Letzter "Harry Potter"-Film Endstation Unsterblichkeit

Endlich erwachsen, alles vorbei? Mit dem letzten Teil der "Harry Potter"-Verfilmungen endet eine der größten Erfolgsgeschichten der Populärkultur. Aber "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 2" markiert nur vorläufig das Ende der Potter-Manie: Im Internet soll die Saga fortleben.

Von Wiebke Brauer


"Heute haben wir Harry verloren. Aber er ist noch immer bei uns." Neville Longbottom deutet mit der Hand auf sein Herz, er steht inmitten der Ruine von Hogwarts, der Schule für Hexerei und Zauberei. Hinter ihm versammelt stehen Gefährten und Mitstreiter, Figuren wie Hermine Granger, Ron Weasley, Luna Lovegood und Professor Minerva McGonagall. Es ist eine der dramatischsten Szenen im Kinofilm "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 2", der finalen Episode der Filmreihe um den Zauberlehrling, die am Donnerstag in den deutschen Kinos startet.

Nevilles Gesicht ist zerschunden vom Kampf gegen das Böse, groß ist er geworden und schmal. Kaum etwas erinnert noch an den dicklichen Jungen mit dem freundlichen Gesicht von damals, den die meisten noch aus der Zeit erinnern, als sie den ersten Band von Autorin Joanne K. Rowling lasen oder sich vor dem Einschlafen vorlesen ließen. "Harry Potter und der Stein der Weisen" hieß das Buch, 1997 kam es auf den deutschen Markt. Kaum einer hätte damals vermutet, dass uns die Hauptfigur dieses Romans noch so viele Jahre verfolgen würde. 14 Jahre ist das nun her.

In dieser Zeit hat sich Harry Potter in einen Superstar verwandelt. Rowlings sieben Potter-Romane wurden in 69 Sprachen und Dialekte übersetzt, in Urdu, ins Grönländische und ins Albanische, der erste Band sogar ins Lateinische und Altgriechische. Weltweit wurden inzwischen 450 Millionen Exemplare verkauft, allein 30 Millionen davon in deutscher Sprache. Die vorletzte Verfilmung, "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 1", spielte in nur fünf Tagen weltweit 330 Millionen Dollar ein, 4,4 Milliarden Euro wurden insgesamt mit den Adaptionen an der Kinokasse eingefahren.

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Letzter "Harry Potter"-Film: Freunde fürs Leben

Einer von uns

Mit Potter druckt man Geld, und die Maschinerie mit der Magie läuft wie geschmiert: Das Geschäftsmodell umfasst Videospiele, den Themenpark "The Wizarding World of Harry Potter" in Orlando (US-Bundesstaat Florida), dazu Brettspiele, zahllose Devotionalien wie Zauberstäbe für 39,95 Euro oder Hermines Kristallkette für 64,90 Euro. Niemals, so sagt man, habe jemand mit der Schriftstellerei so viel Geld verdient wie Joanne K. Rowling. 570 Millionen britische Pfund soll sie als Honorar erhalten haben, eine Million Dollar brachten ihr allein die Filmrechte an den ersten vier Bänden ein.

Wem bei diesen Zahlen schwindelt, darf sich erst gar nicht vorstellen, dass wahrscheinlich eine halbe Milliarde Leser zur gleichen Zeit das gleiche Buch lasen - nahezu ein Zehntel der Menschheit. Was fasziniert die Massen so sehr an dem Jungen mit der Narbe auf der Stirn? Was bringt Menschen jeden Alters und jeder Nationalität dazu, sich der globalen "Pottermania" zu ergeben, in Fan-Foren jedes Detail zu diskutieren und jede Facette der Romanfiguren weiterzuspinnen oder zu illustrieren?

Eine universelle Antwort mag lauten: Der Potter ist einer von uns, ganz gewöhnlich, und doch etwas ganz Besonderes. Ein schmalbrüstiges und ungeliebtes Waisenkind mit Brille, das Aschenbrödel gleich in einer Abseite unter der Treppe aufwächst und mit elf Jahren erfährt, dass es der Auserwählte sei. Harry Potter ist eine nahbare Figur, die sich ihren diffusen Ängsten mutig stellt, Opfer und Held zugleich. Wer möchte sich damit nicht identifizieren?

