Liebe im Kinofilm: Zum Sterben traurig

Von Daniel Haas

Was für eine Vorstellung: Liebe ist tragisch, eine Sache des Moments - alles Weitere nur Abschiednehmen. So zeigen es zurzeit die Kinofilme "Der seltsame Fall des Benjamin Button" und "Twilight". Was ist eigentlich aus der guten alten Beziehungsarbeit geworden?

Das unsterbliche Verliebtsein hat einen Haken: Wir sind endliche Wesen, oder in den Worten von Bella, der Heldin des Vampirfilms "Twilight": "Ich fange schon an zu sterben, in diesem Moment."

Der Vampir ist deshalb der beste und zugleich schrecklichste aller möglichen Liebhaber. Sein Begehren ist potentiell unendlich, gleichzeitig macht ihn seine Immunität gegen die Zeit zum überdeutlichen Spiegel menschlicher Vergänglichkeit.
"Philosophieren heißt sterben lernen", liest man bei Montaigne. Bella ist so gesehen der Prototyp des grübelnden Teenagers, der in der Blüte seiner Jahre die Kräfte des Verfalls stärker empfindet als andere.

Es ist aber nicht nur pubertäre Todessehnsucht, die in "Twilight" Gestalt annimmt. In der Begegnung von Bella (Kristin Stewart) und Edward (Robert Pattinson) wird Liebe zum traurigen Projekt, eine Übung in Fatalismus. Die moderne Idee, dass Intimität ein Resultat von Auseinandersetzung, Konfrontation und Solidarisierung ist, wird geleugnet.

Schauen und Grauen

Bella und Edward erkennen einander - der Film bannt diesen Moment in intensive Blicksequenzen, das Sehen wird zur Wesensschau -, von da an wird es melancholisch. Denn auf der Zeitachse driften die Liebenden immer weiter auseinander, ein gemeinsames Reifen gibt es nicht.

Auch "Der seltsame Fall des Benjamin Button" macht die Zeit zum tödlichen Gegner. Button (Brad Pitt) wird als alter Mensch geboren und immer jünger, die Geliebte (Cate Blanchett) wächst parallel zur Frau heran, um dann durch die Jahre alt und gebrechlich zu werden. Auch dieses Paar reist auf der Zeitspur in verschiedene Richtungen; das Wachsen des einen ist das Vergehen des andern.

Der in ewiger Jugend gefangene Vampir, der sich verjüngende Greis: Das sind Projektionen einer Romantik, an der pragmatische Forderungen von vornherein abprallen. Es gibt die Gewissheit der Bestimmung füreinander, alles weitere ist ein Sich-Stemmen gegen und Leiden an der Zeit.

Nicht die konventionelle Mühsal der gemeinsam verbrachten Jahre muss gemeistert werden, auch die diplomatischen Gesetze, die verbindliche Beziehungen und Ehen regeln, gelten nicht. Geliebt wird im Ausnahmezustand - weil jeder Moment gesättigt ist mit Abschiedsschmerz.

Das Kino kennt viele Geschichten von der unglücklichen, zeitlich bedrohten Liebe. Ein berühmtes Beispiel ist "Harold und Maude", die Romanze eines 20-Jährigen und einer 79-jährigen Lady. Aber hier ist der Gegner weniger das Alter als die gesellschaftliche Konvention. Die Greisin als Subjekt der Lust, das ist (bis heute, trotz Andreas Dresens "Wolke 9") ungewöhnlich, stört patriarchalische Vorstellungen von Sexualität.

Mit umgekehrten Vorzeichen dramatisierte zuletzt der Film "Elegy" das Verhältnis von Liebe, Alter und Tod. Eine schwerkranke junge Schöne (Penelope Cruz), ein älterer Professor (Ben Kingsley): Mit diesen Figuren ließ sich ebenfalls vom Verhängnis der Zeit erzählen. Doch auch diese Helden bewegten sich gemeinsam durch die Gegenwart, ihre Zukunft und Vergangenheit hatten dieselben Koordinaten.

Entwicklungsfremdheit bis ins Grab

So dramatisch diese Geschichten waren: Sie überließen den Liebenden doch eine, wenn auch geringe, Spanne zur Beziehungsarbeit. Das ist ja die Grundidee von Entwicklung: Dass wir in der Zeit aufeinander bezogen sind und am gemeinsamen Fortschritt arbeiten, sei er sozial oder kulturell oder politisch. Dafür muss sich aber die Verfassung von Gegenwart und Zukunft der Helden einigermaßen entsprechen; sie darf nicht in ewiger Jugend gefangen sein oder er durch die Jahre hinweg schrumpfen, bis die Wiege zum Sarg wird.

Der Vampir ist dabei die schärfste Absage an progressive Vorstellungen. Der Blutsauger-Junge reift ja schon äußerlich nicht; auf ewig ist er zum Drücken der Schulbank verdammt. "Twilight" greift dieses Dilemma in einer hübschen Szene auf und zeigt die vielen Highschool-Hüte, die Edward und seine Geschwister bei ihren immer wiederkehrenden Abschlussfeiern bereits getragen haben.

So wandert der Vampir durch die Jahrhunderte, auf ewig gefangen in jenem Moment, da er zum Untoten wurde (man sollte sich daher so um Mitte 20 beißen lassen - keine Schule mehr; das Berufsleben ist aber noch fern).

In der medialen Vergötterung dieser Figur kommt ein großes Ressentiment gegen die Moderne zum Ausdruck, gegen ihre Idee von Machbarkeit und Fortschritt. Dazu passt auch die Idee der Keuschheit, die "Twilight" unter der Hand bebildert: Edward will die Geliebte noch nicht mal richtig küssen, aus Angst die Kontrolle zu verlieren.

Groß muss das Ressentiment gegen die Zukunft sein, verstanden als Raum von Möglichkeiten, mit all seinen Ansprüchen an unsere Lern- und Gestaltungsfähigkeiten, wenn dies unsere Kinoträume sind. Sterben Liebende wie in "Benjamin Button" wirklich aneinander vorbei? Sind sie wie in "Twilight" nur schöne Gespenster? Was für eine traurige Vorstellung.

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