Dieter Kosslicks letzte Berlinale Manchmal bärenstark, manchmal bärenschwach

Größer, warmherziger, aber auch beliebiger: Unter der Leitung von Dieter Kosslick hat sich die Berlinale zum engagierten Film-Volksfest entwickelt, in dem die Filmkunst bisweilen ihren Platz suchen musste.

Dieter Kosslick bei der Abschlussfeier der 69. Berlinale
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Dieter Kosslick bei der Abschlussfeier der 69. Berlinale

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Ein größeres Geschenk hätte die internationale Jury um Juliette Binoche dem scheidenden Berlinale-Direktor Dieter Kosslick nicht machen können: Am Samstagabend zeichnete sie den französischen Film "Synonymes" mit dem Goldenen Bären aus. Das Werk von Regisseur Nadav Lapid war nicht nur tatsächlich eines der besten in einem diesmal unterdurchschnittlichen Wettbewerb. Der Film ist zugleich ein Synonym für jenes engagierte Weltkino, das Kosslick in seiner Zeit als Festivalleiter am meisten unterstützt hat.

Erzählt wird die Geschichte des jungen Yoav (Tom Mercier), der sich mit aller Macht seiner israelischen Identität entledigen will. Nach seinem Militärdienst flüchtet er, wie einst Regisseur Lapid, Hals über Kopf nach Frankreich, um dort als Franzose neu zu beginnen. Kein Wort Hebräisch kommt mehr über seine Lippen, aus einem Wörterbuch rezitiert er französische Vokabeln und ihre begrifflichen Nuancen, während er durch Paris läuft.

Es ist der Versuch eines Exorzismus, der auf tragikomische Weise scheitert. So barbarisch, wie er seine Heimat empfindet, so empathielos und wehrhaft zeigt sich auch das vermeintlich gelobte Land in Europa. Was bleibt, ist eine komplizierte Existenz zwischen zwei Identitäten: Die eine wird man nicht los, die andere lässt sich nicht so einfach überstülpen.

Alles nicht so einfach - das würde wohl auch Dieter Kosslick unterschreiben, der in seinen 18 Jahren als Berlinale-Chef immer wieder einen Spagat zwischen den zahlreichen Ansprüchen an ein Festival hinlegen musste. Politisch, weltoffen und künstlerisch radikal soll die Berlinale sein, aber gleichzeitig auch die großen Hollywoodstars und -Filme haben, damit Sponsoren und Hauptstadtpresse zufrieden sind.

Selten gelang die Mischung wirklich überzeugend. Die großen Stars des US-Kinos, die sein Vorgänger Moritz de Hadeln in den Achtzigern und Neunzigern noch zahlreich hofieren konnte, kamen zuletzt immer seltener nach Berlin. Die Rechnung, das Festival in den Februar zu setzen, um vor Cannes im Mai die besten Filme und Regisseure abzugreifen, ging immer weniger auf, je mehr sich die Oscar-Saison in Hollywood auf einige wenige Monate zwischen Venedig und Toronto im Herbst und Sundance im Januar verkürzte.

Too big to fail?

Die Folge war, dass die Berlinale auf immer ungelenkere Eventprogrammierungen zurückgriff. In diesem Jahr hob sie zum Beispiel Adam McKays oscarnominierte Dick-Cheney-Farce "Vice" in den Wettbewerb, obwohl der Film schon seit fast zwei Monaten in den USA läuft und in Deutschland in der kommenden Woche in die Kinos kommt.

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Unter Cinephilen wuchs deshalb zunehmend die Skepsis, ob die Berlinale unter Kosslick sinnvoll die Aufmerksamkeit des Publikums lenkt und Filme nicht im Überangebot untergehen lässt. Die Skepsis mündete schließlich in der Diskussion um den Brief der 79 Regisseurinnen und Regisseure vom Dezember 2017, die so polemisch wie selten in der deutschen Filmbranche geführt wurde. Inhaltliche Kritik wurde mit persönlichen Angriffen gekontert, die Berlinale gewissermaßen als too big to fail deklariert.

Doch zum Schluss, als Kosslicks verklausulierter Wunsch auf Verlängerung ausgeschlagen und der versierte Locarno-Leiter Carlo Chatrian sowie die German-Films-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek zum neuen Führungsduo erkoren waren, schien sich bis in die Behörde von Kulturstaatsministerin Monika Grütters die Überzeugung durchgesetzt zu haben: Die Berliner Filmfestspiele können neue Impulse gut gebrauchen.

Was bleibt nun nach 18 Jahren Kosslick? Sicherlich er selbst als Marke: eine Figur zum Anfassen, ein kauziges Original, dem oft das Englisch und manchmal das Feingefühl bei seinen schnoddrigen Witzen versagte. Er kam 2001 gerade richtig, als die Berlinale nach 20 Ausgaben unter dem grimmigen Moritz de Hadeln dringend Wärme und Zugänglichkeit brauchte am kalten und neu bebauten Potsdamer Platz.

