Ausnahme-Doku "Les Sauteurs" Ein Flüchtling wird zum Filmemacher

Für die Kino-Doku "Les Sauteurs" haben die Filmemacher ihre Kamera einem malischen Flüchtling an der Grenze zu Europa gegeben - und einmalige Einblicke in ein Leben zwischen Gefahr und Hoffnung erhalten.

Von Kirsten Rießelmann


Melilla. Außenposten Europas. Spanische Exklave auf dem afrikanischen Kontinent. Eine ans Meer gequetschte Stadt mit 80.000 Einwohnern, drumherum Marokko - und ein dreifach gestaffelter, sieben Meter hoher und elf Kilometer langer Zaun: Oben drauf Nato-Draht, davor und dahinter Polizei.

Über dieser hochmilitarisierten Zone thront der Berg Gurugú. Hier sammeln sich in einem Camp im Wald diejenigen, für die Melilla das Tor nach Europa sein soll. Immer und immer wieder versuchen sie, die Grenzanlagen zu überwinden, werden geschlagen, nehmen Schnittwunden, Knochenbrüche, wenn nicht gar den Tod in Kauf. Meist sind es junge Männer aus Ländern südlich der Sahara, die auf dem Gurugú eine Not- und Zweckgemeinschaft bilden, zu Tausenden.

Fotostrecke

6  Bilder
"Les Sauteurs": In der Hölle und zuhause

Vieles hiervon weiß man, irgendwie. Hat gelesen von den Rufen der spanischen Politik nach mehr gesamteuropäischem Engagement, nach Frontex. Hat gehört von der stetigen Verstärkung der Zäune. Schlagwörter wie "Massenstürme" und "Migranten aus Subsahara" spielen mit dem rassistisch eingefärbten Gruselfaktor und lassen Melilla zusammen mit ihrer Schwesterexklave Ceuta erscheinen wie überrannte Schwachpunkte in der europäischen Sicherheitsarchitektur.

Wie gut und wichtig ist es da, dass ein Film wie "Les Sauteurs - Those Who Jump" entstanden ist. Denn er rückt einem die Perspektive zurecht, kehrt die Blickrichtung um, macht verdammt klar, wer hier schwach und wer stark ist.

Dass es diesen Film so gibt, hat damit zu tun, dass die beiden Filmemacher Moritz Siebert und Estephan Wagner ihre Kamera aus der Hand gegeben haben. Bekommen hat sie Abou Bakar Sidibé, ein 1985 in Mali geborener Englischlehrer, der zu dem Zeitpunkt, an dem er die Kamera zum ersten Mal anschaltet, bereits seit 15 Monaten auf dem Gurugú lebt - und eine Vielzahl gescheiterter Sprungversuche über den Zaun hinter sich hat. Siebert und Wagner geben Sidibé Geld, also verkauft er die Kamera nicht sofort weiter. Er filmt und schickt sein Material online nach Berlin, wo Siebert und Wagner erst im Schnittraum wieder in ihre Co-Autorenrolle zurücktreten.

Sie geben Sidibés Bildern eine Reihenfolge, ergänzen von ihm später eingesprochene Off-Kommentare und fügen immer dann, wenn die Männer wieder einen Sprung gewagt haben - was Sidibé natürlich nicht filmen kann -, hochanonyme Schwarzweißbilder aus den Überwachungskameras der Spanier ein. Es entsteht ein hybrider Film: Der "Gegenstand" einer Dokumentation wird zu ihrem echten "Subjekt"; jemand, der sonst höchstens betrachtet wird, wird zum Gestalter seiner eigenen Repräsentation.

Was ein latent exploitativer Zugang hätte sein können - ach so authentische Bilder als Spielball für die künstlerisch gestaltende Nachbearbeitung der westlichen auteurs -, wird umgangen dadurch, dass Siebert und Wagner Sidibés Bildern jede Autonomie zugestehen. Und so sehen wir, wie aus einem Flüchtling auch ein Filmemacher wird, der Ideen hat zu Kadrierung und Bildaufbau, der eine Vorstellung entwickelt dafür, wie etwas im Bild aussieht und rüberkommt. Der sehr bald auch schon ein instinktives Gespür hat für Momente, die ins Bild zu bannen ihm dringliches Anliegen sind, weil es ihn, so sagt er, "spüren lässt, dass ich existiere".

