Liebesdrama "Love Life" Hedonist auf Entzug

Stijn liebt das Leben, die Frauen, das Feiern - und am allermeisten Carmen - die eines Tages an Brustkrebs erkrankt. Das holländische Kino-Melodram "Love Life - Liebe trifft Leben" ist ein Ausflug an die Grenzen des Erträglichen.

Von Maren Keller

Camino

"Love Life - Liebe trifft Leben" ist auch die Geschichte eines Betrugs: Der Werber Stijn (Barry Atsma) betrügt seine Frau Carmen (Carice van Houten), und wohl deshalb will die Facebook-Werbeseite des Films wissen: "Was meint ihr zu dem Thema - sind es nur die Männer, die - wie Stijn - fremdgehen und sich außerhalb der Beziehung vergnügen? Oder können Frauen Affären einfach besser vertuschen?" Zwinkersmiley.

Sie merken - zwinker, zwinker - heute laden wir Sie ein zu einem kleinen Ausflug an die Grenzen des Erträglichen. Und damit ist nicht nur die Facebook-PR für diesen Film gemeint. Denn "Love Life" vom niederländischen Regisseur Reinout Oerlemans ist so unerträglich, dass man sich nach kurzer Zeit wünscht, er handle tatsächlich von diesen Frauenzeitschriftsproblemgeschichten, in der die Männer fremdgehen (typisch!). Und manchmal kommt dann auch raus, dass es die Frauen waren (die ihre Affären aber besser vertuschen), weil die Welt eben doch ein klitzekleines bisschen komplizierter ist.

In "Love Life" (erzählt nach dem autobiografischen Roman "Mitten ins Gesicht" des Schriftstellers Ray Kluun) ist die Welt jedoch noch eine ganze Ecke komplizierter, denn Carmen hat Krebs. In den Jahren vor der Krankheit nahm sie Stijns Seitensprünge hin. Stijn und Carmen bauten ein Haus außerhalb von Amsterdam und bekamen eine Tochter. Stijn traf andere Frauen im Urlaub und in den Clubs - kleine Abenteuer ohne Bedeutung, von denen Carmen ahnt und manchmal auch weiß, die aber dem Familienglück in ihrem Zuhause nicht gefährlich werden. Bis Carmen die Diagnose bekommt - Brustkrebs. Sie lässt sich die Brust amputieren und fährt zur Chemotherapie ins Krankenhaus. Sie kauft sich Perücken, nachdem sie eines Tages während eines Meetings eine Haarsträhne zwischen den Unterlagen verstecken musste.

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Liebesdrama "Love Life": Hedonist auf Entzug
Fremdgehen als Lebenselixier

Und plötzlich erträgt sie es nicht mehr, Stijn bei anderen Frauen zu wissen. Sie bittet ihn, treu zu bleiben - was Stijn auch versucht. Nur ist es so, dass Stijn seit der Diagnose das Fremdgehen wirklich braucht. Zum ersten Mal bedeuten ihm die Nächte etwas - sie schenken ihm die Unbekümmertheit, die ihm die Krankheit Carmens geraubt hat. Und die Lust auf das Leben, die irgendwann von der Angst vor dem Tod abgelöst worden ist. Das Fremdgehen ist jetzt kein Abenteuer mehr, sondern ein Lebenselixier in einem ganz unkitschigen Sinn. Carmen braucht Stijn und Stijn braucht die anderen Frauen. Er ist ein Hedonist auf Entzug. Je mehr Carmen zur Sterbenden wird, umso dringlicher zieht es Stijn zu den Lebenden.

Und so kommt es, dass Stijn im Bett einer Künstlerin liegt, während Carmen sich zu Hause in ihrem Bad übergibt, was schwer zu ertragen ist für Carmen, Stijn und die Künstlerin. Und - das kann man leicht ahnen - auch für den Zuschauer. Dieser Film will sein Publikum zum Weinen bringen, und das schafft er mit so viel kalkulierter Finesse, dass es nur die Gefühllosesten unter den Eisblöcken schaffen werden, ihre Tränen zurückzuhalten.

Sterbebegleitung in Hochglanzoptik

Aber nicht jeder wird "Love Life" - in den Niederlanden ein spektakulärer Erfolg - seine Tränen gönnen wollen. Wer hätte geahnt, dass es an den Grenzen des Erträglichen nicht etwa grau und verfallen aussieht, sondern hochglänzend bunt. Der Film spielt im Umkreis einer Werbeagentur und könnte tatsächlich von eben dieser Werbeagentur produziert worden sein. In ihren letzten Wochen will Carmen noch einmal das Leben genießen - und geht teure Pumps shoppen. Die Menschen sind ausnahmslos jung und schön, die Clubs glitzern, die Gräser wogen und die Mützen, die sich Carmen über den kahlen Kopf zieht, sind so Kaschmirwolle-weich, dass man nach wenigen Minuten bereitwillig und gehirngewaschen alles kaufen würde - hätte einem nicht die Geschichte längst den Appetit verdorben.

Dieser Film schubst seine Figuren in ihre eigenen Abgründe und in die Abgründe des Lebens, wo man sie nach moralischen Maßstäben nicht mehr zu bewerten wagt. Was ist nun falsch oder richtig? Ehrenhaft oder überhaupt möglich? Zu erwarten? Zu hoffen? Der Film stellt jede Menge große und komplizierte Fragen an die Ehe und die Liebe und das Leben. Und ob nun eigentlich immer nur die Männer fremdgehen, oder ob Frauen ihre Affären nur besser vertuschen können, ist nun wirklich keine davon.