Mit dem Sonderzug entfleucht er dem tristen Leben im Ligusterweg Nummer 4 und erlebt fortan wunderliche Abenteuer auf dem Schloss Hogwarts. Hier findet Harry (Daniel Radcliffe) auch wahre Freundschaft, in Form von seinen beiden Mitschülern Ron und Hermine (Rupert Grint und Emma Watson). Ein Paralleluniversum, das vor großen Gesten nur so strotzt und in dem es vor mystischen Figuren nur so wimmelt. Vorbei ist es mit der Tristesse des Muggelig-Menschlichen, stattdessen bevölkern Werwölfe die schöne alte Welt, Kobolde und Drachen, Basilisken und Hippogreifen.

Mit Harry Potter wurde das Fantasy-Genre neu belebt, wobei Kritiker immer wieder behaupteten, Rowlings Kanon besäße an sich nichts Genuines, sondern vermenge lediglich Geschichten von J. R. R. Tolkien, Charles Dickens, C. S. Lewis und John Bellairs zu einem Konglomerat der phantastisch-literarischen Popkultur, gewürzt mit jener Prise Rückwärtsgewandtheit, die dem Fantasy-Genre immer zu eigen ist. Vermischt wird das Ganze mit hehren Werten wie Freundschaft und Loyalität, eingerahmt wird es vom ewigen Kampf zwischen Gut und Böse. Darüber kann man die Zeit schon einmal vergessen.

Auf in die finale Schlacht!

Im nunmehr letzten Teil der Saga zieht Harry Potter in die finale Schlacht gegen seinen Erzfeind Lord Voldemort (Ralph Fiennes). Harry, Ron und Hermine müssen die noch übrigen vier Horkruxe, magische Gefäße, finden und zerstören, weil Voldemort in ihnen Teile seiner Seele abgelegt hat. Ansonsten droht die Unsterblichkeit des Widersachers und die ewige Herrschaft der Dunkelheit. Auf ihrer Suche nach den Artefakten trifft man alte Bekannte wie den Kobold Griphook (Warwick Davis), der in der Gringotts-Bank arbeitet oder Widersacher wie Bellatrix Lestrange (Helena Bonham Carter). Drachen werden geritten, Kobolde verhext und Zauberstäbe geschwungen, zu guter Letzt führt die Jagd die drei Freunde zurück nach Hogwarts. Es beginnt eine fulminante Schlacht gegen die Schurken, die sich vor dem Internat formiert haben. Schutzwälle werden errichtet und zerbersten, die Große Halle liegt in Trümmern, Brücken werden gesprengt, Trolle und Spinnen fallen ein und haschen Effekte, zum Schluss liegt das Schloss in Schutt und Asche.

Viele Opfer forderte die Geschichte über die Jahre, und auch im letzten Teil lassen einige ihr Leben. Was einst als kindgerechte Gute-Nacht-Lektüre begann, endet in Zerstörung und Tod, die auch die Titelfigur nicht verschont. Millionen Potter-Leser wissen: Als ultimative Waffe wählt Harry den Heldentod, kehrt aber auf wundersame Weise ins alltägliche Leben zurück. Harrys Geschichte ist letztlich auch eine des Verlustes, der Flüchtigkeit der Jugend und des Erwachsenwerdens. Aus dem Knirps von einst ist ein echter Kerl geworden. "Du bist ein wunderbarer Junge," sagt der weise Oberlehrer Albus Dumbledore einmal zu seinem einstigen Zögling, "und ein mutiger Mann."

Der Zuschauer verabschiedet sich mit dem - nun auch filmischen - Ende der Reihe von seiner eigenen Kindheit. Mit Harry, Hermine und Ron sind wir alt geworden, erst schleichend Schuljahr um Schuljahr, dann sprunghaft. Einst futterte das Trio zusammen Schoko-Frösche und spielte Quidditch, jetzt sprießen Haare auf Daniel Radcliffes Brust; der einstige Backfisch Emma Watson war vor kurzem auf dem Cover der "Vogue" zu bewundern. In einer der letzten Sequenzen des von Regisseur David Yates routiniert inszenierten Abenteuer-Finales sehen wir die ehemaligen Schulfreunde 19 Jahre später auf dem Bahngleis 9 3/4 am Londoner King's Cross, sie bringen ihre Kinder zum Hogwarts Express. Harry hat Falten, Ron ist ein bisschen füllig um die Mitte geworden. Vorbei ist der unschuldige Spuk.