Zunächst schwenkt er noch verwackelt über das Camp - Müllsackzelte, Tüten, Plastikflaschen, Feuerstellen -, aber schon bald werden die Kamerabewegungen ruhiger. Und geben uns so viel zu sehen: wie die Männer sich auf dem Weg zum nächsten "Sprung" durch die Kakteen winden, wie die Polizei das Lager überfällt und alle nur noch rennen, rennen, rennen. Wie von den notdürftigen Behausungen nur schwelende Aschehäufchen übrigbleiben. Wie Sidibé dem Vater eines Freundes auf der Mailbox die Nachricht hinterlässt, dass sein Sohn den letzten Versuch, über den Zaun zu kommen, nicht überlebt hat.


"Les Sauteurs - Those Who Jump"

Dänemark 2016
Regie: Moritz Siebert, Estephan Wagner, Abou Bakar Sidibé
Drehbuch: Moritz Siebert, Estephan Wagner
Verleih: Arsenal Institut
Länge: 83 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Start: 17. November 2016


Vor allem aber nimmt Sidibé uns mit in seinen Alltag auf dem Gurugú: Es wird geredet und geraucht, es wird Fußball gespielt und gekocht, man träumt vom zukünftigen Leben. In langen Trecks holen die Männer Wasser, Mülltonnen werden nach Essbarem durchwühlt, Wunden verbunden und Schuhe mit Spikes versehen. Immer da: Langeweile und Angst. Für die meisten hier ist der Berg eine Hölle - aber eben auch ein temporäres Zuhause, eine wohlorganisierte soziale Gemeinschaft mit klaren Hierarchien und Regeln.

Oft schaut Sidibé durch das Objektiv hinunter auf Melilla. Es ist ein Kamerablick voller Begehren. "Wir wissen natürlich, dass das Paradies nicht hinter dem Zaun anfängt", sagt er, "aber ich weiß auch, wie schmerzvoll der nächste Sprung wird. Und deswegen muss ich einfach glauben, dass dahinter ein Eldorado liegt."

Im Video: Der Trailer zu "Les Sauteurs - Those Who Jump"

Bis diese Projektion dem Realitätscheck unterworfen wird, kanalisiert dieser Mann, der so lange mittellos anrennt gegen die Festung Europa, sein Begehren nach Bewegungsfreiheit durch die Kameralinse: Er folgt Flugzeugen im Landeanflug, Fähren, die in den Hafen einlaufen, und in einer wunderschönen Sequenz einem aufgekratzt durchs Lager hopsenden Eselfohlen.

Wie sehr man sich am Ende mit Abou Bakar Sidibé freut, als er mit seiner Kamera durchs Auffanglager von Melilla läuft.

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
holmichhierraus 19.11.2016
1.
Man sollte dort, wo diese Menschen gelandet sind, eine Stadt bauen, mit allem was dazu gehört. Mit Rechtsystem nach westlichem Vorbild, Sicherheitsbehörden, mit Bildungseinrichtungen, funktionierender Verwaltung, politischer Selbstverwaltung, Gewerbemöglichkeiten, Energieversorgung, Landschaftsaufbau, Versorgungsgärten. auch mit der Möglichkeit legal und sicher nach Europa migrieren zu können. Es wäre ein Anfang Nordafrika etwas zu geben, die Menschen auszubilden, ihnen durch Perspektiven die Wahlfreiheit zu geben. Für die EU, gemessen an der jetzigen Situation, wäre das ein Klacks. Es kann nicht sein, dass der Zustand hoffnungslos im hier und jetzt, den Kopf voller Illusionen unter Zwang mit allen (auch inhumanen) Mitteln nach Europa zu wollen, weiterhin gepflegt wird. Das ist nicht Freiheit. Das ist Unfreiheit!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.