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Leni Riefenstahl ist tot: "Es gibt keinen Dokumentarfilm, der nicht von ihr beeinflusst ist"

Zahlreiche Kulturschaffende haben sich nach dem Tod Leni Riefenstahls vorwiegend anerkennend über das Lebenswerk der umstrittenen Filmemacherin geäußert. Kulturstaatsministerin Weiss bezeichnete Riefenstahl als Künstlerin, in deren Lebensweg auf tragische Weise die Verbindung von Kunst und Politik sichtbar geworden sei.

Filmemacherin Riefenstahl (in den vierziger Jahren): Form und Inhalt sind nicht voneinander zu trennen
DPA

Filmemacherin Riefenstahl (in den vierziger Jahren): Form und Inhalt sind nicht voneinander zu trennen

Hamburg/Berlin - Riefenstahls Schaffen sei Zeit ihres Lebens von der Nähe zum Nationalsozialismus gezeichnet gewesen, sagte Christina Weiss (parteilos) am Dienstag in Berlin. Die Staatsministerin für Kultur kritisierte, dass Riefenstahl auch nach dem Krieg nicht problematisiert habe, wie leicht sich ihre Werke in den menschenverachtenden Nazi-Propaganda stellen ließen und wie groß ihre Nähe zum Hitler-Regime tatsächlich war. "Niemand wird ihr absprechen, dass sie mit ihrem Talent filmische Mittel fand, die inzwischen zum ästhetischen Kanon gehören", sagte die Ministerin. Riefenstahls Karriere zeige aber auch, dass es ein wahres Leben im Falschen nicht geben könne, "dass Kunst nie unpolitisch ist, Form und Inhalt nicht voneinander zu trennen."

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Leni Riefenstahl (1902 - 2003): Bilder aus dem Leben der umstrittenen Kino-Ikone
Nach Einschätzung des Filmmuseums in Berlin gehört Leni Riefenstahl neben Marlene Dietrich zu den international bekanntesten Frauen des deutschen Films. Während sich die eine nicht von den Nationalsozialisten habe ködern lassen, habe Riefenstahl "das Regime bedient", sagte der Leiter der Sammlung des Museums, Werner Sudendorf. "Die beiden waren zwei Seiten einer Medaille", Riefenstahl habe sich politischer Verantwortung stets entzogen. Unabhängig davon habe sich die Regisseurin mit ihren "genial montierten Filmen" über den Reichsparteitag der Nationalsozialisten in Nürnberg 1934 ("Triumph des Willens") sowie dem zweiteiligen Film über die Olympischen Spiele in Berlin 1936 ("Fest der Vöker" und "Fest der Schönheit") bis heute anerkannte Maßstäbe gesetzt, sagte Sudendorf. "Es gibt keinen Dokumentarfilm, der nicht von Riefenstahl beeinflusst ist".

"Der Schönheitsbegriff war für sie wichtiger als die politischen Folgen dieser Idealisierung"

Der ehemalige Präsident des Goethe-Instituts Hilmar Hoffmann, würdigte Leni Riefenstahl dagegen als Künstlerin, die mit ihren Filmen vielen Regisseuren der Welt ein ästhetisches Vorbild gewesen sei. "Jetzt wo sie tot ist, wissen wir zwischen dem ästhetischen Genie Leni Riefenstahl und ihren politischen Verstrickungen zu unterscheiden", sagte Hoffmann am Dienstag. Während andere Filmschaffende der NS-Zeit nach dem Krieg weiter arbeiten durften, sei Riefenstahl in Acht und Bann geblieben, da sie sich in ihren Filmen einer massenwirksamen Ästhetik bedient habe, "die die braunen Potentaten in einer diese Leute schonenden Folie gezeigt" habe, betonte er und fügte hinzu: "Der Schönheitsbegriff war für sie wichtiger als die politischen Folgen dieser Idealisierung."

Steffen Kuchenreuther, Präsident der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO) nannte Riefenstahl eine "faszinierende Persönlichkeit". Bei aller Umstrittenheit habe sie Bleibendes für den deutschen Film geleistet. Für ihr Lebenswerk hatte die SPIO der Filmemacherin zu ihrem 100. Geburtstag im letzten Jahr die Ehrenmedaille verliehen. Ähnlich äußerte sich auch Bayerns Kunstminister Hans Zehetmair (CDU). "Leni Riefenstahls ästhetische Vorstellungen waren bahnbrechend", sagte Zehetmair. Sie sei eine der großen "Bildfinder" des 20. Jahrhunderts gewesen.

"Sie war als Mensch absolut verlässlich"

Für den Autoren und Filmexperten Rainer Rother ist die umstrittene Regisseurin auch nach 1945 eine Symbolfigur für die NS-Zeit geblieben. "Ich glaube, dass sie zumindest anfangs keine Probleme hatte, die gewünschte Selbstdarstellung der Nazis als Regisseurin umzusetzen. Sie hat ja keinen Hehl daraus gemacht, dass sie damals Sympathien für Hitler empfand", sagte Rother, der 2000 die Monografie "Leni Riefenstahl - Die Verführung des Talents" geschrieben hat. "Immerhin hat sie im Gegensatz zu anderen - etwa Veit Harlan mit "Jud Süß (1940) - später keine antisemitischen Spielfilme gedreht, sondern sich auf die ästhetische Darstellung von NS-Ritualen beschränkt". Rother, der das Zeughauskino im Deutschen Historischen Museum in Berlin leitet, meinte man könne Riefenstahls Leben nicht tragisch nennen, da sie ihre Filme ja freiwillig gedreht habe. "Sie hat mit dem Angebot, Filme über die NSDAP-Parteitage zu drehen, eine Chance ergriffen, die sich nur wenigen Filmemachern bietet." Ihr künstlerischer Ausweg nach dem Krieg als Fotografin sei jedenfalls "keine Sackgasse" gewesen, sagte der Autor mit Blick auf Riefenstahls Bildbände.

Tief getroffen zeigte sich die TV-Ärztin und langjährige Freundin Leni Riefenstahls, Antje-Katrin Kühnemann. "Ich verliere eine wirklich herzliche Freundin", sagte sie zum Tod der Filmemacherin. "Sie war als Mensch absolut verlässlich. Das besondere war ihre Herzlichkeit und Weiblichkeit und dennoch dieser besondere Witz, der sie ausgezeichnet hat." Der Regisseurin sei es bei ihrer Arbeit zeitlebens auf die kleinen Details angekommen, sagte Kühnemann. Sie habe stets gegen das angekämpft, was sie als ungerecht empfunden habe, betonte sie. "Es hat ihr gut getan, dass am Ende doch die Anerkennung für ihre Arbeit überwogen hat."

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