Oscar für DiCaprio Leonardos Erlösung

Er spielte historische Rollen, gequälte Rollen, schwule Rollen, lustige Rollen - aber für den Oscar reichte es nie. Nach mehr als 20 Jahren bekam Leonardo DiCaprio die Auszeichnung jetzt - weil er endlich bereit war, sich bis zum Äußersten zu peinigen.


Bekommt er ihn? Er bekommt ihn wieder nicht! In den vergangenen Jahren ist dieser Schauspieler bei den Verleihungen eines Oscars so oft übergangen worden, dass das "Er bekommt ihn wieder nicht!" mehr Aufsehen erregte als der eigentliche Preisträger. Schwenk und Zoom auf Leonardo DiCaprio, der seine Enttäuschung von Mal zu Mal hinter einem schmaleren Lächeln verbarg.

Immerhin wurde er bereits 1994 mit 19 Jahren erstmals als bester Nebendarsteller gehandelt für seine Rolle in "Gilbert Grape - Irgendwo in Iowa" und seitdem noch vier weitere Male nominiert. Preise, klar, heimste er in all den Jahren von Publikum und Kritikern so viele ein, dass er damit sicher seinen Pool ausfüllen könnte. Aber die ganz große Anerkennung, der Zutritt zum Olymp der Filmgeschichte? Eher würden Guns'n'Roses ein neues Album und die USA diplomatische Beziehungen zu Kuba aufnehmen.

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Leonardo DiCaprio: Leistung und Leiden
So gesehen war es Zeit. Nicht nur, weil sein Ehrgeiz allmählich ins aufdringlich Strebsame driftete. Er hätte für eine Weile auf die Rolle als problematischer Jugendlicher abonniert bleiben können, nach seinem Auftritt in "Titanic" ergänzt um Rollen als jugendlicher Liebhaber. Er hätte Toby McGuire werden können, Mark Wahlberg oder Matt Damon. Er hätte "Spiderman" sein können, Alexander der Große, Robin in "Batman Forever", Patrick Bateman in "American Psycho", Neo in "Matrix" oder Anakin Skywalker in "Star Wars: Episode II" - und lehnte ab.

Stattdessen knüpfte er seine Karriere an einen einzigen Regisseur und spielte für Martin Scorsese unter anderem den verrückten Tycoon Howard Hughes ("The Aviator"), einen Undercover-Polizisten ("The Departed"), einen Psychiatriepatienten ("Shutter Island") und einen Börsenmakler ("The Wolf of Wall Street"). Die Rollen brachten ihm Respekt und zwei Nominierungen als bester Hauptdarsteller ein, aber eben keinen Oscar. Auch für seinen südafrikanischen Diamantenschmuggler in "Blood Diamond" ging er leer aus.

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Oscars: Hollywood ist happy!
Dabei spielte er durchweg Rollen in Filmen, die von der Jury traditionell als preiswürdig erachtet werden. Historische Stoffe ("Shutter Island"), starke Themen ("Django Unchained"), Biopics ("The Aviator"), Adaptionen ("Der große Gatsby") gequälte Charaktere ("Inception"), schwule Charaktere ("The Basketball Diaries") und schwule zerquälte Charaktere ("J. Edgar"). Mal verlor er gegen Daniel Day Lewis ("There Will Be Blood"), mal gegen Matthew McConaughey ("Dallas Buyers Club"), mal gegen Jamie Foxx ("Ray"), mal gegen Forest Whitaker ("Der letzte König von Schottland"). Pech.

Vielleicht auch mehr als Pech. Seine Filmografie weist mit Ausnahme von "Catch Me If You Can" ausschließlich ernste, sehr ernste und ganz außerordentlich ernste Werke auf. Der Mann ist kein Spaßvogel. Aber die Jury liebt Spaßvögel und Leute, die notfalls auch den Clown geben können. Was bisher ebenfalls im Portfolio fehlte, war der volle Körpereinsatz, das Abmagern für eine Rolle, das augenscheinliche Leiden. Leonardo DiCaprio ist immer ein Schauspieler der eher kleinen Gesten und Blicke gewesen, kein Stepptänzer und auch kein Haudrauf, der gerne persönlich mit dem Fallschirm auf dem fahrenden Zug landen will.

Diese Lücke hat er erst mit "The Revenant" geschlossen, einem spirituellen Survival-Drama so unwirtlich und fordernd mit seiner schroffen Wildnis, dass man sogar als Zuschauer noch Tage danach kalte Füße hat. Der Hauptdarsteller musste, was jeder Filmheld muss, nämlich erst bis zur Hüfte durch den Dreck, um endlich, mit 41, die erlösende Trophäe in Händen halten zu dürfen.

In seiner - sehr ernsten - Dankesrede sprach er davon, das Team habe "bis an die Südspitze des Planeten" gehen müssen, "um Schnee zu finden". Ein wenig gilt auch für Leonardo DiCaprio, dass er bis zur Südspitze des Planeten gehen musste, um einen Oscar zu bekommen.

Leider endet damit automatisch seine Mitgliedschaft in jenem wirklich exklusiven Club, dem auf alle Zeiten große Kollegen wie Glenn Close, Richard Burton, Peter O'Toole, Greta Garbo oder Kirk Douglas angehören - Schauspieler, die niemals einen Oscar gewonnen haben.

Im Video: Leonardo DiCaprio über seine Rolle in "The Revenant"

Die Oscar-Gewinner im Videoüberblick

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insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
schmuellöffelholz 29.02.2016
1. was soll's ...
immerhin hat er einen Gesichtsausdruck mehr als Jahrhundert-Mime Chuck Norris - die anderen beiden Oscars für den Film allerdings sind berechtigt.
rmo 29.02.2016
2. Nemo?
Gab es in Die Matrix einen lustigen Clownfisch, den ich nicht gesehen habe? Oder wurde ihm doch eher die Rolle des Neo angeboten? :-)
tkedm 29.02.2016
3.
Ob Oscar-Preisträger oder nicht, ob ernste Rollen oder nicht. Für mich bleibt er immer Jack Dawson ;)
Pinky42 29.02.2016
4. Oscars verdient?
Zitat von schmuellöffelholzimmerhin hat er einen Gesichtsausdruck mehr als Jahrhundert-Mime Chuck Norris - die anderen beiden Oscars für den Film allerdings sind berechtigt.
Man lese den Abschnitt zur Oskar Verleihung in Mario Puzos Der Pate. Dieser Text sagt alles über die Oskars, das hat mit Qualität der "Schauspieler" nichts aber auch gar nichts zu tun.
gebimmel 29.02.2016
5.
Zitat von Pinky42Man lese den Abschnitt zur Oskar Verleihung in Mario Puzos Der Pate. Dieser Text sagt alles über die Oskars, das hat mit Qualität der "Schauspieler" nichts aber auch gar nichts zu tun.
Jetzt übertreiben Sie mal nicht. Einen gewissen Zusammenhang gibt es da schon....oder können Sie mir vielleicht 10 schlechte Schauspieler nennen, die einen bekommen haben?
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