Da tröstet es vielleicht, dass am 31. Juli die neue Fanseite www.pottermore.com online geht, eine von Joanne K. Rowling initiierte Plattform, auf der sich Nutzer registrieren und die virtuelle Zauberschule besuchen können. Übrigens kann man dort erstmals auch die sieben Romane als E-Books erstehen - und die Potter-Saga kraft der eigenen Phantasie fortschreiben. Wer weiß, vielleicht zaubert Rowling daraus noch den einen oder anderen Bestseller. Der Zauber des Mammons ist eben mächtig. Wem das zu profan erscheint, sei noch ein Satz von Dumbledore mit auf den Weg gegeben: "Worte sind die ursprünglichste Art der Magie."



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Seite 1
stefan1904 12.07.2011
1. Fehler
---Zitat--- 570 Millionen britische Pfund soll sie als Honorar erhalten haben, eine Million Dollar brachten ihr allein die Filmrechte an den ersten vier Bänden ein. ---Zitatende--- Da stimmt doch was nicht... Freu mich schon riesig auf den letzten Harry Potter Film.
BlakesWort 12.07.2011
2. Spoileralarm aktiviert!
Zitat von sysopEndlich erwachsen, alles vorbei?*Mit dem letzten Teil der Harry-Potter-Verfilmungen endet eine der größten Erfolgsgeschichten der Populärkultur. Aber "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 2" markiert nur vorläufig das Ende der Potter-Manie: Im Internet soll die Saga fortleben. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,773849,00.html
Werte Frau Brauer, es mag Sie erstaunen, aber es gibt Leute die es bisher fertig brachten, nichts über das Ende von Harry Potter erfahren zu haben. Ich gehöre zwar nicht dazu, habe die Bücher gelesen, aber ich hasse Spoiler! Ansonsten, ein schwacher Artikel. Ein paar Worte der Einordnung hätten nicht geschadet, schließlich gilt bei vielen Fans ausgerechnet das letzte Buch der Reihe als das schlechteste. Zu viel Krawall, zu wenig Seele. Was Harry Potter ausmachte, opfert Rowling zugunsten eines - man könnte es fast spöttisch sagen - Hollywood-konformen Endes. Nur einmal während Harrys Nahtoderfahrung blitzt ihre wunderbare Gabe auf, Figuren zu schaffen, die außergewöhnlich und einzigartig wirken. Und dieses Merchandising wird nicht sterben, solange sich so gut damit Geld verdienen lässt. Hoffen wir nur, dass all die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, die vor Harry Potter Lesemuffel waren, der Literatur weiterhin zugetan bleiben!
stesoell 12.07.2011
3. oo
Zitat von stefan1904Da stimmt doch was nicht... Freu mich schon riesig auf den letzten Harry Potter Film.
1 Milliarde USD ... sic!
gemamundi 12.07.2011
4. Was soll denn nicht stimmen ?
Zitat von stefan1904Da stimmt doch was nicht... Freu mich schon riesig auf den letzten Harry Potter Film.
Was soll denn da nicht stimmen ? Wiederum zeigt sich nur,das Unterhaltung und legale Realitätsflucht sich erdbällchenweit gut verkaufen lässt und das ehemalige Sozialhilfeempfängerin nur etwas mehr Fantasie und Ausdauer als deren frühere SachbearbeiterInnen zu haben braucht,um ein wenig mehr zu verdienen als diese...- ist doch beruhigend und schafft Hoffnung ! Doch nicht etwa neidisch ?? ;-))
Antaguar 12.07.2011
5. 1 Mrd statt 1 Mio
Zitat von gemamundiWas soll denn da nicht stimmen ? Wiederum zeigt sich nur,das Unterhaltung und legale Realitätsflucht sich erdbällchenweit gut verkaufen lässt und das ehemalige Sozialhilfeempfängerin nur etwas mehr Fantasie und Ausdauer als deren frühere SachbearbeiterInnen zu haben braucht,um ein wenig mehr zu verdienen als diese...- ist doch beruhigend und schafft Hoffnung ! Doch nicht etwa neidisch ?? ;-))
Ich glaube, das Posting bezog sich einzig auf den Zahlenfehler.
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