Kuschelig - und kulinarisch

Auch das ist Kosslicks Vermächtnis: Er schaffte es, dass sich dieser Unort in der Berliner Mitte für zumindest zehn Tage im Jahr mit etwas mehr Leben füllt. Hobbygourmet Kosslick installierte am Potsdamer Platz nicht nur die Nebenreihe "Kulinarisches Kino". Er erfand mit "Berlinale goes Kiez" auch einen charmanten Weg, das Festival aus dem Zentrum der Stadt in die Nachbarschaften zu transportieren. Wenn jedes Stadtteilkino stolz Berlinale-Filme zeigt, ist das auch ein Ausweis für eine Ausnahmestellung: Mit jährlich mehr als 300.000 Besuchern ist die Berlinale das größte Publikumsfestival der Welt.

Vor allem aber stärkte Kosslick das deutsche Kino - was sich zuerst 2004 mit Fatih Akins "Gegen die Wand" manifestierte, der den Goldenen Bären gewann. Drei bis vier deutsche Beiträge fanden regelmäßig den Weg in den Wettbewerb, nicht nur Altmeister wie Schlöndorff oder Herzog, sondern auch die Filmemacher der Berliner Schule: Christian Petzold, Maren Ade, Valeska Grisebach oder, in diesem Jahrgang, Angela Schanelec ("Ich war zuhause, aber...") mit ihrem herausfordernden Kino. Für den Nachwuchs schuf Kosslick zudem die Nebensektion "Perspektive Deutsches Kino".

Diese Aufblähung des Festivals in noch mehr Sektionen, in denen bis zu 400 Filme gezeigt wurden, machte die Berlinale diverser, aber auch träger und beliebiger. So können auch in diesem Jahr die würdigen Preisträger den Eindruck eines dürftigen Wettbewerbsjahrgangs nicht abschwächen. Angefangen mit dem kruden Eröffnungsfilm "The Kindness of Strangers" über Hans Petter Molands Schmonzette "Pferde stehlen" bis zu Fatih Akins Karrieretiefpunkt "Der goldene Handschuh" ließ die Programmierung das vermeintliche "Herzstück des Festivals" (Zitat Berlinale) an der Grenze zum Infarkt erscheinen.

Als am Freitag kein Film mehr in Konkurrenz zu sehen war, weil der letzte Beitrag von Zhang Yimou kurzfristig von den chinesischen Behörden blockiert wurde, leerte sich das Festivalzentrum Potsdamer Platz schon merklich - und das zwei Tage vor dem offiziellen Ende.

Keine Energie für Protest

Wie gut hätte man die Lücke mit Gesprächen und Aktionen zu Zensur im Kino füllen können. Schließlich legte die sehr kurzfristige Absetzung nahe, dass die chinesischen Behörden den Film, der von den Folgen der Kulturrevolution erzählt, aus politischen Gründen

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verhindern wollten. Doch für solche Auseinandersetzungen konnte das Festival scheinbar keine Energie mehr aufbringen. Ein Statement von Jury-Präsidentin Juliette Binoche, man hoffe, der Filme werde bald und weltweit zu sehen sein, musste am Ende genügen.

Anderswo zeigte das Festival ähnliche Ermüdungserscheinungen. Im 40. Jahr seines Bestehens hatte das Panorama neben seiner Jubiläumsfilmreihe vor allem die Sundance-Übernahmen "The Souvenir" und "Mid90s" zu bieten. Auch die Retrospektive mit ihrer Würdigung von deutschen Filmemacherinnen setzte keine nennenswerten Akzente, eine begleitende Ausstellung im Filmmuseum am Potsdamer Platz vermisste man ebenso.

Dagegen zeigte sich das Forum unter seiner Interimsführung unaufgeregt konzise und verband hochinteressante dokumentarische Arbeiten etwa von Thomas Heise oder Mischa Hedinger mit wilden Spielfilmexperimenten wie der Jelinek-Adaption "Die Kinder der Toten". Wie produktiv ein frischer Blick auf alte Gepflogenheiten sein kann, bewies das Leitungstrio nicht zuletzt auch mit seiner Entscheidung, die aufwendige Kunstausstellung "Forum Expanded" weit über die Berlinale hinweg geöffnet zu lassen und damit einem größeren Publikum zu erschließen.

Dieter Kosslick mit seinen Nachfolgern Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek
REUTERS

Dieter Kosslick mit seinen Nachfolgern Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek

Ein kluges Justieren an Stellschrauben wie Laufzeiten oder Veranstaltungsorten könnte unter der neuen Berlinale-Leitung deshalb schon für merkliche Veränderungen sorgen. So sollte Chatrian und Rissenbeek an der stärkeren Integration der Kinder- und Jugendreihe "Generation" gelegen sein. Die überzeugt nicht nur mit der wohl mutigsten Programmierung des Festivals - bei Jennifer Reeders greller Girl-Power-Hommage "Knives and Skin" war die Toleranz des jugendlichen Publikums fast überstrapaziert -, sondern auch mit der durchweg besten Stimmung.

Bislang ausgelagert in die entfernten Spielstätten Zoopalast und Haus der Kulturen der Welt, könnte die Berlinale dringend davon profitieren, die Energie und Begeisterungsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen an den Potsdamer Platz zu holen.

Am wichtigsten ist aber, dass Politik, Sponsoren, Verleiher und Kinobetreiber der neuen Leitung nun so viel Gestaltungsspielraum wie möglich einräumen, damit sich die Berlinale neu erfinden kann. In Zeiten, in denen die deutsche Kinolandschaft so dramatisch unter Zuschauerschwund leidet, sind echter Mut und wahre Kraftanstrengungen nötig, um das Kino und mit ihm sein größtes Fest zu stärken.

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