Liebesdrama "Alle anderen" Was ich dir noch sagen wollte

So leicht und flirrend war lange kein deutscher Sommerfilm mehr. Mit "Alle anderen" ist Maren Ade ein Wunder geglückt: Ein Drama über leise Liebesbeben mit einer großartigen Hauptdarstellerin und so wahren Dialogen, dass man sie aus dem eigenen Leben zu kennen glaubt.

Von Birgit Glombitza


Der Mund formt ein stummes "O", ganz groß und rund. Noch ein Röcheln, ein Griff in die Herzgegend, ein letzter fassungsloser Blick auf die etwa vierjährige Schützin - dann stürzt der erledigte Körper in den Pool.

Eine hochdramatische Sterbeszene zur Belustigung eines kleinen, muffigen Mädchens.

Am Schluss von "Alle anderen" wird Gitti, gespielt von der großartigen Birgit Minichmayr, wieder wie leblos vor uns liegen. Und es wird wieder nicht ihr Ende sein - aber das eines Paares, zumindest so wie es war. Es wird sich neu finden oder trennen müssen. Und was zwischen diesem zweifachen infantilen Sich-Totstellen, diesem verzweifelten Versuch, sich selbst mit Bedeutung aufzuladen, liegt, ist das ganz alltägliche Spiel der Liebe, das Drama einer Entzauberung.

Den ganzen Film über geht es um nichts anderes. Und es ist schon erstaunlich, wie sicher sich die Regisseurin Maren Ade ("Der Wald vor lauter Bäumen") in ihrem zweiten Spielfilm gewesen sein muss, dass die Liebe und ihre stinknormale Ernüchterung als Stoff für einen Film reicht. Und was für einen.

"Alle anderen", dessen Regisseurin, Hauptdarstellerin und Ausstattung (Silke Fischer) mit Preisen (Silberne Bären, Femina-Film-Preis) bedacht wurde, ist der französischste von den jüngeren deutschen Filmen. Ein Sommerfilm, leicht, flirrend, erhitzt. Manchmal wirbeln Windböen die unter der Oberfläche liegende Thermik einer Stimmung nach oben. Manchmal drückt mit der Hitze das Warten aufs Gemüt. Das Warten darauf, dass eine Spannung verfliegt, Gäste verschwinden, die Ferien vergehen. Man denkt an Rohmer bei dieser Geschichte über Menschen, denen es ganz gut geht und die trotzdem, wenn sie sich selbst ausgesetzt sind, erschüttert werden von einer Krise, die keine Ursachen hat, weil diese Krise das Leben selbst ist.

Gitti, Pressefrau bei einem Musiklabel, burschikos und direkt, und Chris (Lars Eidinger), ein ambitionierter Architekt, schlaksig und unsicher, sind in den Sommerferien verreist, ins Ferienhaus von Chris' Eltern. Das Domizil steht auf Sardinien, hat einen Pool, liegt nicht für jeden einsehbar auf einer Anhöhe und ist dennoch eines von vielen seiner Art. Gitti läuft im Bikini herum, Chris in kaputten Jeans.

Einmal schminkt sie ihn mit hellblauem Lidschatten und rosa Lippenstift, einmal führt er ihr einen Schmachttanz vor. Man kocht, man isst, liebt sich. Und irgendwann fragt man sich, ob es für den einen ausreicht, wie man ist, oder ob man etwas vermisst. Die Männlichkeit zum Beispiel. Doch als Chris zum ersten Mal seinen Arm wie ein echter Kerl von oben über Gittis Schulter legt, zuckt man mit ihr zusammen, so seltsam wirkt das, so ungewohnt. Was noch fehlen könnte? Der berufliche Erfolg.

Schon sind wir mitten im Leben. Mit seinen Kompromissen, die alle sorgfältig gemachten Konzepte zerschlagen. Mit seinen Rollenspielen für Erfolgreiche und Kreative, für Frauen und Männer. Und mitten in der Lüge: Chris verschweigt Gitti, dass sein Wettbewerbsentwurf, von dem er sich soviel erhofft hatte, rausgeflogen ist.

Im Supermarkt trifft dieses Paar, dessen größte Stärke gerade in seiner Infantilität und seiner geschlechtlichen Uneindeutigkeit liegt, auf ein anderes mit traditionelleren Geschlechterrollen. Hans (Hans-Jochen Wagner), ein zotenreissender Angeber und Sana (Nicole Marischka), mädchenhaft, hübsch und angepasst. Ein Zusammentreffen, das nach und nach Gittis und Chris' Liebe in Schieflage geraten lässt.

Chris erprobt sich in den Männlichkeitsgesten des erfolgreichen Architektenkollegen, Gitti in der Sanftheit einer immer nur dabei stehenden Frau. Chris übernimmt den Auftrag, ein Ferienanwesen umzugestalten, eine Bau-Kosmetik also, für die er sich zuvor nie hergegeben hätte. Gitti kauft sich ein piefiges Kleid, das ihr nicht steht und versucht sich als freundliche, zurückhaltende Gastgeberin. Und in einem Anflug eingebildeter Männlichkeit ahmt Chris nun Hans nach und wirft Gitti angezogen in den Pool.

Das ist der Tiefpunkt, nichts stimmt mehr. Eine Tragödie ist passiert, irgendwo in diesem utopischen Zwischenreich der frisch Verknallten mit all seinen kleinen, bizarren Ritualen - und den ersten winzigen Irritationen.

Das Entwaffnende an "Alle anderen" ist, dass der Film gar nicht vorgibt, den Lauf der Dinge oder ihr Regelwerk zu durchschauen. Er beobachtet, nimmt hier und da etwas symbolisch vorweg, deutet an oder fügt Szenen zusammen, die sich so auf ganz neue Weise gegenseitig kommentieren.

Er sympathisiert mal mit der Albernheit des Einen, mal mit dem Ärger des Anderen. Die Einsicht in die Natur der Liebe, die sich Gitti und Chris umso mehr entzieht, je mehr sie sich ihrer versichern wollen, ist nicht die Stärke dieses Films - es sein gutes Gespür für ihre leisen Erschütterungen, das sich vor allem in den Dialogen manifestiert. In der wüsten Ehrlichkeit dieser Thirtysomethings, in ihren kindlich verzweifelten Untertönen und nicht zuletzt in dem, was sie auslassen. Lange hat man im deutschen Kino so einen sicheren Umgang mit Nuancen in Betonungen, semantischen Verschiebungen und Pausen nicht mehr zu hören bekommen.

Was da so luftig und so nah an den Wahrheiten des eigenen kleinen Lebens vorbeizuhüpfen scheint, ist das Produkt harter Arbeit. Drei Jahre hat Maren Ade daran gesessen, damit nichts aufweicht, nichts unscharf wird. Und wir etwas sehen können, was sonst vielleicht zu klein, zu normal, zu vertraut wäre. Darin liegt ihre Kunst. Und weil die hier auf große Schauspielerinnen und Schauspieler trifft, müssen wir mit allem rechnen.

Der Liebe und ihrem Ende, dem Tod.



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