chicagos ist, in dem Waithe ihre Kindheit verbrachte.

Selbst Steven Spielberg lässt es nicht unerwähnt, dass es ihr gelungen sei, in "Ready Player One" vor der Kamera eigentlich ganz sie selbst zu sein. Nicht weil sie nicht anders könnte. Und schon gar nicht aus Narzissmus. Sondern weil sie - so Waithe - eine Verantwortung empfinde, ihren Teil dazu beizutragen, "dass die Unterhaltungsbranche unsere Gesellschaft so vielfältig zeigt, wie sie es auch in Wirklichkeit ist".

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
holger.heinreich 07.04.2018
1. Ja, ja, ...
das Hauptthema des Artikels ist ein Nebeneffekt, was das glaubt wird seelig. 12% der US-Bevölkerung sind afroamerikanisch und maximal ein Prozent ist homosexuell. Das heißt, daß 1 * 12 : 200 Prozent der Schauspieler lesbisch und schwarz sein müssen. Wenn ich das berechne, sind das 0,0006 Prozent. Mit einer Schauspielerin ist diese Gruppe also mehr als repräsentiert. Fakten stehen über Emotionen und Ideologie und Mathematik ist nicht rassistisch. Hollywood ist so bunt wie die US-Bevölkerung, die Repräsentation der Ethnien in Hollywood entspricht praktisch dem Anteil der Ethnien an der Gesamtbevölkerung. Ich weiß ja, daß man in Europa glaubt, in den USA wären Afroamerikaner überall, aber die machen aber nur 12% der Bevölkerung aus. Sie sind in Hollywood fair repräsentiert. Ich verstehe diesen Wahnsinn nicht.
gartenkram 07.04.2018
2. Könnte
Mir bitte mal jemand erklären, warum die frage, ob jemand homo- oder heterosexuell ist oder welche sonst noch existierende spielart bevorzugt, irgendeine bedeutung für die qualifikation für irgendeinen job haben könnte? Es ist doch wohl sowas von egal, wer mit wem am liebsten vögelt ... solange der job gemacht wird wie nötig bzw verlangt ist es doch wohl reine privatsache, was im bett oder sonstwo passiert.
kurt. 07.04.2018
3. An Herrn Heinreich
Mit Mathematik haben Sie es nicht so, oder? Wenn knapp ein Zehntel der Bevölkerung schwarz ist und ein Prozent der Bevölkerung lesbisch (ich halte letzteres für zu niedrig geschätzt, aber bleiben wir mal dabei), dann sind von dem einen Prozent im Mittel zehn Prozent Schwarze, demnach wären das 0,1% der Gesamtbevölkerung (in den USA immer noch die Bevölkerungszahl einer Großstadt). Ich würde allerdings annehmen, dass wir es nicht mit einer Gleichverteilung zu tun haben und z.B. in den kreativen Berufen der Anteil Homosexueller überdurchschnittlich hoch ist.
Madagon 07.04.2018
4.
Hollywood ist nicht repräsentativ für die USA. Das wissen wir ja spätestens seit der US-Wahl und den hysterischen Reaktionen der Unterhaltungsbranche. Mir geht das ständige pushen von LGBT auch auf den Keks, aber sei's drum. Waithe finde ich persönlich relativ unsympathisch, ihre Schauspielerei muss ich aber mehr als loben. Ihre Thanksgiving Episode bei Master of None hat mich damals umgehauen. Chapeau!
vulcan 08.04.2018
5.
Das nenn' ich mal eingebildet: "Die Welt wäre nicht so wunderschön, wenn es uns nicht gäbe" Aha. Und Superkräfte gesteht sie diesem 'uns' auch gleich noch zu. Leichte Selbstüberschätzung ist wohl das Mindeste, was hier zutage tritt. Ich würde mal behaupten, 99% der Weltbevölkerung kennt Lena Whaite überhaupt nicht (mich bis heute eingeschlossen) und wie 'wunderschön' die Welt ist, kann sie sich ja jeden Tag in den Nachrichten angucken. Hollywood hat sich schon immer überschätzt und zu wichtig genommen. "You have to believe we are magic" - sang das nicht schon Olivia Newton-John?
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