"Love Life - Liebe trifft Leben". Start: 29.9. Regie: Reinout Oerlemans. Mit Barry Atsma, Carice van Houten.

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yogibimbi 29.09.2011
1. Statistik
Naja, also diese Behauptung, dass immer nur die Männer fremdgehen kann ja einfach schon mal statistisch nicht funktionieren. Mit irgendjemandem müssen die Männer dann ja auch fremdgehen. Und da Sex nunmal in der überwiegenden Zahl der Fälle eine einfache 1:1 Zuordnung ist, sollte sich da für jeden Mann, der fremdgeht, auch eine Frau finden, die fremdgeht. Oder es gibt ein paar Frauen, die alle die Männer unterbringen, die fremd gehen. Wie man es sich aber dann anschaut, die Lüge von unschuldigen Engeln kann man in keinem der beiden Fälle aufrecht erhalten.
kulinux 29.09.2011
2. Traue keiner Statistik …
Zitat von yogibimbiNaja, also diese Behauptung, dass immer nur die Männer fremdgehen kann ja einfach schon mal statistisch nicht funktionieren. Mit irgendjemandem müssen die Männer dann ja auch fremdgehen. Und da Sex nunmal in der überwiegenden Zahl der Fälle eine einfache 1:1 Zuordnung ist, sollte sich da für jeden Mann, der fremdgeht, auch eine Frau finden, die fremdgeht. Oder es gibt ein paar Frauen, die alle die Männer unterbringen, die fremd gehen. Wie man es sich aber dann anschaut, die Lüge von unschuldigen Engeln kann man in keinem der beiden Fälle aufrecht erhalten.
uiuiui, sind Sie so naiv? Was machen denn die Männer, welche täglich zu den mindestens 400'000 Prostituierten in Deutschland gehen? Ach so, die gehen nicht fremd (jeder 4. regelmäßig; der Rest "unregelmäßig"), die nutzen "nur" auf eine m.E. kriminelle Weise die Notlage von Frauen zur Befriedigung ihrer niedrigsten Triebe aus … das werden die Gattinnen und Freundinnen sicherlich nicht als "Fremdgehen" bewerten und großmütig drüber hinweg sehen … oder? Deswegen muss man sie auch gar nicht erst mit dem Wissen behelligen … bzw. sie behelligen sich selbst nicht damit, um des "lieben Friedens" willen? Aber so ganz Unrecht haben Sie vielleicht doch nicht: Ca. 10% aller Kinder stammen nicht von dem Mann ab, der als ihr leiblicher Vater gilt (zumeist also der Ehemann oder Lebenspartner der Mutter). D.h., mindestens jeder 10. Sexualkontakt von Frauen in "festen" Beziehungen findet statistisch gesehen "fremd" statt … Vermutlich liegt die also Dunkelziffer noch "etwas" höher. Natürlich wissen diese "Väter" i.d.R. nichts von dem Betrug. Unterstellt man nun, dass die Mütter beim Fremdgehen wenigstens "etwas" aufpassen (oder zumindest gelegentlich verhüten) und dass sie auch wie alle anderen nur wenige Tage im Monat schwanger werden können …*so ergeben die 10%-Kuckuckskinder eine (geschätzte) "Fremdgehrate", die sicherlich nicht deutlich unter derjenigen der Männer liegt (s.o.: also mindestens 25%), welche nicht (nur) zu Prostituierten gehen, sondern sich auch noch "Seitensprünge" ohne (direkte) "finanzielle Eigenbeteiligung" leisten - denn viele "Freundinnen" bevorzugen sicherlich die wohl situierten Männer … Ich will hier aber gar nicht den Moralapostel spielen: Ich halte es nämlich – entgegen der vorgeschobenen, heuchlerischen bürgerlich-christlichen Moral – für durchaus normal, dass Menschen nicht ein Leben lang mit demselben Partner Sex haben wollen. Aber ich finde die Heuchelei, das Gegenteil zu behaupten und sich selbst nicht dran zu halten, sowie die sexuelle Ausbeutung einfach nur widerlich, ekelerregend und letztlich menschenunwürdig. Sowohl für die Ausgebeuteten und Betrogenen als auch für die "Betrüger", die sich gezwungen sehen, auf derart krankhafte Art ihre "Männlichkeit" immer und immer wieder zu beweisen und Sklaven ihres P****** zu sein, statt ihre natürliche Sexualität in einer freien, offenen und selbstbestimmten Weise ausleben zu können. Denn dies wollen eigentlich Männlein und Weiblein – sonst gäbe es nicht solche Statistiken. Lediglich eine verbohrte (und in den letzten Jahren wieder erstarkende) und diskriminierende Sexualmoral hindert die Menschen daran, das, was eigentlich den schönsten - und biologisch/gattungsgeschichtlich: wichtigsten - Teil ihres Lebens ausmacht, zu genießen. Ach ja: schöne Grüße an alle, die uns daran zu hindern versuchen: die "Christen", Moslems und andere (nicht nur diesbezügliche) Fundamentalisten!
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